Katalonien probt den Aufstand! | The European

Keine Massenflucht von Firmen aus Katalonien

Pere Grau Rovira23.10.2017Europa, Politik

Katalonien ist für die Investoren aus vielen Gründen einer der attraktivsten europäischen Wirtschaftszentren

9ce5846708.jpeg

Nach der Großdemonstration vom Samstag in Barcelona und der institutionelle Rede des katalanischen Regierungspräsidenten wartet jetzt ganz Katalonien atemlos darauf, dass die katalanische Regierung und das katalanische Parlament, wahrscheinlich am Freitag den 27. endlich die Unabhängigkeit formell ausrufen. Einfach weil dieser Schritt jetzt, nach dem praktischen Staatsstreich der spanischen Regierung unausweichlich geworden ist. Die spanische Regierung hat sehr willkürlich den Artikel 155 der spanischen Verfassung interpretiert (darüber mehr demnächst in einen anderen Artikel), genau wie sie willkürlich die zwei katalanischen Aktivisten Sánchez und Cuixart inhaftiert hat. Diese Inhaftierung ist nach dem jetzt gültigen spanischen Strafgesetzbuch für die in der Anklage zitierten Vergehen unzulässig. Das war es nicht nach dem SGB von 1973 aus der Franco Zeit, das aber durch das heutige schon lange ersetzt wurde. Übrigens auch Amnesty International hat wegen dieser Inhaftierungen protestiert, genau wie auch gegen die Polizeigewalt während des Referendums am 1. Oktober.

In der Erwartung also, dass bald die Lage in Katalonien so oder so konkretisiert wird, möchte ich heute auf eine Entwicklung eingehen, die sehr aufgebauscht und sehr missverstanden worden ist: die angebliche Massenflucht von Firmen aus Katalonien. Der katalanische Wirtschaftsminister Junqueras hat darauf ironisch reagiert und gesagt, dass bis jetzt 260.000 Firmen ihren Hauptsitz weiter in Katalonien haben.

Das einige hundert zweifellos wichtige Firmen ihren juristischen Sitz nach Madrid, nach Valencia oder nach wo auch immer verlegt haben, hat nur den psychologischen Effekt der Beruhigung ihrer Aktionäre, aber keine praktische Folgen für die katalanische Wirtschaft. Die Lokale, Fabriken, Arbeitsplätze, Felder, Filialen, usw. bleiben wo sie sind. Der Unternehmer und Wirtschaftsprofessor Alfons Duran Pich hat es in seinem Blog beispielhaft erklärt und ich erlaube mir einige Teile seines Artikels zu zitieren.

Geld, sagt Prof. Duran Pich, ist für ehrliche Leute nicht leicht zu verdienen und deswegen haben sie auch Angst es zu verlieren. Und eine Mischung von Angst und Schwäche gegenüber der Staatsmacht bringt einige Unternehmen zu dem Entschluss ihren juristischen Hauptsitz aus Katalonien woanders zu verlagern; eine Entscheidung, die übrigens sehr leicht zurückzunehmen ist. Es sind Entscheidungen, so Prof. Duran Pich, die ohne große Wirkung sind und kaum Folgen haben. Unter vielen anderen Gründen für die geringe Bedeutung dieser Entwicklung, die in dem Artikel genannt werden, führt er folgende Gesichtspunkte an:

– Die großen, multinationalen Firmen haben keinen derartigen Entschluss gefasst, und wenn die spanische Repression weitergeht, mit den zu erwartenden Folgen des katalanischen Bürgerwiderstands, werden die Multinationalen eine Lobby bilden, um die Hilfe ihrer Staaten zu verlangen, und diese werden sich gezwungen sehen zu intervenieren.

– Katalonien ist für die Investoren aus vielen Gründen einer der attraktivsten europäischen Wirtschaftszentren

– Die politischen Probleme Spaniens könnten die Stabilität des Euros gefährden und der Eurozone Schaden zufügen. Dagegen werden die anderen Regierungen intervenieren müssen, um den Schaden zu minimieren.

Diese und, wie gesagt, andere in dem, Artikel zitierten Faktoren (und nicht die eher kosmetischen Maßnahmen der Verlegung des juristischen Sitzes einiger Firmen) werden entscheidend sein für den Druck auf Spanien eine politische Lösung für ein politisches Problem zu akzeptieren. Und ob man es wünscht oder nicht, diese Lösung wird die Wünsche der Mehrheit der katalanischen Bevölkerung nicht ignorieren können.

Warten wir jetzt ab, was die nächsten Tage bringen. Und die Welt sollte sich allmählich an die Idee gewöhnen, dass Katalonien für Spanien verloren ist. Und je mehr Fehler ein für die Realität blindes Spanien macht, desto endgültiger.

Quelle: “Pere Grau Rovira”:https://peregraurovira.wordpress.com/2017/10/22/in-der-angespannten-wartezeit/

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

SignsAward: Der Gute-Geschichten-Abend

Er würdigt mutige, impulsgebende und Zeichen setzende Persönlichkeiten: Der SignsAward ehrte in der BMW Welt München die Zeichensetzer des Jahres 2022. Es war ein festliches Jubiläum voller guter Geschichten.

Existiert Gott? So glaubt Deutschland

In drei Wochen feiern Christen die Geburt Jesu vor mehr als zwei Jahrtausenden. Das Christentum hat Europa und Deutschland tief geprägt. Aber in den letzten Jahrzehnten sank die Zahl der Gläubigen und der Gottesdienstbesucher schnell. Nicht einmal jeder Zweite gehört noch einer der beiden großen

Zentralasien: Nach dem Besuch der deutschen Auβenministerin gibt es noch viel zu tun

Die Reise von Außenministerin Annalena Baerbock nach Kasachstan und Usbekistan vermittelte den Eindruck, dass man die Länder dabei unterstützt, Russland und China die Stirn zu bieten. Doch es bleibt viel zu tun.

Die Ampel-Energiepolitik ist heuchlerisch

Die Meinung von Holger Ohmstedt (red), Tagesthemen

flatexDEGIRO: Vom Frankfurter Fintech zu Europas größtem Onlinebroker – was jetzt?

flatexDEGIRO mausert sich zu einer spektakulären Erfolgsgeschichte. Selbst im branchenweit schwierigen Jahr 2022 geht das Wachstum des Onlinebrokers weiter. Als europäischer Marktführer muss der Konzern aber auch nach strengeren aufsichtsrechtlichen Regularien spielen. Ein Interview mit dem CEO F

Die Ampelregierung fühlt sich an wie der DFB

Die Ampelregierung bekommt zum Einjährigen miserable Umfragewerte, die politische Stimmung in Deutschland ist schlecht. Statt der angekündigten Fortschrittsregierung erlebt das Land eine Streitkoalition mit schlechten Leistungen. Welche Note hat das Scholz-Team verdient? Von Wolfram Weimer

Mobile Sliding Menu