Happiness comes from inside

von Paulus Terwitte5.12.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Über die Bewohner der Seniorenresidenz “pro seniore”: der stumme Schrei alter Menschen nach Licht.

Advent funktioniert. Das Foto ist Gott sei Dank Geschichte. Doch der Reihe nach. Das Foto entstand am Montag. Auf einem Megaposter ist ein Model gerade dabei, sehr unadventlich an sein Hosentürchen zu greifen. Die Absicht ist klar: Der Betrachter soll allerlei Anzügliches zum Slogan assoziieren: “Happiness comes from inside.” Nun, am Ende tatsächlich. Allerdings ganz anders. Doch zunächst weiter in der Geschichte. Gehen wir mit dem Auge zu den Fenstern an der Häuserfassade. Es könnten Türchen von Adventskalendern sein. Zu betrachten am Hackeschen Markt in Berlin. Ich zählte am Montag sieben Fenster in vier Reihen. Sie gehören zur Seniorenresidenz “pro seniore”. Hinter jedem wohnt ein oder wohnen zwei ältere Menschen. Sie verbringen dort ihren Lebensabend. Einige können ihr Zimmer nicht verlassen. Manchmal öffnen sie ihr Fenster. Oder ein Pfleger macht es für sie. Tageslicht ist für sie ein Lebenselixier. Das hätten die Menschen, die hinter den sieben weiteren Fenstern in ebenfalls vier Reihen, auch gern gehabt. Doch sie wurden bis vorgestern von dem Plakat mit dem beschäftigten Model verdeckt. “I’m working on it.” Woran er wirklich arbeitete, erriet man nicht sofort: Er stahl den alten Menschen, die hinter dem Poster verhüllt leben mussten, das Tageslicht. Alles hatte zunächst eher harmlos begonnen. Die Fassade von “pro seniore” am Hackeschen Markt sollte renoviert werden. Für die Maler musste ein Gerüst aufgebaut werden. Als die Arbeiten nach wenigen Tagen beendet waren, wurde es wieder abgebaut. Doch leider nur zur Hälfte. Der Eigentümer der Immobilie, ein Fonds der Kölner Sparkasse, hatte es als Werbefläche vermietet. Und das bis Mitte Februar.

Ohnmächtige Wut

Schluss mit “Happiness from inside”. Ohnmächtige Wut staute sich bei den Senioren auf, die tagsüber im Dunkeln saßen und abends im Scheinwerferlicht des erleuchteten Megaposters. Köln aber ist weit. Den Fonds der immerhin kommunalen, sprich: bürgernahen Sparkasse scherte es nicht, das Eigentum auch denen gegenüber verpflichtet, die es bewohnen. Als alte Geldesel sind die Senioren gerade noch gut genug. Bis heute meldete sich keiner von dort bei den Bewohnern. Die Berliner Schergen der rheinischen Eigentümerin wuschen ihre Hände in einer Brühe aus Effizienz, Wertschöpfung und Profitabilität. Jedenfalls nicht in Unschuld. “I’m working on it” las ich am Montag daher so: Drei Monate Megaposter am Hackeschen Markt ergibt soundso viel Tausender-Kontakte. Macht soundso viel Erlös. Und prima: Die Malerarbeiten sind bezahlt. Drei Monate Schattendasein in 28 Altenwohnungen sind da Kollateralschaden. Als mir zwei aktive Bewohner diesen Vorgang schilderten, war ich erschüttert. Alle reden im Advent vom Licht. Und diese älteren Mitbürger setzte Berlin mit einem Megaposter ins Dunkel. Patienten der Charité wurde das gleiche Monate zuvor ebenfalls angetan. Natürlich gab es vom Bezirksamt eine Genehmigung nach geltender Rechtslage. Dass dabei Mitmenschen im Advent, an Weihnachten, Neujahr, Dreikönig bis tief in den Februar vom Tageslicht abgeschnitten werden könnten, kümmerte keinen. Dass die gleichen Menschen morgens und abends bis tief in die Nacht vom Scheinwerferlicht fürs Poster künstlich mitbeleuchtet wurden: Wen interessierte das?

Der stumme Schrei nach Licht

Nein, am Hackeschen Markt in Berlin kam nicht mehr “Happiness from inside”. Im Gegenteil: Durch die Fasern dieses Machwerkes drang der stumme Schrei alter Menschen nach Licht. Ich war am Montag kurz davor, dem Model auf dem Poster zur Hand zu gehen und als adventliche Tat mit einem Messer sein Hosen-Türchen weit zu öffnen: Dann hätte man sehen können, dass hinter dem Bild die Arbeiten längst beendet sind und der junge Mann mit dem ganzen Poster mehr als 35 ältere, meist wehrlose Menschen vom Lebenslicht abgeschnitten hat. Nun verbietet es mir der Anstand, eine Sache zu beschädigen, die mir nicht gehört. So dachten auch die Bewohner. Sie machten sich auf den Beschwerdeweg. Und siehe da: Es zeigte sich einmal mehr, dass sich Einsatz lohnt. Voller Stolz schrieben mir die Initiatoren der Beschwerde, zwei Journalisten, die dort, just dort, wo das Plakat vier Wochen lang Licht und Luft nahm, ihren Ruhesitz haben: “Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Und die Nachbarschaft hat es sowieso vertieft.” Das Plakat wurde am Donnerstag in aller Frühe abmontiert. Eine herrliche Adventerfahrung. Allerdings betrüblich, dass es dafür gewiefte Öffentlichkeitsarbeiter brauchte, die rbb, RTL und andere mobilisierten und auch die Bezirksabgeordneten, weil sie das Bezirksamt erst einmal auf Trab bringen mussten. Bis Köln reichte ihr Ruf allerdings nicht. Der Kölner Sparkasse wünsche ich mehr Sensibilität. Als Eigentümerin hätte sie diesem unwürdigen Treiben von Werbefunktionären ein Ende setzen können, denen die Lebensqualität von alten Menschen gleichgültig ist. Den Alten in Berlin und überall in Deutschland wünsche ich Verwaltungsverantwortliche, die dem Missbrauch des öffentlichen Raumes durch Megaposter – davon habe ich hier noch gar nicht gesprochen –, aber vor allem auf Kosten von Mietern mit einer einstweiligen Anordnung sofort den Riegel vorschieben und nicht erst warten, ob die sich wehren. Und natürlich hoffe ich auch auf Kunden, die sich die Marke Diesel solange nicht leisten wollen, bis sich die Firma entschuldigt, die offensichtlich das Begrabensein alter Menschen hinter einer solchen Werbung für selbstverständlich hält. “Happiness comes from inside.” Doch nicht aus der Hose, liebe Firma Diesel. Viel mehr aus dem Herzen und ebenso viel aus dem Verstand. Diese Häuserfront am Hackeschen Markt ist ein Adventskalender auch jetzt noch, wo das Plakat weggeräumt ist. Hinter den Fenstern wohnen Menschen, die eine adventliche Erfahrung gemacht haben. Sie hatten Menschen in ihrer Nachbarschaft, die sich gewehrt haben. Unser Land braucht solche adventlichen Menschen mehr als alle Models auf Tausenden von Plakaten. “Happiness comes from inside.” Aus dem Herzen der Menschen, die sich nicht scheuen, für Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen. “Reiß ab, wo Schloss und Riegel vor!”, heißt es im Adventslied. Und Gott sprach am Hackeschen Markt: “I’m working on it.”

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