Nein, die SPD ist wirklich nicht zu beneiden

von Peter Hausmann4.08.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

„Mit Computern hat man Probleme, die man ohne Computer nie hatte!“ So lautet eine meiner Lieblingsweisheiten für das Leben in der digitalen Welt. Sie offenbart die Skepsis eines Menschen, der wie ich nicht zu den so genannten „digital-natives“ zählt. Ich habe zwar schon in den frühen 80er Jahren angefangen mit dem „Blechdeppen“ zu arbeiten – zu einer Zeit in der das ständige Wechseln von Speicher – und Programm-Floppy-Disks den Arbeitsrhythmus bestimmten, aber meine innere Distanz zur digitalen Welt lebte weiter. Jetzt musste ich erfahren, wie es ohne funktionierende Programme so läuft, weil der „Blechdepp“ in die Jahre gekommen ist und keine Updates der modernen Text- und anderer Programme mehr annimmt. Man wird zwangsläufig zum Offliner. Auch nicht gut! Jetzt gibt es einen neuen „Blechdeppen“ und aktuelle Programme, die laufen, und damit auch wieder neue Texte für den Blog, so wie den über die große alte Tante SPD:

Die SPD hat ihren Humor auch in schweren Zeiten nicht verloren, auch wenn er wahrscheinlich eher ungewollt an den Tag gelegt wurde, dachte ich, als ich in Gräfelfing über die Bahnhofstraße spazierte.

„Dark Down Stompers“ – Leute, die ins Dunkel hinunter stapfen! Das ist die passende Begleitband für ein SPD-Jubiläum in diesen Zeiten. Auch beim Untergang der Titanic spielte schließlich die Bordkapelle tapfer weiter. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken an die Partei meiner Väter herum. Immerhin war einer meiner Großonkel nach dem Zweiten Weltkrieg, als Kurt Schuhmacher SPD-Chef war, stellvertretender Bundesvorsitzender dieser Partei und mein Großvater ein Genosse, der auch in der Nazi-Zeit seiner Partei nicht den Rücken kehrte. „Mitleid“, so dachte ich bei mir, „bekommt man eben geschenkt. Neid muss man sich verdienen.“ Aber der will nicht so recht aufkommen. Im Gegenteil! Die aktuell laufende Bewerbungsrunde für die Nachfolge von Andrea Nahles stärkt das Gefühl des Mitleids.

Das Schiff geht unter und die Besatzung diskutiert, welche Farbe der Kamin bekommen soll. Der Eindruck drängt sich auf angesichts von Kevin Kühnerts jüngstem Bekenntnis zum Thema „Systemwechsel mit dem Ziel Sozialismus“.

Nein, die SPD ist wirklich nicht zu beneiden. Da treten Kandidat(Inn)en ins Scheinwerferlicht der Medienwelt, die beim besten Willen auch im Doppelpack nicht als attraktives Schnäppchen durchgehen. – Geschweige denn ernsthaft für die goldene Uhr des SPD-Gründervaters August Bebel infrage kämen,die nach dem Tod des legendären SPD-Mitbegründers 1913 an jeden seiner Nachfolger weitergegeben wird. In vielen politischen Feldern bieten die Genossen ein Bild, das stark von Inkompetenz und Indolenz geprägt wird. Das letzte Beispiel: Die Wahl von Ursula von der Leyen als Nachfolgerin des Präsidenten der EU-Kommission Jean Claude Juncker, als die deutschen Europa-Abgeordneten der SPD dem deutschen Publikum ernsthaft weismachen wollten, warum Deutschland nach mehr als einem halben Jahrhundert der Abstinenz die Chance ungenutzt lassen sollte, dieses wichtige Amt nicht zu besetzen.

