Die Agenda 2010 war politisch ein Erfolg, aber kommunikativ ein Desaster. Uwe Knüpfer

Peter Hoeres contra Lothar Wieland

Mit seinem methodischen Nationalismus ist Wieland in den 1960er Jahren stecken geblieben. Kein Konrad Canis, Niall Ferguson, Dominik Geppert, Sean McMeekin, Andreas Rose, Stefan Schmidt, Oswald Überegger oder Alexander Watson können seinen methodischen und normativ negativen Nationalismus beeinträchtigen, denn er kennt deren Studien offenkundig nicht.

Lothar Wieland arbeitet in seinem letzten Rundumschlag gegenüber der neueren Forschung zum Ersten Weltkrieg, soweit er sie wahrgenommen hat, wieder mit raunenden politischen Insinuationen, anstatt geschichtswissenschaftliche Argumente aufzubieten. Wenige Quellenillustrationen werden von ihm umstandslos zu pauschalen Thesen aufgeblasen. Aus einem lokalen Beispiel wird dann flugs die Entwaffnung der gesamten belgischen Zivilbevölkerung, die es natürlich nicht gegeben hat. Alles Quellenmaterial, was Gunter Spraul und Ulrich Keller zum belgischen Franktireurkrieg 1914 vorgestellt haben, wird dagegen ausgeblendet. So werden bei Spraul auch durchaus Namen von Franktireurs genannt, die ihre Taten gestanden und von Kriegsgerichten abgeurteilt wurden. Einen „kommandierenden General des Kriegsgefangenenlagers in Munster“, den Wieland anführt, gab es nicht.

Falkenhayns Befehl kam bei der Truppe, etwa der 3. Armee, erst am 8. September an, die Parallele zum „Kommissarbefehl“, die Wieland insinuiert, geht völlig fehl. Quellenkritik bedeutet ferner nicht, dass man möglicherweise einseitige Quellen einfach außen vor lässt, sondern dass man sie anhand von Vergleichen, Plausibilitätsüberlegungen, objektiver Möglichkeit der Quelle, die Herausarbeitung ihrer Intention heranzieht und anhand anderer Quellen kontextualisiert. Das muss allerdings für alle Quellen, auch diejenigen belgischer Provenienz gelten, was Wieland außer Acht lässt. Mir nimmt Wieland übel, dass ich neue Forschungsergebnisse unbefangen würdige. Die Logik der Forschung zielt aber auf Revision älterer Ergebnisse, und das kann dazu führen, dass etwa die eigene Studie aus dem Jahr 1980 als überholt gelten kann. Wer das nicht aushält, sollte sich nicht ins Feld der Wissenschaft begeben.

Die Fischer-Kontroverse über dessen These einer deutschen Hauptschuld am Ersten Weltkrieg krankte daran, dass sie sich in einem methodischen Nationalismus ganz auf die deutsche Seite vor und im Ersten Weltkrieg konzentrierte, was angesichts der Anzahl der kriegsführenden Staaten schon damals etwas eigenartig anmutete. Sie war zudem so politisch aufgeladen, dass sich die Diskussion entlang (fach)politischer Fronten sortierte. Das aber geht heutzutage so einfach nicht mehr auf. Weder Christopher Clark noch Gerd Krumeich, der Kellers neue Studie über den deutschen Einmarsch in Belgien 1914 begrüßt hat, noch Keller selbst kann man mit Wielands Lieblingswort „deutschnational“ etikettieren. Wer die „bestimmten Kreise“ sein sollen, die deutsche Kriegsverbrechen in Belgien als unvermeidliche „Notwehrhandlungen“ bezeichnen, bleibt Wielands Geheimnis. Die Ausdrucksweise zeigt aber Wielands fehlende Vertrautheit mit dem Kriegsvölkerrecht, das nicht die Kategorie der Notwehr, sondern die der Repressalien und Ahndung von Kriegsverbrechen (Straf- und Sühnemaßnahmen) kennt. Dass heute „ohne Zweifel“ die „Diskussion über die Ursachen des Ersten Weltkrieges“ von „aktuellen politischen Interessen der Bundesrepublik“ angetrieben werde, entspringt einer Privatoffenbarung des Autors. Wieland versucht auch gar nicht erst, diesen Glaubenssatz mit einem Beleg zu unterfüttern.

