CDU-Parteitag in Leipzig: Kann Friedrich Merz wirklich Kanzler?

Peter Hausmann21.11.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Altgranden der CDU und ihre Eleven aus der Jungen Union sollten sich einmal nüchtern mit dem mehr als bescheidenen Zustand der SPD befassen. Seit sich die „alten Tante SPD“ im Selbstbeschäftigungsmodus befindet, sinkt der Stern der Traditionspartei rapide.

„Si tacuisses, philosophus mansisses!“ (deutsch: Wenn Du geschwiegen hättest, wärest Du ein Philosoph geblieben). Mit diesem lateinischen Satz pflegte Franz Josef Strauß, der ein Faible für Latein hatte, seine parteiinternen Kritiker in die Schranken zu weisen. Wenn sie dadurch nicht zum betretenen Schweigen gebracht wurden, schob der große CSU-Stammvater gerne noch ein „Quod licet Jovi, non licet bovi!“ hinterher (deutsch: Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt!). Die Zeiten der wohl gewählten und gesetzten lateinischen Sentenzen sind zwar vorbei, aber in Momenten wie diesen vermisse ich diese Form der gepflegten Herabsetzung parteiinterner Kritiker.

Mitglieder des so genannten Anden-Pakts wie Friedrich Merz und der ehemalige hessische Ministerpräsident und früh verabschiedete Topmanager Roland Koch üben momentan öffentlich massive Kritik an Angela Merkel. Das hat den Beigeschmack eines späten Rachefeldzuges älterer Herren. Sie schmerzt das Gefühl, politisch an Merkel gescheitert zu sein. Sie versuchen eine offene Rechnung zu begleichen, gerade noch bevor die Kanzlerin sich 2021 aus dem Amt und der Politik zurückziehen wird.

Es riecht nicht nach Zufall, wenn der „Hoffnungsträger“ Merz nach Vorlage durch den JU-Vorsitzenden die Kritik via BILD weiter anschürt und sein alter Freund Koch dann im betont konservativen Magazin „CICERO“ nachlegt. Das Ergebnis dieser Aktion mag ihnen heimliches Vergnügen bereiten. Für die Union ist diese Debatte schädlich. Diesen beiden sei die Erkenntnis des englischen Philosophen Sir Francis Bacon (1561 – 1626) ins Stammbuch geschrieben: „Wer nach Rache strebt, hält seine Wunden offen.“

Wenn die CDU weiter im Selbstbeschäftigungsmodus agieren will, wird sie dafür kaum die Sympathien der Wählerinnen und Wähler gewinnen können – vor allem, wenn sie sich auf eine Debatte getreu dem AfD-Motto „Merkel ist an allem schuld!“ einlässt. Das Nachtreten gilt beim Fußball in allen Spielklassen und Ligen als unfein und wird zurecht mit der roten Karte bestraft. Trifft es bei dieser verpönten, unfairen Übung Publikumslieblinge machen die Zuschauer ihrem Unmut laut Luft. Das Publikum wird grob und es meint es auch so! Deshalb kann vor solch einem Umgang mit der Bundeskanzlerin, die noch immer über hohe Sympathiewerte verfügt, nur gewarnt werden. Das Wahlvolk hat ein feines Gespür dafür, wie Parteifreunde miteinander umgehen.

Die Altgranden der CDU und ihre Eleven aus der Jungen Union sollten sich einmal nüchtern mit dem mehr als bescheidenen Zustand der SPD befassen. Seit sich die „alten Tante SPD“ im Selbstbeschäftigungsmodus befindet, sinkt der Stern der Traditionspartei rapide. Einstellige Wahlergebnisse wie jetzt in Thüringen sind die Ernte des Mobbings gegen die eigene Vorsitzende Andrea Nahles und des quälenden Nachfolge-Findungsprozesses. Die Gleichung „Selbstbeschäftigungsmodus = Selbstbeschäftigungsmalus“ stimmt auffallend. Mit Restvernunft sollten die Akteure in der CDU das erkennen und die Diskussion so schnell wie nur möglich abbrechen. Wenn nicht werden die Wochen bis zum Bundesparteitag der CDU Ende November ein großes Trümmerfeld anrichten.

Friedrich Merz hat gute Chancen samt seinen unübersehbaren Ambitionen auf das Kanzleramt erneut politisch zu scheitern. Eine Antwort auf die Frage, ob er wirklich der Heilsbringer sein kann, als den ihn die Junge Union auf ihrem Deutschlandtag gefeiert hat, fällt nicht unbedingt positiv aus. Schon Bundeskanzler Helmut Kohl schätzte den wirtschaftlichen Sachverstand und seine rhetorischen Fähigkeiten. Doch spürte der Rekordkanzler, dass dem „Sauerländer“ seine Eigenschaft im Weg steht, alle spüren zu lassen, wie intelligent er ist. Alte Weggefährten bezweifeln, ob er in der Lage sein könnte genügend Teamgeist zu entwickeln, um einen Wahlkampf erfolgreich zu bestreiten.

Auch böte seine Tätigkeit bei großen Finanzinvestoren genügend mediales Angriffspotenzial. Wie so etwas aussieht hat die Union bereits im Bundestagswahlkampf 2005 schmerzlich erfahren müssen. Der renommierte Professor Paul Kirchhof hatte ein interessantes Steuermodell präsentiert. Der damalige Bundeskanzler Schröder nahm den „Professor aus Heidelberg“ ins Visier. Die Union wolle ein neokonservatives Wirtschaftsmodell statt der Sozialen Markwirtschaft, von dem nur die großen Investmentgesellschaften profitieren. Eine „Heuschrecken-Debatte 2.0“ würde die Bäume für die Union wie damals schon nicht in den Himmel wachsen lassen.

Quelle: Hausmannskost

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