Was Cameron mit Karl dem Großen teilt

von Peter Heather20.06.2016Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Eine historische Erklärung zum Dilemma britischer Europapolitik.

Großbritannien hatte schon immer seine Zweifel an europäischen Superstaaten. Schon bei frühen Versionen der EU von Napoleon und Karl dem Großen verweigerten die Briten ihre Unterschrift. Auch zum Römischen Reich kam Britannien erst 100 Jahre nach allen Anderen. Schon daraus kann man die Beziehung zwischen dem mittelalterlich geprägten England und dem europäischen Mainstream ganz gut ableiten. Zwar folgte England den europäischen Mustern letztlich doch, aber entweder ein Jahrhundert später oder in der eigenwilligen, der englischen Art.

Durch Papst Gregor den Großen wurde England 597 christlich, ein Jahrhundert später als der Rest Westeuropas, der bereits beginnend mit Chlodwig christianisiert wurde. Die staatlichen und religiösen Reformen von Karl dem Großen kamen im 10. Jahrhundert, auch später als in Resteuropa, wo sie schon im 9. Jahrhundert stattgefunden hatten. England entwickelte das „Common Law“ im 12. und 13. Jahrhundert, basierend auf dem römischen Gesetz, und widersetzte sich dem päpstlichen Katholizismus im 16. Jahrhundert. Auch wenn Teile der Inseln, Schottland im Speziellen, begeistertere Europäer waren: In der Geschichte gab es stets eine Mehrheit an Engländern, die die europäischen Träume zunichtemachten. Aufbauend auf meiner historischen Herleitung, hatte ich gewettet, dass Großbritannien am 1. Januar 2100 endlich dem Euro beitritt. Leider bringt die aktuelle Krise zwischen dem UK und der EU meine Überzeugung in Gefahr.

Und doch kann man optimistisch sein. Denn alles sieht danach aus, als würde das britische in/out-Referendum eine „damn close run thing“ werden, so hatte es Wellington bei Waterloo formuliert. Die jüngsten Prognosen weisen den in-Stimmen eine leichte Führung (51:49 Prozent) aus, der Trend geht weiter in Richtung Ausgeglichenheit. Im Dezember waren es noch zehn Prozent Unterschied. Warum ist es eine so knappe Entscheidung? Im Jahr 1975 stimmten noch 67 Prozent der Briten für den Beitritt zur EU.

Heute antwortet Großbritannien nicht mehr in derselben Form auf die Fragen des europäischen Traumes. Erwartungsgemäß sind die Schotten eher pro EU, vielleicht aus demselben Grund, aus dem sie sich im Mittelalter mehrfach mit den Franzosen verbündeten: nämlich um gegen die englische Dominanz zu kämpfen. In England gibt es große Unterschiede: Die über 65-Jährigen und das untere Bildungsdrittel sind momentan am stärksten für einen EU-Austritt. Besonders die Abneigung der älteren Bevölkerung ist dabei verwunderlich. Denn 1975 wählten die über 24-Jährigen noch deutlich für den Beitritt zur EU. Für sie muss ein Leben in der EU wohl eine enttäuschende Erfahrung sein.

1975 stimmten noch 67 Prozent der Briten für den Beitritt

Ein Teil der Antwort darauf ist schnell erklärt. Denn britische Politiker haben die letzten 30 Jahre damit verbracht, alles, was in der modernen UK schlecht läuft, auf Europa zu schieben: insbesondere die hohen bürokratischen Regulierungen und unkontrollierte Migration. Es war schlicht der einfachste Weg und die meisten Bürger kennen die Geschichte des Landes ohnehin nicht gut genug, um zu wissen, was britische Politiker selbst alles falsch gemacht haben. Nach 1945 haben britische Regierungen zum Beispiel künstlich und hochgradig schädigend für einen Wirtschaftsboom nach dem anderen gesorgt – stets zeitlich abgestimmt, um die nächsten Wahlen zu gewinnen.

