Da Daten keine Sachen sind, kann man sie nicht stehlen. Beate Merk

Entschuldigen Sie bitte

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich der Einzelne zunehmend ohnmächtig und isoliert fühlt. Die politische Elite bedient sich Worthülsen und verliert Glaubwürdigkeit, während die Medien von Skandal zu Skandal leben. Dabei kann uns gerade die Sprache helfen, wieder zueinander zu finden.

Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem berühmten Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ geschrieben, dass die Sprache „eine der Verkörperungen des Gesellschafts- oder Seelenlebens“ ist. Wie muss es um unsere Gesellschaft und unser Seelenleben bestellt sein, wenn ein Schüler aus der 8. Klasse zu seiner Lehrerin sagt: „Ich kann Ihr Scheißgesicht nicht mehr sehen!“? Wenn Fußballer den Effe-Finger zeigen und sich unflätig beschimpfen? Wenn Politiker verbal aufeinander losdreschen, in Talkshows Moderatoren ihre Gäste bloßstellen und demütigen? Wenn Beamte Postkarten erhalten und als „Sesselfurzer“, „Vollidioten“ oder „Rechtsbeuger“, wenn Lehrer als „faule Säcke“ und Polizisten als „Nazi-Schergen“ beschimpft werden? Wenn auf Internetforen gepöbelt und geflamed wird? Es sind dies Extremfälle, sicherlich. Dennoch: Der höfliche und respektvolle Umgang miteinander scheint immer mehr zurückzugehen. Doch ist dies ein Ausdruck von Sprachverfall, wie häufig behauptet wird?

Wir fühlen uns zunehmend ohnmächtig und isoliert

Höflichkeit und Respekt sind Verhaltensweisen, die im Prozess der Sozialisation gelernt werden und die sich im Miteinander bewähren müssen. Sprache ist hierfür ein wichtiges, wenn auch nicht das einzige Ausdrucksmittel. Das Gegenteil von höflichem und respektvollem Sprachverhalten ist die verbale Gewalt. Worte können verletzen, kränken, Menschen herabsetzen, sie „mundtot“ machen. Sprache ist aber nicht die Ursache, sondern Ausdruck von tiefer liegenden Strukturen und Veränderungen, die die sozialen und kulturellen Normen betreffen.

Wir leben in einer Welt, in der der Einzelne sich zunehmend ohnmächtig und isoliert fühlt, in der bewährte demokratische Strukturen erodieren, in der der Konkurrenzgedanke immer beherrschender wird. Frust und Ohnmacht sind Resultate dieser Entwicklung und führen zu Wut und Aggression, auch auf der sprachlichen Ebene. Das „Wort des Jahres“ 2010, Wutbürger, ist ein Ausdruck dieser Entwicklung und spiegelt Frustration einerseits, aber auch das Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger an gesellschaftlicher Teilhabe wider. Verbunden mit dieser Entwicklung ist ein Verlust der Glaubwürdigkeit in die Eliten, insbesondere in die politischen Eliten. Waren diese in der Aufbauphase der Republik Vorbilder, auch sprachliche Vorbilder, wie die Debattenkultur zeigt, so sind heute Sprachhülsen und Versatzstücke gepaart mit verbalem Balzgehabe Ausdruck einer politischen Kultur, die eher an Selbstdarstellung denn an Sachdarstellung interessiert zu sein scheint. Dies wiederum ist auf der Folie einer Mediengesellschaft zu sehen, in der Selbstdarstellung und -inszenierung, Klatsch und Spaß immer weiter Information und Sachlichkeit zurückdrängen. Im Wettstreit um Aufmerksamkeit gewinnt nicht das bedachte, sondern das flapsige Wort, die Provokation und nicht die „langweilige“ Darstellung eines Sachverhalts.

Sprache ist unser gemeinsames Band

Soziale Konflikte, kulturelle Dissonanzen, Überforderungen in einer immer komplexer werdenden Lebenswelt, das Primat von Medieninszenierung und Infotainment über Sachdarstellung und Information, von Aufmerksamkeitskultur über Diskussionskultur – all dies sind Faktoren, die Werte und Normen des Höflichkeitsverhaltens verschieben. Sprache stellt aber zugleich die Mittel bereit, diesen Entwicklungen zumindest entgegenzuwirken. Denn Sprache und Verständigung sind durch ein gemeinsames Band miteinander verbunden, und so wie wir sprechen und schreiben, können wir unserem Gegenüber zeigen, wie weit wir ihm Respekt und Verständnis entgegenbringen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Endrös, Dirk Heckmann, Thymian Bussemer.

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