Viel mehr als Vergewaltigung

Peter Vignold20.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Der Begriff rape culture ist immer noch angemessen, um eine Kultur, die sexuelle und sexualisierte Gewalt banalisiert, zu beschreiben – aber nur, wenn er erweitert wird und auch Männer als Betroffenengruppe anerkennt.

Der Begriff “„rape culture“”:http://www.upsettingrapeculture.com/rapeculture.html wurde erstmals in der Mitte der 1970er-Jahre von radikalen Feministinnen formuliert. Diese beschrieben damit eine Kultur, die sexuelle und sexualisierte Gewalt gegen Frauen banalisiert und mit Argumenten rechtfertigt, die jegliche Verantwortung bei den Betroffenen sucht („So, wie sie auch gekleidet war …“) und die Täter stets in Schutz nimmt („So sind Männer eben.“). Fast vierzig Jahre später wird um „rape culture“ derzeit eine ähnlich erbitterte Diskursschlacht ausgetragen wie in der parallel verlaufenden Sexismus-Debatte: Jedem einzelnen Aufschrei folgt die Frage, was genau denn überhaupt das Problem sei.

Rape culture, das sind die anderen

Es sei völlig übertrieben, so lautet eine beliebte Kontraposition, von einer Deutschland überschattenden „Kultur der Vergewaltigung“ zu sprechen. Vergewaltigung stehe hierzulande unter schwerer Strafe und “so etwas Schreckliches wie in Neu-Delhi”:http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mordprozess-in-neu-delhi-hat-begonnen-begleiter-des-opfers-sagt-vor-gericht-aus-a-881496.html könne gar nicht erst passieren. „Rape culture“, das sind, wenn überhaupt, die anderen. Mangelnde Sensibilisierung für das Thema oder vorsätzlicher Unwille, sich mit den Realitäten sexueller Gewalt auseinanderzusetzen, können Gründe für solche Denkweisen sein. Es kann sich aber ebenso um einen Indikator handeln, dass der ehemalige Kampfbegriff trotz seiner Griffigkeit und der ungebrochenen Aktualität des von ihm beschriebenen Konzepts den Blick auf diese Realitäten und das Denken darüber zu sehr verengt, um zu einem Konsens führen zu können.

Der Begriff „Vergewaltigung“ bezeichnet nach deutscher Rechtsprechung einen besonders schweren, ergo härter zu bestrafenden Fall der sexuellen Nötigung, der an ein “„Eindringen in den Körper“”:http://dejure.org/gesetze/StGB/177.html der oder des Betroffenen durch die Täterperson gebunden ist. Erst 1997 erkannte der zuständige Gesetzesparagraf an, dass nicht nur weibliche Körper penetriert werden können. Doch das mit dem konkreten Tatbestand angenommene Machtgefälle folgt immer noch der Penetrationsrichtung vom eindringenden, männlich gedachten Täter hin zum weiblichen Opfer. Reden wir über „rape culture“ und denken dabei ausschließlich an Vergewaltigung im strafrechtlichen Sinne, klammern wir sämtliche andere Formen sexualisierter und sexueller Gewalt aus. Diese beginnen dann, wenn eine Handlung zwischen mindestens zwei Personen zwei Bedingungen erfüllt: Eine Person muss diese Handlung als „sexuell“ identifizieren, ebenso wie eine Person diese Handlung als nicht einvernehmlich, ungewollt, erzwungen oder erschlichen erkennen muss – ganz gleich, wie diese Person(en) diese Begriffe definiert bzw. definieren.

Arbeitet man mit dieser sehr weitläufigen Beschreibung, wird offensichtlich, warum die anhaltenden, parallelen Debatten über den Alltagssexismus und die „rape culture“ sich strukturell so ähneln: Mit ihr lassen sich eben nicht nur Vergewaltigungen – wie sie auch in Deutschland an der Tagesordnung sind – als Formen sexueller oder sexualisierter Gewalt zusammenfassen, sondern auch nicht bis zur Penetration durchexerzierte Übergriffe oder die alltäglichen Sexismen wie grenzverletzende Anmachen und das sogenannte “Street Harassment”:http://www.stopstreetharassment.org/. Es zeigt sich: Bei beiden Debatten handelt es sich im Grunde nur um Facetten ein und desselben Problems. Männer werden pauschal als das biologisch determinierte oder kulturell sozialisierte Tätergeschlecht abgeurteilt.

Auf Kuriosität getrimmte Berichterstattung

So werden zwar seit jeher weitaus mehr sexuelle Gewaltdelikte bekannt gemacht oder öffentlich diskutiert, denen die traditionelle Konstellation männlicher Täter – weibliche Betroffene zugrunde liegen. Der – im September 2012, “lange vor dem #Aufschrei”:http://www.theeuropean.de/julia-korbik/5812-aufschrei-gegen-sexismus und lange vor dem “Tod der 23-jährigen Jyoti Singh Pandey”:http://www.jungewelt.de/2013/01-07/028.php in Neu-Delhi – Fall eines der Vergewaltigung einer 15-Jährigen angeklagten und freigesprochenen Mannes zeigt, dass nicht einmal mehr ein deutliches „Nein, ich will nicht“ ausreicht, um vor einem deutschen Gericht “als Betroffene sexueller Gewalt”:http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vorwurf-der-vergewaltigung-landgericht-essen-spricht-angeklagten-frei-a-855639.html anerkannt zu werden. “Sie hätte ja einfach gehen können”:http://www.derwesten.de/region/rhein_ruhr/nicht-weggelaufen-aufregung-um-korrekten-freispruch-id7094573.html.