Auch die Etikettierung dieses Vorgangs als prinzipientreue Haltung macht die Sache nicht besser. Wenn die deutschen Genossen das „Spitzenkandidatenprinzip“ wirklich hätten durchsetzen wollen, hätten sie den Europarat, die Versammlung der Staats- und Regierungschefs der EU, so wie 2014 vor vollendete Tatsachen stellen können. Damals suchte der bei der Europawahl unterlegene SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz eine Parlamentsmehrheit für Jean Claude Juncker, um das „Spitzenkandidatenprinzip“ zu retten. Großbritannien und Ungarn hatten erkennen lassen, dass sie im Europarat gegen Juncker stimmen würden. Das EU-Parlament stattete den Luxemburger jedoch mit einer so großen Rückendeckung aus, dass der Europarat auf eine Kraftprobe mit dem Parlament verzichtete. Diesmal lehnten die Genossen von Anfang an kategorisch den Wahlsieger Manfred Weber ab. Die Regierungschefs hatten leichtes Spiel. Auch das Mobbingpapier der SPD-Abgeordneten konnte die Wahl der Konsenskandidatin von der Leyen nicht mehr stoppen.  Die deutschen Spezialdemokraten der SPD haben sich in Europa zu einer zu vernachlässigenden Größe verzwergt. Auf sie kommt es nicht mehr an.

Auch in Deutschland wächst die Gefahr, dass sich die Wählerinnen und Wähler die Frage stellen, warum man die SPD eigentlich noch braucht. Die Partei betreibt eine Politik, die mehr und mehr an der Lebenswirklichkeit und dem Lebensgefühl der großen Mehrheit der Deutschen vorbei geht. Sicherlich hat die sinkende Zustimmung mit der Auflösung traditioneller Wählermilieus zu tun, aber vor allem auch mit der Neigung der Genossen Themen mit großer Verve zu vertreten, die vor allem bei Minderheiten einen hohen Stellenwert haben – Zum Beispiel die Homosexuellen-Ehe oder auch die Mindestrente. Beides Themen, die „nice to have“ sind, aber nicht die Massen bewegen.  Für eine Volkspartei – und diesen Anspruch erhebt die SPD trotz mieser Wahlergebnisse – ist das ein Irrweg. Es bräuchte zu viele Minderheiten, um eine Stimmenmehrheit zu bekommen.

Vor allem fehlt es an charismatischem Führungspersonal, wie einst in den guten alten 70er-Jahren als der „Genosse Trend“ wie im Traditionslied der SPD noch „Seit an Seit“ mit den Genossen „marschierte“. Der Genosse Trend hat sich längst in Richtung Grün davon gemacht. Dort ist – so vermutet der vor allem in den Großstädten dominierende Trend – die moderne, offene Gesellschaft zuhause. Das Charisma der beiden Vorsitzenden übertüncht die obligate grüne Politik des erhobenen Zeigefingers und der Neigung zu Verboten – wie beim Fliegen, beim Autofahren, dem Veggie-Day oder den Vorgärten, die statt Rasen Schotter und Steine schmücken und, und, und. Mich erinnert das an den utopischen Roman „Insel der Ungeborenen“, das letzte Werk von Franz Werfel, erschienen 1947 nach seinem Tod. Werfel war als jüdischer Mensch vor den Nazis in die USA geflohen. Im neunten Kapitel des Romans schreibt er irgendwie seherisch über die Deutschen:

„Zwischen Weltkrieg Zwei und Drei drängten sich die Deutschen an die Spitze der Humanität und Allgüte. Der Gebrauch des Wortes ‚Humanitätsduselei‘ kostete achtundvierzig Stunden Arrest oder eine entsprechend hohe Geldsumme. Die meisten der Deutschen nahmen auch, was sie unter Humanität und Güte verstanden, äußerst ernst. Sie hatten doch seit Jahrhunderten danach gelechzt, beliebt zu sein. Humanität und Güte erschien ihnen jetzt der beste Weg zu diesem Ziel.  …….. Sie waren, mit einem Wort, echte Schafe im Schafspelz. Da sie aber selbst dies krampfhaft waren, glaubte es ihnen niemand, und man hielt sie für Wölfe.“

Ein weiterer Kommentar erübrigt sich.

Quelle: Hausmannskost

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