Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

Der große Faktor Zeit

Zu lange wurde die Betreuung demenzkranker Menschen auf die körperliche Dimension reduziert. Dabei vergessen wir, dass es auch um die Kommunikation geht – trotz aller Hürden des Alters. Die Pflegekassen und die Politik müssen einen erweiterten Pflegebegriff verinnerlichen.

Die alte Dame sitzt an einer Bushaltestelle. Sie wartet auf einen Bus, der nie kommen wird. Die Bushaltestelle steht auf dem Gelände einer Pflegeeinrichtung, in der Menschen mit Demenzerkrankungen leben. Die meisten von ihnen leben in der Vergangenheit. Sie haben nur noch wenig Bezug zur realen Welt und sind häufig orientierungslos. Die Bushaltestelle jedoch gibt der alten Dame Orientierung und Sicherheit. Dieser Ort ist ihr vertraut, hier wartet sie jeden Tag auf einen Bus, der niemals kommt.

Dieses Beispiel soll zeigen, was wir brauchen im Umgang mit Menschen mit Demenz. Nötig ist ein neues und anderes Verständnis im Zusammenleben mit diesen Frauen und Männern. Zu lange wurde in den zurückliegenden Jahren von der Politik die Aufmerksamkeit überwiegend auf rein körperliche Bedürfnisse wie waschen, essen, anziehen gelegt. Für die dafür notwendigen Hilfen in diesen Bereichen haben die Pflegekassen das entsprechende Pflegegeld gezahlt.

Was heißt pflegebedürftig?

Doch dies wird der Realität in der Betreuung von demenzkranken Menschen nicht mehr gerecht. Im Jahr 2009 ist es unter Ulla Schmidt gelungen, die Perspektive zu weiten. Ein neuer Begriff der Pflegebedürftigkeit sollte auch die Menschen in den Blick nehmen, deren Erkrankung andere Formen der Unterstützung brauchen, in der dem Faktor Zeit noch einmal eine besondere Bedeutung zukommt. In der Politik stieß dieser neue „Pflegebedürftigkeitsbegriff“ auf große Zustimmung, allein die Umsetzung steht bis heute aus. Noch immer ist es nicht gelungen, dass sich sowohl der Gesetzgeber als auch die Leistungserbringer, die Pflegekassen, auf einen Rahmen und auf Budgets geeinigt hätten, die der Wirklichkeit von demenzkranken Menschen und ihrer Familien entsprechen.

Für Angehörige ist das Leben mit einem demenzkranken Partner oder einem Elternteil extrem belastend; denn die meisten demenzkranken Menschen werden zu Hause gepflegt.
Was sich am Anfang nur als Vergesslichkeit zeigt, kann sich zu einer großen – auch seelischen – Belastung auswachsen. Menschen mit Demenz können laut sein und aggressiv; sie räumen ihre Schuhe in die Spülmaschine und Geld in den Brotkorb. Sie sind häufig unruhig und stellen immer wieder die gleichen Fragen. Andere hingegen reden gar nicht mehr und sind für ihre Angehörigen nicht mehr erreichbar.

Angehörige dürfen nicht alleingelassen werden. Sie brauchen den Austausch mit anderen, die den Alltag mit einem demenzkranken Menschen kennen. Sie brauchen konkrete Entlastung, um beispielsweise Urlaub machen oder einfach in Ruhe einkaufen zu können. Die Caritas und andere Wohlfahrtsverbände bieten vielfältige Hilfen an: Entlastung durch Selbsthilfegruppen, in denen Gespräche helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Das Engagement von Ehrenamtlichen, die in die Familien kommen und für einige Stunden die Betreuung übernehmen. Durch Informationsabende, die das Wissen über diese Erkrankung vertiefen.

Die Pflegekassen sind gefragt

Natürlich gibt es auch die Angebote der ambulanten und stationären Einrichtungen und Dienste, wenn die Pflege und Betreuung nicht mehr von den Angehörigen (allein) geleistet werden kann. Aber auch für die Mitarbeitenden gilt, dass sie die Zeit und die Ruhe brauchen, um diesen Menschen mit ihren besonderen Erfordernissen gerecht zu werden.

Dies kann nur gelingen, wenn die Versorgung von Menschen mit Demenz von den Pflegekassen angemessen berücksichtigt wird. Nach einer langen Phase der Diskussion zum Umgang mit Demenzkranken ist die Politik dringend gefordert, hier endlich zu Lösungen zu kommen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dokumentation - Texte im Original, Katja Kipping, Karl Dall.

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