Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist. Heiner Geißler

Sind wir das Volk?

Es ist ein leichtes, Proteste gegen die Flut an Zuwanderern als stumpfen Rassismus abzutun. Ein Besuch in Dresden zeigt aber: so einfach ist es längst nicht.

Waren Sie schon einmal bei einer Demonstration? Also bei einer richtigen, vitalen Demo? So mittendrin meine ich, im Nukleus, dem fleischgewordenen Protest? Zumeist ist es laut, überall zischt und knallt es. Die Teilnehmer tanzen herum, klatschen und singen. Oder sie schmeißen Steine, Flaschen, urinieren zwischen die endlosen Reihen der Polizisten. Feuer oder Wasser, Ausschreitungen oder Kinderbasar.

Hand aufs Herz: Irgendwie ist beides furchtbar nervig und anstrengend. Abstoßend wirkt es auf den gemeinen Bürger sowieso, egal ob schwarz vermummt oder bunt beflaggt. Anschlussfähig, gar massentauglich ist das jedenfalls nicht. Doch was passiert eigentlich, wenn es plötzlich normale Bürger sind, Hinz und Kunz, die da auf der Straße stehen und protestieren? Dresden findet es gerade heraus.

Die Stadt brodelt! Und Deutschland tut es auch

Doch zunächst zu den Hintergründen. Die Asylfrage, an der sich die viel zitierten Geister bereits seit Monaten heftig scheiden, ist zu einem regelrechten Pulverfass der öffentlichen Meinung geworden. Während die deutschen Leitmedien nahezu identisch verlautbaren, die Deutschen seien bis auf einen kleinen, reaktionären Prozentsatz überwiegend gastfreundlich, verständnisvoll und von einer herzlichen „Willkommenskultur“ geprägt, spricht das Volk vielerorts eine andere Sprache.

Eine Sprache, die unterschiedlicher kaum sein könnte und auf eklatante Art und Weise deutlich macht, wo die Bruch- und Trennlinien, die Gräben unserer Gesellschaft verlaufen. In Dresden gewinnt die Asylfrage seit einigen Wochen an besonderer Brisanz. Denn die Stadt kündigte kürzlich an, bis 2016 zwölf neue Asylheime in Stadtnähe bauen zu wollen. Die Zahl der Asylbewerber würde sich nach ersten offiziellen Meldungen somit innerhalb von rund zwei Jahren mindestens verdoppeln.

Die großflächige Reaktion der Anwohner folgte prompt: kleine Demonstrationen und Mahnwachen in verschiedenen betroffenen Stadtteilen, Beschwerdebriefe, energische Kritik und Rückfragen auf zahlreichen Podien und in öffentlichen Diskussionsrunden der Stadt sowie vieles, vieles mehr. Selbstredend versuchte auch hier die „Zivilgesellschaft“ zu suggerieren, der Protest stamme lediglich aus einem reaktionären, ängstlichen und kaum nennenswerten Prozentsatz der Stadtbevölkerung. Doch wer sich als ständiger Gast in Elbflorenz umhört, mit den Menschen spricht und nicht die üblichen, politisch-korrekten Scheuklappen aufsetzt, hört andere Töne. Die Stadt brodelt! Und Deutschland tut es auch. Nur: Wie weiter?

Während die Medien jedweder politischer Couleur gen Köln und Hannover („Hooligans gegen Salafisten“) sowie nach Berlin (neuerliche „Montagsdemonstrationen“ rund um Compact-Chefredakteur Jürgen Elsässer und Ex-RBB-Moderator Ken Jebsen) blickten und in selbstgerechtem Gleichschritt verbal auf sie einschlugen, gar von einer Gefährdung des Rechtsstaates sprachen und schrieben, formierte sich im Windschatten jener Ereignisse eine Bewegung, die gänzlich anderen Kalibers ist. Die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands“, kurz PEGIDA, brachten vergangenen Montag, dem 24. November 2014, beeindruckende 5.500 Bürger (offizielle Zahlen der Polizei) auf die Straße. Wohin das Auge reichte, spazierten Jung und Alt gen Theaterplatz, zogen vor die ehrwürdige, symbolträchtige Semperoper und skandierten laut und bestimmt einen einfachen, wirkmächtigen Satz: „Wir sind das Volk!“

Sind wir am Ende alle Rassisten?

Doch wofür steht eigentlich jene Bewegung, die sich selbst PEGIDA nennt? Urteilt man lediglich anhand der Schlagzeilen, die von den Leitmedien in die Runde geworfen werden, handelt es sich bei den Tausenden, die jeden Montag erneut zusammenfinden, um eine versprengte Masse radikaler „Rechtsextremer“ (FOCUS) und „Muslimhasser“ (taz). Von „rassistischem Protest“ (ZEIT) ist die Rede, „diffuse Ängste“ (Deutschlandfunk) würden hier geschürt. PEGIDA – Das „Einfallstor der extremen Rechten“, wie publikative.org zu wissen meint?

Unschwer fällt ins Auge, dass sich die deutschen Leitmedien in ihrer Beurteilung der montäglichen Aktivitäten in Dresden weitestgehend einig sind. Nur: Wer war wirklich vor Ort? Und: Wie kommt es, dass ein beachtlicher Querschnitt der deutschen Bevölkerung diese Schlagzeilen partout nicht unterschreiben will? Sind wir am Ende alle Rassisten?

Die Forderungen von PEGIDA klingen vergleichsweise handzahm. PEGIDA hat schnell und richtig erkannt, wie eine wirksame Demonstration funktioniert. Hierfür haben die Organisatoren um Lutz Bachmann nicht nur einen klaren Regelkatalog aufgestellt – also das Verbot von Alkohol, stumpfen Parolen und unüberlegten Interviews gegenüber der Presse – sondern auch einen Ton angeschlagen, der für den besorgten Bürger anschlussfähig ist. So plädiert PEGIDA etwa für eine „kontrollierte Zuwanderung nach einem Modell von Kanada, Australien oder der Schweiz“, die „Bewahrung und [den] Schutz unserer deutschen Identität und unserer christlich-jüdischen Abendlandkultur“ sowie sofortige „Abschiebung straffällig gewordener Zuwanderer und scharfe Wiedereinreisekontrollen in ganz Europa“

Es sind spannende Zeiten, in denen wir leben.

Hinter diesen Forderungen steht keineswegs eine geschlossene Weltanschauung oder ein genereller Rassismus, so wie es die Medien gerne darstellen würden. Vielmehr lässt sich in Dresden jeden Montag erneut ein Phänomen beobachten, das in Deutschland längst tot zu sein schien. Denn hier gehen nicht jene auf die Straße, die ohnehin schon eine klare Überzeugung vertreten. Es ist der durchschnittliche, gemeine Bürger, der in Dresden jeden Montag erneut auf die Straße geht. Offiziell gegen die radikale Islamisierung Deutschlands, doch, und so ehrlich gilt es zu sein, vornehmlich gegen die massenhafte Überfremdung unseres Landes.

Während deutsche Medien weiterhin fieberhaft „10 Gründe [suchen], warum Deutschland ohne Ausländer ziemlich trostlos wäre“, spricht das Volk eine andere Sprache. In mehreren Städten hat PEGIDA bereits Nachahmer gefunden. In Dresden heißt es Montag wieder: „Wir sind das Volk!“

Es sind spannende Zeiten, in denen wir leben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulla Jelpke, Daniel Günther, Egidius Schwarz.

Leserbriefe

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