Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Der Papst ist nicht Diana

Der Papst ist weder Rockstar noch König, sondern Bischof von Rom. Der Glaube, dass die Kirche eine gesellschaftstragende Größe sein soll, ist falsch.

Der Welt stockte der Atem. Als Lady Diana 1997 bei einem Autounfall starb, überschlugen sich die Nachrichten. Vorher schon war die Königin der Herzen immer für eine Reportage gut. Ihr Begräbnis wurde zum TV-Ereignis des Jahres. Ebenso wie einige Jahre zuvor ihre Hochzeit. Royal-TV macht Quote.

Als Katholik muss ich mir in diesen Tagen wieder einmal sagen: Der Papst ist Diener der Diener Gottes. Ja. Er ist Nachfolger des Heiligen Petrus. Ja. Aber vor allem ist er Bischof von Rom. Wie über zweitausend andere Bischöfe Bischof von X, Y oder Z sind. Alle diese Bischöfe leben in Einheit mit dem Bischof von Rom. Keine Frage. Aber die katholische Kirche ist in den Ortskirchen organisiert, die sich um ihren Bischof herum finden.

Der Papst, der Freizeit macht

Dass Benedikt XVI. zu einem von ihm bestimmten Zeitpunkt zurücktritt, enttäuscht alle, die statt „Vater unser im Himmel“ insgeheim doch lieber „Heiliger Vater“ sagen. Dabei sagt Jesus selber, dass wir niemanden auf Erden unseren Vater nennen sollen. Ich habe Joseph Ratzinger immer schon dafür bewundert, wie unprätentiös er das Papstamt ausführt. Keine heilige Aura. Kein 24-Stunden-Dienst. Ein Papst, der Freizeit macht. Ein Papst, der Bücher schreibt, die ausdrücklich vom Professor geschrieben sind und der theologischen Diskussion übergeben werden. Auf diese Weise hat der scharfsinnige deutsche Theologe im Papstamt gelebt, was nüchterne deutsche Theologie vom Papstamt hält: gestiftet von Christus. Im Dienst an der Wahrheit. Zum Evangelium hinführend. Die Gefahr der Vereinzelung der Gläubigen abwehrend.

Der Evangelien-Forscher Rudolf Bultmann hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Evangelien entmythologisiert. Damit rief er vielfältigen Protest hervor. Sein Verdienst bleibt es aber, zu betonen, dass sich Jesus Christus nicht durch Wunderbares erwiesen hat, sondern durch die Stiftung des Glaubens inmitten der normalen Welt. Benedikt hat mit seiner nüchternen Rücktrittserklärung ein Entmythologisierungsprogramm für das Papsttum eröffnet, das vor allem nach dem spektakulären Tod von Papst Johannes Paul II. wieder näher an das Wunderbare gerückt schien. Der Rücktritt macht klar: Es ist ein Dienstamt an der Kirche, die wesentlich Ortskirche ist.

So sehr die Kameras auf den Papst und Rom gerichtet werden – es ist der Lady-Diana-Effekt. Obwohl alle Demokraten sein wollen, hängen sie vor der Glotze, wenn demnächst Königin Beatrix von Holland abdanken wird. Obwohl alle so herrlich frei sein möchten, erbittet die fast 40-jährige Geschäftsführerin von mir, dem Traupriester, dass der Papa sie zum Traualtar führen darf. Obwohl alle den Wandel wollen, gibt es in den kirchlichen Verbänden altgediente Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende und Geschäftsführer, die ständig davon reden, dass andere sich bewegen müssen; nur sie selber bleiben im Amt bis zur bitteren Abwahl. Es ist mehr Konservatives im (Kirchen-)Volk, als viele meinen. Es sind die zukünftigen Päpste, die nun zittern müssen. Denn Papst Benedikt XVI. steht mit seinem neuen Amtsverständnis plötzlich als Reformer da. Er widersetzt sich kindlich-ängstlichen Anhänglichkeitsattitüden. Wer zu ihm aufschauen wollte, wurde gleich weiterverwiesen. Denn er sah sich nur als Papst für unten taugen. Und auf Zeit.

Der Rücktritt soll die Bischöfe zu mehr Originalität bewegen

Aus dem kindlichen Lamentieren katholischer Christinnen und Christen muss endlich Fortschritt werden. Dass die Kirche eine Stiftung ist, die am Kreuz besiegelt wurde mit dem Blut des Menschensohnes, ist zu ernst. Es gilt, sich wie der Papst in Demut vor der „Sache Jesu“ zu prüfen und sich zu fragen, was der auferstandene Herr denn heute von seiner Kirche will. Der Rücktritt sollte die Bischöfe in Deutschland zu mehr Originalität bewegen. Der Bischof von Trier darf anderes reden und strukturieren als der Bischof von Köln. Der Amtsverzicht des Papstes sollte langjährige Frauenverbandsvorsitzende, Pfarrgemeinderatsvorsitzende und andere Sitzungskatholiken dazu bringen, mit dem Papst einen neuen Aufbruch zu wagen. Vor allem aber sollte, wenn der unerwachsen schmachtende Blick auf „Seine Heiligkeit“ nicht mehr möglich ist, endlich wieder die eigene Heiligung kraft Taufe und Firmung zur betenden Aktion und zur Aktion der Nächstenliebe führen.

Mit dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. werden wir in Deutschland vielleicht auch den Mut haben, endlich aus der Vorstellung zurückzutreten, „die Kirche“ oder „wir Katholiken“ müssten eine gesellschaftstragende Größe sein. Noch schmerzt das Wort des Papstes von der Entweltlichung, die er den katholischen Bistümern und den Katholiken bei seiner Ansprache im Theater in Freiburg vorgeschlagen hat. Sein Rücktritt ist die beste Interpretation dieses Begriffes. Es gibt eine Begegnung mit Gott, und sie findet im Gewissen des Menschen statt, die einen die Tatsachen sehen lässt und zu mutigen Entscheidungen befähigt. Sie widersprechen vielleicht den Traditionen und dem, was gewachsen ist. Aber für die Welt, der wir zu dienen haben – auch von dieser Pflicht der Kirche ist in der Rücktrittsankündigung die Rede –, sorgen wir vielleicht am besten, wenn wir uns verabschieden von Gewohntem, von Weltlichem. Der Gewissensgehorsam von Joseph Ratzinger und sein geistlicher Gehorsam, mit dem Jesus Christus ihn zum Rücktritt bewog, weisen den Weg zu einer Bekenntniskirche, die nicht auf Macht setzt, sondern auf die Kraft. Eine Kirche, die das Vertrauen auf Gott gibt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Maria von Welser, Bernd Hagenkord, Norbert Scholl.

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