Den Ton nicht getroffen

von Philip Stein12.03.2014Gesellschaft & Kultur

Ob AfD oder Neue Rechte, alle irren als zufällige Töne in der gleichen Melodie herum. Nur deshalb meint der Musikjournalist Axel Brüggemann über sie schreiben zu können, obwohl er keine Ahnung hat.

Wenn ein linksliberaler Musikjournalist über Konservatismus, die sogenannte Neue Rechte und ihr geistiges Steckenpferd, die Konservative Revolution, schreibt, dann ziehen sie besser die Köpfe ein. Denn wer versucht ohne ausreichende Vorbereitung bei den großen Tenören mitzusingen, begnügt sich in Wahrheit nur allzu oft mit Katzenmusik. Axel Brüggemann singt dennoch. Mit der richtigen Stimmlage wird nämlich aus ein paar provokativen Rechtsdenkern “„im dunkeldeutschen Wald“”:http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/im-dunkeldeutschen-wald schnell die neue Konservative Revolution.

Sieht so die neue Neue Rechte aus?

Sarrazin, Broder, Matussek, Kelle. Bonze, Jude, Katholik, Hausfrau. Sieht so die Neue Rechte aus? Für Axel Brüggemann scheint klar: Die neuen Rechten, die konservative Reaktion, sie stammt aus der Mitte der Gesellschaft, aus den Redaktionen des Springer-Verlags, gar aus den sich lichtenden Reihen der Politik. Wo Begriffe wie Euro-Kritik, Homo-Ehe und Masseneinwanderung fallen, dort wohnt und waltet die Reaktion. Da propagieren sie nun und „verkaufen gestrige Werte als zukunftsweisend“, planen „die Revolution der deutschen Selbstverständlichkeiten“, ja sprechen in aller Dreistigkeit offen das aus, „was viele bisher nur im Stillen gedacht haben“.

Gespenstisch, nicht wahr? Wenn Brüggemann anschließend von der Konservativen Revolution, der Neuen Rechten schreibt, dann fühlt man sich ein wenig wie beim Free Jazz. Denn egal ob AfD, Neue Rechte, Konservative Revolution, Sarrazin oder Botho Strauß, alle irren sie irgendwie als zufällige Töne in der gleichen Melodie herum. Alle sind sie irgendwie reaktionär, revolutionär, erzkonservativ, neo-konservativ, antieuropäisch, national und populistisch. Alles zugleich, alle zusammen, alles egal. Für Brüggemann gestaltet es sich im Prinzip ganz einfach: ein nationalkonservativer Ton ist in Deutschland mittlerweile salonfähig, die Neue Rechte wird stetig stärker und erhält dabei Schützenhilfe aus Politik, Springer-Redaktionen und Wirtschaft. Da haben wir sie wieder, die Gefahr vom rechten Rand. Und das nach NSU und Nationalsozialismus! Unterm Strich sind sie eben alle gefährlich, jene „Feuilleton-Cowboys“, die von rechts kommen.

Brüggemanns Welt

In Brüggemanns Welt wird dann eben auch mal ein Ulf Poschardt zum Oswald Spengler, ein Hans-Olaf Henkel zum konservativen Revolutionär. Nur eines scheint im Kommentar von Brüggemann klar zu werden, nämlich dass er weder die Konservative Revolution noch die Ideen und Formen der Neuen Rechten kennt, gar versteht. Sonst wäre ihm wohlmöglich aufgefallen, dass keiner der von ihm genannten Protagonisten, ob nun Broder, Matussek, Strauß oder Sarrazin, wahrlich Kernthemen der Neuen Rechten bearbeiten, geschweigeden für sie stehen. Brüggemanns Neue Rechte, seine erdachten konservativen Revolutionäre, sie sind nicht globalisierungskritisch, stehen nicht für eine neue Wirtschaftsordnung fernab von Kapitalismus, treten nicht für eine neue Gesellschaft ein, streiten nicht für einen neuen Menschen.

Schlussendlich sind sie alle irgendwo staatstragende Elemente, nicht mehr als ein schwacher konservativer Minimalkonsens. Sie sind nicht mehr als der schwache Protest des bürgerlichen Konservatismus gegen die Symptome von Brüggemanns „aufgeklärter Gesellschaft“. Zeilen für jene, die um ein paar Habseligkeiten und die gewohnte Gemütlichkeit bangen.

Wäre die Neue Rechte ein Kleidungsstil, so trüge sie braune Lederschuhe, Cordhose, kariertes Hemd unter umweltgerechtem Norweger-Pulli, einen leichten Seitenscheitel mit ausrasierten Seiten. Vielleicht einen gepflegten Vollbart. Matussek, Fleischhauer & Co? Sportsakko und Angesagtes.

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