Die Trennung von Spanien wäre keine Katastrophe

von Pere Grau Rovira31.08.2017Außenpolitik, Europa, Wirtschaft

Die Katalanen die sich von Spanien trennen wollen, sollen verrückt, egoistisch und ewiggestrig sein; ihr Ministerpräsident, ein Opportunist, der mit dem Unabhängigkeitsthema von seiner miserablen Politik ablenken will.

Der wachsende Ruf der Katalanen nach Unabhängigkeit von Spanien ist in vielen Medien ein Anlass für sehr negative Kommentare. Die Katalanen die sich von Spanien trennen wollen, sollen verrückt, egoistisch und ewiggestrig sein; ihr Ministerpräsident, ein Opportunist, der mit dem Unabhängigkeitsthema von seiner miserablen Politik ablenken will. Die Trennung, sagen diese Kassandrastimmen, wäre eine Katastrophe sowohl für Katalonien wie für Spanien. Die meisten ausländische Korrespondenten geben ihren Lesern die spanische Version der Ereignisse weiter, die leider allzu oft die wirklichen Fakten ignoriert. Der katalanische Gesichtspunkt, egal wie er gut begründet sei, bleibt meistens unberücksichtigt.

Diese Linien sind ein Versuch den Kritikern eine Art Denkbrücke zu bauen, sodass sie das Problem besser verstehen können, (Dabei ist z.B. der oft zitierte Vergleich mit Bayern und der ehemaligen deutschen Kleinstaaterei vollkommen abwegig).

Dafür möchte ich meine abgeneigten Leser bitten, mir in einer Übung in „Geschichte-Fiktion“ zu folgen, die so verrückt sie erscheinen möge, meines Erachtens den Nagel auf den Kopf trifft. Lassen Sie ihre historische (und sogar geographische) Unwahrscheinlichkeit beiseite, und stellen Sie sich folgender Szenario vor:

-Vor 500 Jahren, und aufgrund dynastische Verwicklungen konföderiert sich ein Königreich Deutschland mit dem russischen Reich. Deutschland und Russland haben denselben König, aber Deutschland behält weiter seine selbstständigen Institutionen.

-Vor 300 Jahren, aus welcher Grund auch immer, fällt die russische Armee in Deutschland ein. Berlin fällt nach langer Belagerung, ein Teil der Stadt wird dem Erdboden gleich gemacht und auf den Areal wird eine mächtige Zitadelle gebaut, um möglichen Aufständen der unbotmäßigen Untertanen vorzubeugen. Alle deutschen Institutionen gleich welcher Art werden aufgelöst und Deutschland wird eine einfache Provinz Russlands. Der öffentliche Gebrauch der deutschen Sprache wird verboten uns alle deutsche Universitäten geschlossen. Es wird nur eine neu gegründete Universität erlaubt mit Sitz in Celle (oder in Kempten, oder in Görlitz) Lehrsprache ist hier wie in den Schulen fortan nur russisch.

Nach einer leid- und wechselhafte Geschichte und nach einer strengen Diktatur kommt ein Wechsel zur Demokratie, und die Deutschen hoffen durch eine neue Autonomie ihre Freiheit, ihre eigenen Institutionen, den unbehinderten Gebrauch ihrer Sprache und einen gleichberechtigten Platz im russischen Staatsverband zu finden. Dreißig Jahre später ergibt sich aber folgende Situation:

-Deutschland muss fast sämtliche Steuereinnahmen nach Moskau liefern. Die Summe die von Moskau zurückkommt , muss immer neu verhandelt werden. Die Differenz zwischen abgeführten Einnahmen und zurückgekommenen Geldern, übersteigt 8 % des deutschen BIP und entkapitalisiert das Land. Aus diesem Grunde und um ihre gesetzlichen Aufgaben erfüllen zu können, muss sich die deutsche autonome Regierung unverhältnismäßig verschulden.

-Die Deutschen stellen fest dass mit dem ihnen entzogenen Geld eine Aufblähung der russischen Bürokratie und ökonomisch unsinnige Projekte finanziert werden (Geister-Flughäfen, leere Autobahnen, Hochgeschwindigkeitszüge mit katastrophalen Benutzerzahlen, etc.)

-Jede deutsche Maßnahme, die Normalität der deutschen Sprache in Deutschland wieder zu erreichen, wird als totalitäre, verbohrte und fremdenfeindliche Maßnahme deklariert, während das russische weiterhin alle Privilegien genießt. Laut Verfassung „kann“ Deutsch gelernt werden, Russisch „muss“ gelernt werden. Bildungspolitik wird größtenteils weiter von Moskau diktiert.

-Kein russischer Beamte, der in Deutschland arbeitet, muss Deutsch können, also z.B. weder Richter noch Polizisten, noch Finanzbeamten. Das heißt, wenn man in Frankfurt, in Baden oder in Leipzig in der nächsten Polizeiwache einen Diebstahl melden will, muss man fast immer auf russisch tun um überhaupt verstanden zu werden.

Die Liste könnte viel länger sein, aber belassen wir es dabei. Und dann kommt meine Frage. Wenn in einen solchen Szenario Deutsche (sehr viele deutsche) sich gegen solche Zustände auflehnen und für die Unabhängigkeit Deutschlands weg vom russischen Reich, massenhaft demonstrieren würden, würden Sie auch diese Deutschen als bornierte, egoistische, Ewiggestrige Idioten bezeichnen?

Es gibt einen alten Spruch: Nur derjenige der den Schuh anhat, weiß wo er drückt. Und man kriegt keine 1,5 Millionen auf der Straße, nicht mal ein Zehntel davon, wenn der Druck nicht ganz gewaltig ist.

__Dieser Artikel erschien am 27.01.2013 in den Blog „Help Catalonia“, auf deutsch, englisch, französisch und italienisch. Seine Aussage ist nach wie vor gültig und aktuell…__

“Pere Grau Rovira”:https://peregraurovira.wordpress.com/2016/07/05/die-katalanen-ein-verruecktes-volk/

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu