Sie haben eine gute Chance verpasst, den Mund zu halten. Nicolas Sarkozy

Auf der Flucht mit dem Prinz

„Shades of Grey“ bietet zwar ein wenig Eskapismus, dafür aber auch veraltete Rollenvorstellungen. Trotzdem könnte das als „Frauenporno“ beworbene Buch positive Effekte haben.

Als ich das erste Mal etwas über „Shades of Grey” von E. L. James las, war ich richtig aufgeregt. Ich produziere erotische Filme für Frauen und weiß: Frauenfantasien sind in unserer Gesellschaft immer noch größtenteils versteckt. Deshalb schätze ich alle Frauen, die in Büchern und Filmen Frauenfantasien sichtbar machen. Ich erwartete ein erregendes Lesevergnügen, hätte es aber besser wissen müssen.

„Shades of Grey“ begann als Fan-Fiction-Roman, basierend auf der „Twilight“-Serie. Zunächst ein großer Internet-Erfolg wurde es dann vom „Random House“-Verlag gekauft, der es in einer weichgespülten und stark modifizierten Variante herausbrachte. Was übrig bleibt, ist ein romantisches, anti-feministisches Märchen.

Alles aus Liebe

Ich habe absolut kein Problem mit konsensuellem SM-Sex (Sadomasochismus, erotisches Rollenspiel – die Bezeichnungen sind vielfältig) oder mit Frauen, die submissive Rollen im Schlafzimmer ausleben (wo der oder die Devote, die eigentliche Macht hat, denn er/sie setzt die Grenzen, an die sich der/die Dominante halten muss). Die Gefahr des Buches besteht nicht in seinen ziemlich harmlosen SM-Szenen, sondern in seinen altmodischen, stereotypen Geschlechterrollen: Anastasia Steele ist eine junge, unerfahrene Frau, die ihre Jungfräulichkeit Christian Grey schenkt, einem älteren, steinreichen, sexuell erfahrenen Mann. Sie tut dies, weil sie ihn liebt. Nur aus Liebe ist sie bereit, auf sein SM-Spiel einzugehen.

Diese Geschlechterklischees sind so typisch für altmodische Liebesromane, dass ich erstaunt war, sie in einem modernen Roman zu finden. Stimmt es noch immer, dass Frauen Sex und Liebe nicht trennen können? Dass nur der „Prinz“ sie bezaubern und befriedigen kann? So viel zur sexuellen Befreiung, Frauen, die sich selbst Lust verschaffen, und Sex auch außerhalb von Beziehungen genießen. Christian, der „Prinz“, zeigt nicht nur kontrollierendes Verhalten im Schlafzimmer, sondern auch extrem stalkerhaftes Vorgehen im täglichen Umgang mit Anastasia (so taucht er z.B. uneingeladen auf, wenn Ana ihre Mutter trifft, checkt Anas Verbleib durch die digitale Überwachung ihres Handys usw.).

Dieses Verhalten ist typisch für misshandelnde Männer, die das Bedürfnis haben, ihre Frauen total zu kontrollieren. Da Christians Verhalten als leidenschaftlich präsentiert wird, erscheint es als romantisch und deshalb entschuldbar – und Ana verzeiht ihm sein obzessives Kontrollgebaren immer wieder. In Büchern und Filmen bevorzuge ich Frauen, die starke und unabhängige Heldinnen sind und nicht naive Mädchen, die von ihren Partnern manipuliert werden.

Konservativ geht es im Buch weiter mit der Beschreibung Christians: Der ist, weil er als Kind missbraucht wurde, emotional total gestört. Missbrauch ist der einzige angeführte Grund für seine sexuellen Präferenzen – etwas, dem viele Spieler in der SM-Szene heftig widersprechen würden. Die Tatsache, dass vollkommen ausgeglichene und glückliche Individuen und Paare Spaß an Machtspielen und SM-Sex haben, wird ignoriert.

Tatsächlich haben sowohl Männer als auch Frauen sexuelle Fantasien darüber, dominant und/oder submissiv zu sein. Einige leben diese Fantasien aus. Andere ziehen es vor, dass ihre Fantasien eine Art „Film im Kopf“ bleiben, den man sich beim Sex oder Masturbieren „anschauen“ kann. Ein SM-Buch oder einen SM-Porno zu konsumieren, bedeutet nicht unbedingt, dass man im wahren Leben ein(e) Dom oder Sub sein möchte. Es ärgert mich, dass die Medien behaupten, der rasende Absatz von „Shades of Grey“ sei der Beweis dafür, dass die meisten Frauen devot oder submissiv sind und dominiert werden wollen.

„Frauenporno“ ist eine gute Schlagzeile

Die Verkaufszahlen sind in meinen Augen nur der Beweis für cleveres Marketing. Marketing, das etwas verspricht, was das Buch nicht hält – „Porno für Frauen“. Pornografisch (im Sinne von „explizit“ und „erregend“) ist „Shades of Grey“ nicht. Viele Frauen haben dieses „Must-have“-Buch gekauft, weil es leider nur so wenig pornografisches Material für Frauen gibt, in dem Männer erotisiert werden. Wir haben ein riesiges Nachholbedürfnis.

Ob sie es nun bis zum Ende lesen oder nicht, die Leserinnen gelten als Frauen, die durch das Buch angemacht wurden. Die Medien beten das Label „Frauenporno“, das dem Buch anheftet, unendlich nach, weil das eine gute Schlagzeile garantiert.

Die traurige Wahrheit ist: Wäre „Shades of Grey” tatsächlich ein expliziter Porno für Frauen, mit einer starken, sexuell erfahrenen Heldin, die SM-Sex genießt, und mit einem attraktiven, ausgeglichenen Mann, den es anmacht, dominant zu sein – dann könnte man dieses Buch nicht im Supermarkt um die Ecke kaufen. So ein Buch wäre von einem kleinen, unabhängigen Verlag veröffentlicht worden und nur in Frauen-Sex-Shops oder online verfügbar, weil es als „obszönes pornografisches Material“ abgestempelt und zensiert worden wäre – kein großer Verlag oder etablierter Vertrieb hätte sich da heran getraut.

Diese Art von Buch existiert: „Carrie’s Story” kam vor über einem Jahrzehnt heraus. Ich habe es zweimal mit Lust verschlungen. Natürlich ist dieses Buch nie ein Bestseller geworden, denn es ist ein authentischer expliziter (SM-) Porno aus einer weiblichen Perspektive.

Stehen moderne Frauen also vermehrt auf BDSM? Nicht wirklich. Die Bedrohung und das Versprechen von sadistischem Sex ist in „Shades of Grey“ immer präsent, sowohl in dem Vertrag, den Ana als devote Sub unterschreiben soll, als auch in der Ausstattung von Christians „Kammer der Qualen“. Diese Elemente steigern die Erwartung der Leserinnen auf scharfen und mit Tabus belegten SM-Sex. Doch der Großteil des Sex, der im Buch stattfindet, ist langweiliger Blümchensex und macht das Buch damit leichter im Mainstream vermarktbar. Ich frage mich, wie viele explizitere und härtere Szenen zensiert wurden, um den Mainstream anzusprechen.

Ein bisschen Eskapismus

Und dennoch: Diese Woche steht die „Shades of Grey”-Trilogie auf den ersten drei Plätzen der britischen Bestseller-Liste, in Deutschland kletterte der erste Teil ebenfalls auf Platz eins der „Spiegel“-Taschenbuch-Bestseller. Das ist ohne Zweifel beeindruckend. Darf ich es wagen zu behaupten, dass das Marketing und der Hype der Trilogie Frauen angesprochen hat, die bisher Groschenromane lasen und jetzt von einen Liebesroman mit einem Schuss SM-Sex verführt wurden? Vielleicht ist die Fantasie über einen reichen Mann, der die Kontrolle sowohl im Schlafzimmer als auch außerhalb davon übernimmt, maßgeschneidert für das aktuelle wirtschaftliche Klima. Ein bisschen Eskapismus – auch wenn wir in Wirklichkeit niemals unsere Unabhängigkeit für einen Typen aufgeben würden – egal, wie attraktiv, sexy oder reich er ist.

Ich hoffe, dass „Shades of Grey” den Weg frei macht für eine neue Welle weiblicher erotischer Literatur mit unzensierten, expliziten, erotischen Inhalten. Romane, in denen die Heldinnen und Helden facettenreichen Sex, jenseits von veralteten Geschlechterrollen, gemeinsam genießen können.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lucy Gellman, Melissa Febos, Alissia Passia.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Sexualitaet, Emanzipation, Pornografie

Kolumne

Medium_2c39e622cc
von Stefan Groß
09.04.2019

Kolumne

Medium_3b0c51c55f
von Rainer Zitelmann
19.06.2018

Kolumne

Medium_b166e0eb31
von Hans-Martin Esser
17.11.2017
meistgelesen / meistkommentiert