Ich bewundere Menschen, die in den Tag hineinleben können. Wolfgang Bosbach

Für Demokraten gibt es keinen Grund die AfD zu wählen

“Wir müssen uns wohl oder übel mit dem Gedanken abfinden, dass der unruhige Osten noch gut zwei Jahrzehnte brauchen wird, bevor sich dort das demokratische, republikanische Selbstverständnis endgültig bei allen durchsetzt”,so beschreibt es Peter Hausmann.

chemnitz neonazis AfD AfD Deutschland AfD-Fraktion Thüringen Sachsen Sachsen-Anhalt Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern Helmut Schelsky Neonazi-Szene neue rechte

Dieser Tage im Wartebereich eines Flughafens im Westen Deutschlands erlauscht:

„Na wie war Deine Woche?“

„Ich hatte in Sachsen zu tun.“

„Was hast Du denn da gemacht? Nach den Rechten geschaut?“

„Hahaha … Das ist immer noch die Zone – die Problemzone! Für Zurückweisung ist es leider schon zu spät.“

Der Rest des Lästerns geht in Lautsprecherdurchsagen unter.

Ein Wessi ertränkt seinen Ärger über die „undankbaren Ossis“ in einer Flut von Hohn und Spott. Das ist irgendwie beispielhaft für das Grundproblem, das auch nach fast dreißig Jahren noch immer zwischen den Ländern der ehemaligen DDR und den Bundesrepublikanern besteht. Die Metapher, es fehle am Verständnis für die Menschen im Osten, ist zwar richtig aber leider erklärt sie nicht, was die Menschen in Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern wirklich bewegt.

Dabei könnte ein Blick in die Geschichte unseres Landes ein paar Antworten geben. Die Weimarer Republik scheiterte am mangelnden staatsbürgerlichen Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger für den neuen demokratischen Staat. Es hatte sich in den wenigen Jahren zwischen 1918 und 1933 nicht ausbilden können. Auch nach 1945 wuchs das republikanische Bewusstsein im Westen Deutschlands nicht von heute auf morgen – vor allem das Grundverständnis, dass Demokratie auch bedeutet, Verantwortung für das eigene politische Handeln zu übernehmen. Davon sind auch diejenigen, die in Chemnitz oder bei Pegida-Demonstrationen „Ausländer raus!“, „Lügenpresse“, „Wir sind das Volk“ oder „Merkel muss weg!“ grölen, weit entfernt.

Wundern sollte man sich bei aller Verstörung dennoch nicht. Der „real existierende Sozialismus“ des SED-Regimes hatte in den Jahrzehnten der Unterdrückung tausende von Opfern produziert. Menschen wurden indoktriniert. Sie konnten ihre Berufe nicht frei wählen. Reisefreiheit Fehlanzeige! Wer es trotzdem versuchte, die Grenzen der DDR zu verlassen und dabei erwischt wurde, landete im besseren Fall im Gefängnis. Im schlechteren Fall verlor er an der „Friedensgrenze“ sein Leben.

Unterdrückung und Gängelung nährten das Gefühl der Menschen im Osten nicht frei über ihr eigenes Leben bestimmen zu können und ständig belogen zu werden. Das äußerte sich schon zu DDR-Zeiten auch darin, dass die staatlich verordnete Völkerfreundschaft gegenüber den „Gastarbeitern aus den sozialistischen Bruderländern“ keineswegs herzlich war und fremdenfeindliche Übergriffe nur mühsam übertüncht und verschwiegen werden konnten.

Wie die Geschichte zeigt, machen Diktaturen Menschen misstrauisch gegenüber Regierenden, Autoritäten und Medien – auch über ihren Sturz und Untergang hinaus. Deshalb ist dort auch heute – fast dreißig Jahre nach dem Mauerfall – noch immer der Boden für Verschwörungstheorien aller Art und dem daraus entstehenden Extremismus gut bereitet. Dieses Phänomen beschrieb der Soziologe Helmut Schelsky 1957 in seinem Buch „Die skeptische Generation“. In der ersten wissenschaftlich erstellten Nachkriegs-Jugendsoziologie beschreibt der wegen seiner NS-Vergangenheit nicht unumstrittene Soziologe eine von Institutionen und Eliten enttäuschten Generation, die sich betrogen und ausgenutzt fühlt. Wie spätere Forschungen zeigten, strahlte dieses Gefühl bis in die zweite Nachkriegsgeneration also nahezu ein halbes Jahrhundert lang weiter. Wir müssen uns wohl oder übel mit dem Gedanken abfinden, dass der unruhige Osten noch gut zwei Jahrzehnte brauchen wird, bevor sich dort das demokratische, republikanische Selbstverständnis endgültig bei allen durchsetzt.

P.S.: Erklären bedeutet nicht, die Vorfälle in Chemnitz und anderswo zu verharmlosen oder gar zu rechtfertigen. Seit Chemnitz und den Bildern von AfD-Politikern, die Schulter an Schulter mit Pegida und dem Who-is-Who der deutschen Neonazi-Szene demonstrieren, gibt es für Demokraten eigentlich keine Entschuldigung mehr dafür aus Protest AfD zu wählen.

Quelle: “Peter Hausmann”, Hausmannskost":https://www.peter-hausmann.net/nach-den-rechten-sehen/

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Angela Merkel, Katja Kipping, Florian A. Hartjen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Chemnitz, Neonazis, Afd

Debatte

AfD-Chefin Weidel kritisiert FDP

Medium_fdd24d882e

Kein Terroristen-Import nach Deutschland!

Angesichts der menschenverachtenden Attentate in Nizza, Paris, Brüssel und Deutschland ein schier unglaublicher Vorschlag von FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae. Er fordert, dass Deutschland seine Is... weiterlesen

Medium_0156d00e54
von Alice Weidel
11.02.2019

Debatte

Warum können die „Ossis“ nicht mit den „Wessis“?

Medium_7f6451c6a2

Im Osten verlieren die Volksparteien weiter in der Wählergunst

Am 1. September 2019 wählen Sachsen und Brandenburger neue Landtage. Die Thüringer sind am 27. Oktober aufgerufen, ihre Stimmen für einen neuen Landtag abzugeben. Die derzeit aktuellen Umfragen la... weiterlesen

Medium_a6332a696b
von Peter Hausmann
09.02.2019

Debatte

Misst der Staat mit zweierlei Maß?

Medium_5fa8d585da

"58 Prozent der illegalen Einwanderer kommen derzeit ohne Pass"

Falsche Angaben, zum Beispiel in der Steuererklärung, beim Schonvermögen als Hartz-IV-Empfänger oder als Student im BAföG-Antrag, werden bestraft. In besonders gravierenden Fällen droht sogar die F... weiterlesen

Medium_4bbb788597
von Jörg Hubert Meuthen
26.01.2019
meistgelesen / meistkommentiert