Es gibt aber auch den Fall von Antje C. alias der „Münchner Nymphomanin“, der nicht nur für die Boulevardpresse “ein gefundenes Fressen war”:http://www.focus.de/panorama/boulevard/tid-28432/vom-mode-laden-zur-sex-besessenheit-der-tragische-fall-der-nymphomanin-aus-muenchen_aid_874260.html. C., so liest man, wurde “„berühmt“”:http://www.bild.de/news/inland/nymphomanie/muenchner-nymphomanin-stirbt-nach-one-night-stand-27488546.bild.html, als sie den 43-jährigen Handwerker und Teilzeit-DJ Dieter S. zu ihrer “„Sex-Geisel“”:http://www.bild.de/news/inland/nymphomanie/muenchner-nymphomanin-stirbt-nach-one-night-stand-27488546.bild.html machte, sprich: nach mehrmaligem einvernehmlichen Sexualverkehr zu weiteren, nicht mehr einvernehmlichen sexuellen Handlungen nötigte, und Dieter S. schließlich von der Polizei “aus ihrer Wohnung befreit werden musste”:http://www.bild.de/news/inland/sexuelle-noetigung/nymphomanin-lockte-discjockey-in-sexfalle-23667918.bild.html. Die Pressestelle der Polizei Bayern kommunizierte dieses für den Betroffenen “sicherlich traumatisierende Ereignis”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sex-sklave-dieter-fuenf-stunden-gefangen-2277597.html (O-Ton Dieter S.: „Sex ist für mich im Moment tabu“) mit der an Lederhosen-Gaudi gemahnenden Überschrift “„Mann nach Schäferstündchen in Not“”:http://www.polizei.bayern.de/news/presse/aktuell/index.html/154791. Und trotz vereinzelter, beiläufiger Erwähnung von „sexueller Nötigung“ vermag kaum eines der berichtenden Blätter richtig zu fassen, dass sie sich mit ihrer auf Kuriosität getrimmten Berichterstattung bei gleichzeitiger Glorifizierung der Täterin in einer Form über sexuelle Gewalt und von ihr Betroffene lustig machen, wie sie bei einer umgekehrten Geschlechterkonstellation hoffentlich als absolut inakzeptabel gelten würde. Auf eine sehr perfide Weise haben die Verantwortlichen in den Redaktionen dabei sogar das Gesetz auf ihrer Seite.

Denn obwohl es zwischen Dieter S. und Antje C. den Aussagen des Betroffenen zufolge mehrfach zu unerwünschten Penetrationshandlungen kam, wurde gegen C. lediglich wegen sexueller Nötigung ermittelt. So schreibt man dann eben nicht von der „Münchner Vergewaltigerin“, sondern romantisiert von “Sex-Sklave Dieter und seiner Nymphomanin”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sex-sklave-dieter-seine-nymphomanin-2647654.html, “stellt prominente Sexsüchtige vor”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sexsucht-hilfe-dj-dieter-sexsklave-tz-2282537.html und “klärt über Nymphomanie ebenso kompetent auf”:http://www.bild.de/ratgeber/gesundheit/psychologie/sexsucht-der-frauen-gibt-es-nymphomanie-wirklich-27505918.bild.html, wie man einen Sexualmediziner über die angebliche “Potenz des Betroffenen fachsimpeln lässt”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sex-sklave-dieter-nymphomanin-konnte-wirklich-acht-mal-2279831.html.

Man bekommt eine Idee davon, warum die Dunkelziffer nicht zur Anzeige gebrachter Sexualstraftaten, die von Frauen an Männern verübt werden, so schwer zu erahnen ist: Nicht nur muss man als Betroffener zuallererst beweisen, dass so etwas überhaupt möglich und man kein Lügner oder Wichtigtuer ist; man riskiert auch, sich zum Gespött der Medien “und der kommentierenden Leserschaft”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sex-sklave-dieter-fuenf-stunden-gefangen-2277597.html#comment-524783553 zu machen und kann dem nur minimal entgegenwirken, indem man die Geschichte selbst als “„lächerlich“”:http://www.tz-online.de/aktuelles/muenchen/sex-sklave-dieter-fuenf-stunden-gefangen-2277597.html herunterspielt. Und das soll keine „rape culture“ sein?

Aufrechterhaltung einer Leidenshierarchie

Denkt man über „rape culture“ als eine allgemeine Kultur der Banalisierung und unausgesprochener Akzeptanz sexueller Gewalt nach, folgen oft Beschuldigungen: Betroffene von Vergewaltigungen würden verunglimpft und „tatsächliche“ sexuelle Gewalt durch eine solche sprachliche Gleichmachung entwertet. Folgt man jedoch dieser Kritik, lässt man – gewollt oder ungewollt – die psychischen Folgen sexueller Gewalt außer Acht und beteiligt sich an der Aufrechterhaltung einer Leidenshierarchie, die bestimmte Formen sexueller Gewalt marginalisiert. Ebenso verschleiert die meist immer noch exklusive Verknüpfung des Opferbegriffs mit dem weiblichen Körper die Existenz von Männern als Betroffenengruppe. Von daher lohnt es, den Begriff der „rape culture“ nicht nur wieder hervorzukramen und als Schablone auf die Umstände unserer Zeit zu pressen, sondern ihn im Sinne einer Gleichbehandlung aller Betroffener neu zu überdenken. Vielleicht erkennen dann mehr von uns, wie tief wir schon drinstecken.

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