Mit seinem methodischen Nationalismus ist Wieland dagegen in den 1960er Jahren stecken geblieben. Kein Konrad Canis, Niall Ferguson, Dominik Geppert, Sean McMeekin, Andreas Rose, Stefan Schmidt, Oswald Überegger oder Alexander Watson können seinen methodischen und normativ negativen Nationalismus beeinträchtigen, denn er kennt deren Studien offenkundig nicht. Der Erste Weltkrieg führt also schnurstracks zum Zweiten und in den Holocaust. Wer differenziert, dem kann man nur mit dem uralten Kampfbegriff „Betriebsunfall“ beikommen. Darüber hinaus bemüht Wieland tatsächlich ganz unironisch Propagandatopoi aus dem Ersten Weltkrieg wie „zivilisierte Welt“. Die neuere Forschung ist aber tatsächlich so transnational und vergleichend ausgerichtet, dass sie Kriegsverbrechen nicht nur in Belgien und Frankreich, sondern auch in Mühlhausen, Ostpreußen, Galizien, in der Ukraine, auf dem Balkan und im Baltikum in den Blick nimmt. Dabei kann von einer spezifisch deutschen Gewaltkultur nicht gesprochen werden. Peter Lieb kam in der führenden fachhistorischen Zeitschrift in seiner vergleichenden Studie zur Ostfront zu folgendem Ergebnis: „Das „deutsche Militär führte einen weniger gewaltsamen Krieg gegen die Zivilbevölkerung und behandelte seine Kriegsgefangenen besser als Österreich- Ungarn und vor allem Russland. Der Antisemitismus war nicht handlungsanleitend.“ (Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 65/2017, S. 40).

Das mag einem nicht in den Kram passen, man sollte sich, sofern man starke historische Thesen vertreten will, aber doch gelegentlich in eine Universitätsbibliothek bemühen und die neue Forschung zur Kenntnis nehmen. Aber Achtung, sie kann stabile Ideologien und einfache Erklärungsansätze irritieren!

Für Belgien zeugen Tausende von Quellen unterschiedlicher Provenienz, Kriegs- und Gefechtstagebücher, Zeugenaussagen, Zeitungsberichte auch neutraler Observanz, medizinische Befunde von Schrotkugelnbeschuss, Regimentsgeschichten von Überfällen aus dem Hinterhalt, Heckenschützen und Beschießungen von tatsächlichen und auch verkleideten Zivilisten. Das alles war nach der Haager Landkriegsordnung nicht zulässig, denn auch für ein angegriffenes Land galt, dass die Waffen offen geführt werden müssen und die Gesetze und Gebräuche des Krieges beachtet werden. Das Ius ad bellum ist dabei vom Ius in bello zu unterscheiden. Inwiefern nun eine Gesamtkoordinierung hinter dem belgischen Franktireurkrieg steckte, ist nach jetzigem Forschungstand noch nicht abschließend geklärt. Nicht mehr stichhaltig ist aber spätestens nach Ulrich Kellers Studie die These, die deutschen Soldaten wären von einem – tatsächlich sehr begrenzten – Franktireurkrieg 1870/71 traumatisiert und hätten den belgischen Franktireurkrieg herbeiphantasiert.

Eine Bemerkung noch zu meiner Skepsis, den „Fortschrittsgedanken in der Menschheitsgeschichte als normativen Faktor der Geschichtsbetrachtung zu sehen“. Im Namen des Fortschritts sind mit etwas zu viele Köpfe gerollt, als dass ich hier einen stabilen normativen Anker erkennen kann. Wo der Weltgeist jeweils zu lokalisieren ist, ist im historischen Einzelfall im Übrigen durchaus strittig. Hegel sah ihn jedenfalls woanders am Werke als Wieland. Darüber zu spekulieren, gehört jedoch nicht in den Bereich der Geschichtswissenschaft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lothar Wieland, Omid Nouripour, The European Redaktion.

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