Zusätzlich haben Parolen der Premierminister aus dem nationalistischen rechten Flügel noch nie für ein europäisches Gefühl gesorgt. Zwar hat David Cameron kürzlich seinen europäischen Amtskollegen signalisiert, dass er den Verbleib Großbritanniens in der EU für wichtig hält. Aber andererseits hat er im eigenen Parlament nie die Stimme gegen die euroskeptische UKIP erhoben und ihnen somit eine politische Bühne gegeben. Der konservative Politiker John Major, inzwischen ausgesprochener Verteidiger des EU-Verbleibs, war in den 1990ern noch charakterlos. Infolgedessen konnte sich folgende politische Meinung ungestört etablieren: Ein Austritt der Briten aus der EU wird einiges auf der Insel verbessern. Der Historiker in mir ist sich aber sicher, dass viel tiefere historische Entwicklungen erklären, wieso die Nein-Stimmen überwiegend aus den zwei genannten Bereichen der britischen Gesellschaft kommen.

Die gewisse Empire-Nostalgie der über 65-Jährigen

Ohne große Beachtung hat sich die britische Wirtschaft seit 1975 ganz grundsätzlich verändert. Im Zuge dessen wurde der Westen und Norden mit all seiner alten Industrie vergessen und somit zur ökonomischen Wüste der Insel. Liverpool, Glasgow und Bristol wurden ersetzt durch Southampton, Tilbury und Felixstowe. Auch die Bevölkerung fühlte sich infolgedessen vom Süden und Osten angezogen. Die Immobilienpreise zwischen Birmingham und dem Kanal sind kolossal angestiegen. Der Wert von Gütern und Dienstleistungen in London ist ebenfalls stark angestiegen. Das Ganze kann man mit der EU und der Neuorientierung der Wirtschaft in Verbindung bringen. Hier zählen die weltweiten Verbindungen des Empires weniger als der Ärmelkanal und die Nordsee. Eine gewisse Empire-Nostalgie bei den über 65-Jährigen ist zusätzlich auch Teil des Problems und Grund dafür, dass die komplexe, multikulturelle EU einen schweren Stand bei der Bevölkerung hat.

Seit den 1970er Jahren wurden viele vergleichsweise gut bezahlte Jobs in der Produktion ersetzt durch weniger gut bezahlte Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. Viele der noch problematischeren Effekte durch die Einkommensunterschiede wurden zunächst durch großzügige öffentliche Ausgaben wettgemacht. Doch das konnte sich die UK nur bis zum Jahr 2008 leisten. Danach nahm das Wohlstandsniveau bei vielen drastisch ab und besonders die schlecht ausgebildete Bevölkerungsschicht verlor den Glauben an Europa. Das Leben in der EU hat ihnen zu wenig geboten und zusätzlich war es ein gefundenes Fressen für rechte Populisten, die EU-Einwanderer für einen weiteren Rückgang der Löhne verantwortlich zu machen.

Faktisch waren sie natürlich nicht dafür verantwortlich. In Wahrheit zerstörte die Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen in den 1980er-Jahren die alte Produktionsindustrie. Die massenhafte Auslagerung der Arbeit in Länder mit billigen Lohnkosten trug ihren Teil dazu bei. Es war die Entscheidung der heimischen Kapitalisten, die den Wohlstand der britischen Arbeiterklasse gefährdete, nicht die Schuld der Migranten. Und auf gar keinen Fall die Schuld der EU. Dieser Prozess war vermutlich die unvermeidbare Folge der sich neu ausgleichenden Weltwirtschaft als Nachspiel der Kolonialzeit. Diese hatte schließlich hervorgebracht, dass noch im Jahr 2000 80 Prozent des weltweiten BIP von weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung konsumiert wurden.

Das eben Beschriebene ist natürlich ein weitaus komplexeres Narrativ als die simple Lüge, dass Einwanderer die Arbeitsplätze weggenommen haben. Aber wenn David Cameron das Referendum gewinnen will, sollte er seine Bevölkerung über die historische Wahrheit informieren, sonst werden sie weiter glauben, die EU sei an allem Übel schuld. Selbst wenn Cameron gewinnen sollte, müssen er und seine europäischen Amtskollegen versuchen, die sozialdemokratischen Prinzipien Europas in einer sich verändernden europäischen Wirtschaftslandschaft zu verteidigen. Wenn sie das nicht schaffen, werden sich populistische Lügen mit Leichtigkeit durchsetzen und mit der EU wird das passieren, was mit dem Reich von Karl dem Großen passiert ist. Sie wäre dem Untergang geweiht. Und meine Nachkommen würden damit auch ihre Chance verlieren, meinen Wettgewinn zu bekommen.

_Aus dem Englischen von Wolf-Christian Weimer._

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