Wenn ich in den Spiegel schaue, bin ich stolz. George W. Bush

Kreative Wahrheit

Es gibt absolute Wahrheit, aber uns fehlen die Instrumente, sie zu messen und zu erkennen. Zweifel, nicht Sicherheit, helfen uns in dieser Situation. Wer das verhehlt, handelt unredlich.

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Der Begriff „Creative Nonfiction“ ist ein Widerspruch. „Nonfiction“ scheint darauf hinzudeuten, dass wir uns auf die unveränderliche Wahrheit von Fakten verlassen. Objekte können beobachtet, gemessen und mit Genauigkeit beschrieben werden; Ereignisse können bewiesen und historisch verifiziert werden. „Creative“ scheint das genaue Gegenteil zu sein.

Wir erfinden und stellen uns eine Welt vor, die kunstvoller ist als die, in der wir tatsächlich leben.

Kunst besteht nun mal aus Widersprüchen

Für mich hat das Schreiben von „Creative Nonfiction“ viel mit astronomischer Navigation gemein. In der astronomischen Navigation gehen Sie von der Annahme aus, dass ein Objekt (das Schiff, auf dem Sie segeln) zu jeder Zeit präzise auf dem Globus lokalisiert werden kann. Man muss nicht allzu tief in die Trigonometrie eintauchen, um zu verstehen, dass der Job des Navigators darin besteht, die bekannten, präzise in Tabellen kalibrierten, Positionen von Sonne und Sternen zu nutzen, um diese Position auf einem Kursdiagramm zu bestimmen, welches einfach nur eine Darstellung eines Teils der Erdoberfläche ist. Er oder sie macht das mit Hilfe eines Sextanten, welcher den Höhenwinkel von Sonne und Sternen misst. Viele Messungen später, hat der Navigator zunächst eine Linie, dann einen Schnittpunkt und zum Schluss eine Position. Diese Position ist der Punkt auf der Erde, an dem sich Ihr Schiff zu einem exakten Zeitpunkt befindet. Aber all das ist natürlich Fiktion: die Unvollkommenheit des Navigators, die Schwierigkeit, einen Stern oder die Sonne auf einem schwankenden Schiff zu bestimmen, ein Fehler bei der Kalibrierung des Sextanten, ein trivialer Fehler in der Arithmetik und schon ist die Position immer leicht falsch.

Es gibt da draußen also eine absolute Wahrheit und Sie, der Navigator bzw. Schriftsteller, arbeiten mit allem guten Glauben und Eifer daran, sie zu finden, aber letztlich verderben Ihre Fehler den Prozess und was Sie stattdessen erreichen, ist eine ungefähre Wahrheit: eine Position, die ziemlich nah dran sein mag, aber fast niemals exakt sein wird und zwar aus dem einfach Grund, dass Menschen und von Menschen gemachte Dinge nicht perfekt sind. Ihr Handwerk besteht also über Jahre darin, sich der Wahrheit anzunähern, immer näher an Ihre wahre Position heranzukommen, doch wie im Paradoxon von Achilles und der Schildkröte, werden Sie niemals bei der exakten Wahrheit ankommen. Wir könnten betrügen und ein GPS benutzen, aber selbst die beste Technologie ist nicht ganz exakt.

Bescheidenheit tut not

Wenn Sie über mehrere Jahre üben und ein sehr guter Navigator geworden sind, könnten Sie in der Dämmerung eines Tages tatsächlich einmal Ihre exakte Position bestimmen und die Wahrheit präzise auf einer Karte lokalisieren, aber Sie werden davon niemals erfahren. Wie sollten Sie auch? Die Methode der Verifizierung hat Ihnen zuerst eine Antwort gegeben.

Was lehrt uns das also über die Natur der Wahrheit? Dass wir als Schriftsteller bescheiden sein müssen, was Behauptungen über die absolute Wahrheit betrifft. Das ist aber nicht dasselbe, wie zu verleugnen, dass es diese irgendwo da draußen gibt, wenn wir nur die Gabe hätten, sie zu sehen und zu verstehen.

Das Beste, was wir tun können, ist, uns um absolute Wahrhaftigkeit zu bemühen: die Welt aufmerksam beobachten, sie akkurat wiedergeben, den anderen aufmerksam zuhören, die Nuancen im menschlichen Verhalten erfassen und uns in Acht nehmen vor denen, die darauf bestehen, dass sie die Wahrheit kennen.

Wenn Sie auf einem schwankenden Deck stehen, navigieren und in die Dunkelheit schauen, dann ist Zweifel Ihr bester Pilot, nicht Sicherheit.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Felix Maximilian Leidecker , Andrea Nahles, Jürgen Rixgens.

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