Stadt, Land, Einfluss

von Peter Feldmann9.10.2012Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Nicht was in Berlin erdacht wird, prägt das Land. Die Städte in der Fläche sind die Brenngläser und Knotenpunkte der Gesellschaft. Hier ist Politik greifbar, nicht in den Prachtbauten an der Spree.

Zu Bonner Tagen war die Welt noch in Ordnung: Die Bonner Republik stand für Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, aber auch für Enge, Kleinbürgerlichkeit und die Aufarbeitung der NS-Zeit. Die 68er haben sich daran abgearbeitet, eine Zeit der Demokratisierung, die untrennbar mit dem Aufbruch unter Kanzler Willy Brandt verbunden bleibt.

Politik schien noch einfach und überschaubar: Die Einteilung in rechts und links, falsch und richtig beherrschte die Debatte. Festgefügte politische Milieus, Stammwähler, hohe Wahlbeteiligung und wenig Bewegung im Parteiensystem prägten das Geschehen – verständlich präsentiert von den sonoren Nachrichtensprechern der gerade mal drei Fernsehprogramme. In der Bonner Republik fühlten sich die Stellvertreter der Kommunen verstanden. Eine Kluft zwischen Zentrum und Peripherie kannte man höchstens aus Frankreich. Man hatte sich häuslich eingerichtet. Dennoch war die Bonner Republik auch immer ein Provisorium und Sinnbild des geteilten Deutschland – als semisouveräner Staat.

Nicht genug Strahlkraft, um Identität zu stiften

Doch dann wich mit dem Urknall des Mauerfalls die Bonner Beschaulichkeit dem Berliner Sog. Berlin zog ab den frühen Neunzigern mit heftiger Schwerkraft vieles an sich, was sich bis dahin in gewachsener Harmonie zwischen Kiel und München, Kassel und Aachen etabliert hatte. Der Übergang von der Bonner zur Berliner Republik ist auch zu einem Synonym für eine ganze Palette gesellschaftlicher Umbrüche geworden. Die Welt wird komplexer: Individualisierungsprozesse bringen Freiheit und aber auch neue Unsicherheit mit sich, wie die Pluralisierung des Parteiensystems zeigt. Globalisierung und europäische Integration sind nicht vom Himmel gefallen, sondern politisch gewollte Prozesse. Wenn die Zusammenhänge komplexer werden, steigen die Anforderungen an Vermittlung von Politik. Dies scheint jedoch in Anbetracht der Zentralisierungsdynamik der Berliner Republik unter die Räder gekommen zu sein. Berlin ist zentraler Kristallisationspunkt für deutsche Politik, entwickelt aber nicht genug Strahlkraft, um Identität zu stiften.

Manche vermissen Lobbyisten und Medienspektakel vor ihrer Haustür nicht. Städte wie Frankfurt haben schmerzlich erfahren, wie es ist, wenn Unternehmen ihren Sitz in die Hauptstadt verlagern. Die Fläche verliert an Wirtschaftskraft und Aufmerksamkeit. Auch wenn viele eine schicke Adresse in Berlin gefunden haben und die Berliner Republik mit all ihrem Glanz zu dem machen, was sie ist, fällt auf, dass ein Bewusstsein für die Nöte der Bürger im Umzugswagen wenig Platz hatte. Politik wurde zwar erlebbar, aber Reichstag und Kanzleramt etablierten sich mehr als Teil einer touristischen Eventkultur denn als bewusstseinserweiternde Ingredienzien einer Demokratiedebatte. Bei Besuchen in der Hauptstadt waren das Dritte Reich, der Kalte Krieg und der Fall der Mauer plötzlich zum Greifen nah. Doch bleibt die Berliner Republik viele Antworten auf die Fragen der einzelnen Menschen schuldig.

In Folge entstand ein Drang der Kommunen, sich als helle Monde im zunehmend bewölkten Himmel der Bundespolitik neu zu positionieren. Das gilt auch für Frankfurt, in dem sich wie unter einem Brennglas die deutsche Realität studieren lässt. Die zentralen Debatten der europäischen Gegenwart werden nicht im Bundestag ausgetragen, sondern auf den Straßen Frankfurts. Hier handeln die Migranten aus den Nachbarländern mit Obst, Derivaten und Heroin, hier verarmen die Kinder der Arbeitslosen und Geringverdiener, hier wird um jeden Quadratmeter Gentrifizierung gerungen, hier investiert die Deutsche Bank, hier blickt man vom Chagallsaal der Oper auf das Occupy-Camp als sichtbarstem Symbol eines neuen, informierten, kritischen Selbstbewusstseins der Metropolen der westlichen Welt.

Der Kommunalpolitiker fängt die vom Berliner Polittheater produzierte Entfremdung auf

Die Städte sind es auch, auf die unsere Bürgerinnen und Bürger vertrauen. Die Kommune mit ihren Politikern aus der Mitte der Nachbarschaft bleibt der zentrale Ansprechpartner für die Probleme der Menschen. Sie schreiben an ihren Oberbürgermeister, wenn der Bahnhof nicht saniert wird, sie keine Wohnung finden und es an Ganztagsschulen fehlt. Der Kommunalpolitiker fängt die vom Berliner Polittheater produzierte Entfremdung auf, er ist für die Menschen als Person statt als Rolle ansprechbar und verkörpert authentisch Lösungsvorschläge. Ihn trifft man persönlich bei einer Grundsteinlegung oder auf einem Stadtfest. Kommunalpolitiker kommen mit folgenlosen Talkshow-Diskursen nicht durch. Nicht zuletzt sind es auch die lokalen Medien, die mit ihrer intensiven Begleitung des kommunalen Geschehens den Bürgern das so wichtige Gefühl von Zugehörigkeit und Identität vermitteln.

Die Kommunen dürfen in der Verantwortung aber nicht allein gelassen werden. Das gilt insbesondere bei Finanzierungsfragen. Aber auch sonst ist einiges an Umdenken wünschenswert. Denn nicht was in Berlin erdacht wird, prägt das Land. Sondern: Was an kreativem Talent aus den Städten und Dörfern nach Berlin entsandt wird oder drängt, bildet dort die Szene. Was in den Landkreisen zu Politikern ausgebildet wird, das formt dort dann den Bundestag. Was in den Kommunen an Themen akkumuliert wird, prägt dort dann die Schlagzeilen. Als freundliche Mahnung sei formuliert: Dieses Land gehört den Bürgern in der Fläche, nicht einer Elite an der Spree.

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