Weil du, Gott, reich bist, sind auch wir reich

Paulus Terwitte12.12.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wir brauchen gottverantwortliche Menschen, die sich, ob reich oder ob arm, nicht den Mund verbieten lassen von Umständen oder Logiken, aus denen es vermeintlich kein Entrinnen gibt.

Der Advent sorgt für Erkenntnisgewinn. Die Armen, darauf verweisen die biblischen Propheten, erkennen zuerst. Die berühmten Verse von Bertold Brecht reflektieren die Botschaft der Bibel recht gut. In Fulda fand ich sie im Sommer auf der Abdeckplane eines Bauzaunes: “Reicher Mann und armer Mann / Standen da und sahn sich an. / Und der Arme sagte bleich: / Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich.” (Bertolt Brecht, Gedichte [1933–1938]; in: Gesammelte Werke [GW] Band 9, Ffm. [Suhrkamp] 1967, hier S. 513) Ja, die Armen merken, was fehlt, wenn keiner mehr Gott im Kommen sieht und jeder sich nur noch an sich selber freut. Sie merken das praktisch. Sie müssen von 5,10 Euro am Tag leben. Sie haben täglich das Gefühl, exkommuniziert zu sein von der Glitzerwelt, die an den dunklen Adventsabenden besonders schmerzlich ins Auge und ins Herz sticht. Was nützen einem all die Glühweinbuden, wenn man in eine Tasse des dampfenden Traditionsgetränkes zwei Drittel seines Tagesbudgets versenken muss? Das Reden derer, die reich sind, über jene, die nichts haben oder zu wenig, muss aufhören. Das wird aber nur gelingen, wenn wir vor allen Rechnungen wieder mit Gott zu rechnen lernen. Erster Grundsatz der göttlichen Gleichungslehre: “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Mein bist du!” Ob arm oder reich: Wenn sie Gott anerkennen, haben sie einen Grund zum Gespräch miteinander, der weder von der Armut noch vom Reichtum diktiert wird. Gott holt alle, die je auf ihre Weise unzufrieden sind mit sich und der Welt und krampfhaft nach besseren Zeiten Ausschau halten, auf den Boden der Gegenwart zurück.

Wir brauchen keine Ideologien

Wir gehören der Gegenwart. Darin spricht Gott uns an, jeden mit einem eigenen Namen. Keiner hat nur Zahlenwert. Wir sind nicht dazu geschaffen, nach den Berechnungen der Ökonomen und Demoskopen zu funktionieren. Wir brauchen keine Ideologien, um uns zu begegnen. Die kommunistische nicht, die zur Schaffung eines menschenmachbaren Paradieses den Menschen letztlich als Marionette sieht, die dafür, wenn es sein muss, entsprechend verbogen werden muss. Und die kapitalistische nicht, die davon faselt, jeder müsse sich selber reich machen und den Menschen zu einer Funktion rein ökonomischer Effizienz macht. Wir Menschen sind nicht auf uns allein gestellt. Auch Reich und Arm gehören zusammen. Der Mensch muss sich nicht einen Namen machen, sondern hat einen Namen, der bei Gott eingetragen ist. Der Mensch kann erkennen, dass er viel mehr ist als alles, was man mit ihm machen will oder was er aus sich selber machen kann. Er ist nicht etwas. Er ist jemand. Eine Person. Unverwechselbar. Wertvoll. Eigenständig. Persönlich. Unberechenbar. Die französische Gewerkschafterin und Marxismuskritikerin Simone Weil hat das unvergleichlich ausgedrückt. Sie bekannte sich lange als ungläubig, konnte ihre Wurzeln im Judentum aber nicht verleugnen. Sie wandelte sich zu einer viel zu wenig beachteten großen Mystikerin und gläubigen Denkerin des 20. Jahrhunderts, die sich kurz vor ihrem Tod 1943 vermutlich von einer Freundin taufen ließ. Sie formulierte: “Meine Sache ist es, an Gott zu denken; Gottes Sache ist es, an mich zu denken.” Dieser Gott, so lautet die Adventsbotschaft, ist stark im Kommen. Er will alle berühren, den Nächsten zu sehen und seine Verstrickungen, sei es in Armut oder in Reichtum. Holen wir die Armen als Praktiker der Ungleichheit mit an den Tisch. Sie können, das ist der Kern im Gedicht von Brecht, das Gespräch beginnen. Wir brauchen keine Kommissionen, die den lieben langen Tag damit beschäftigt sind, die günstigsten Konstellationen für die Zukunft zu berechnen. Wir brauchen gottverantwortliche Menschen, die sich, ob reich oder ob arm, nicht den Mund verbieten lassen von Umständen oder Logiken, aus denen es vermeintlich kein Entrinnen gibt. Wir brauchen Beter, die sagen: “Weil du, Gott, reich bist, sind auch wir reich.” Und die es zu ihrer Sache machen, den Reichtum, den Gott schenkt, gerecht miteinander zu teilen.

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