Was den Einzelnen ausmacht, ist seine Seele

von Paulus Terwitte28.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Über die Entwicklung der menschlichen Person.

Am Hauptbahnhof Frankfurt am Main. Das abgelegte Brautkleid zieht meinen Blick an. Wohin mag die Braut geflohen sein? Gehört das Versprechen zum Restmüll unserer dauerbewegten Gesellschaft? Treue und Beständigkeit riechen nicht gut für den Zeitgenossen. Sie müssen ständig auf Achse sein. Bindung und Heimat stehen dem beruflichen Fortkommen im Weg. Die kommunistische Idee von der Disponibilität des Arbeiters in der vollkommenen Gesellschaft feiert im Kapitalismus fröhliche Urständ. Jeder, so liegt in der Luft, muss auf alles vorbereitet und für alles geschult sein. Es setzt sich die Meinung durch, jeder könne jederzeit in der Arbeit, aber auch im Privatleben neu ansetzen. Euphemistisch wird das dann “Erfahrungen sammeln” genannt. Der “Generation Praktikum” folgt freiwillig-unfreiwillig die “Generation Bachelor”. Sie mag in vieles Einblick gewonnen haben. Das jedoch um den Preis, den Überblick verloren zu haben. Die Entwicklung der menschlichen Person erfolgt nicht nach dem Prinzip der russischen Matroschka. Es kommt nicht auf Hüllen an, in die wir uns hineinstecken oder hineinstecken lassen. Was den Einzelnen ausmacht, ist sein Wesen, seine Seele, ist sein Personkern. Diese drei Begriffe ersetzen sich gegenseitig. Immer geht es darum, dass jeder sich selber mitnehmen muss und niemanden und nichts abstreifen kann wie ein altes Kleid. Der Ruf des Breslauers Johannes Scheffler, genannt Angelus Silesius (1624–1674), bringt es auf den Punkt: Mensch, werde wesentlich; / denn wann die Welt vergeht, / So fällt der Zufall weg, / das Wesen, das besteht. Zufall ist hier wörtlich zu verstehen: Der Lehrer, der einen auf die richtige Lernmethode aufmerksam machte; die Nachbarin, die einen hinwies auf Fertigkeiten, die selbst den Eltern verborgen blieben; ein Onlineartikel, der einem die Augen öffnete und Perspektiven erschloss, die man nicht mehr missen mag. Leben ist kein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel. Menschsein darf sich nicht darin erschöpfen, trügerischen Bildern von einem glücklichen oder vollkommenen Leben hinterherzujagen. Viele werden dadurch kurzsichtig. Sie setzen auf den schnellen Erfolg. Das große Glück. Die totale Erfahrung. Um all diesem ebenso schnell wieder zu enteilen. Solche Oberflächlichkeit macht nachhaltig unzufrieden. Sie treibt uns vor sich her mit der teuflischen Verlockung, der Ernstfall Leben käme erst später, woanders würde es Besseres zum Leben geben und es könnte auf keinen Fall hier und jetzt zu finden sein. Wie viel Leid kam auf diese Welt, weil Menschen nicht beackerten, was sie hatten, sondern in Traumwelten flohen und dort erringen wollten, was gar nicht zu ihnen passte. Treue zum Beruf, zur Ausbildung, zum Lebenspartner und zum Kind sind in dieser Vorstellungswelt nur lästig.

Keiner kann sich neu erfinden

Wer immer schon auf dem Sprung ist zu dem, was noch besser sein könnte, darf nicht vergessen, dass er immer mit sich selber fortspringt. Keiner kann sich neu erfinden. Wir müssen aufs Neue entdecken, dass jeder Mensch einmalig und unverwechselbar ist. Er ist mit seinem ganzen Wesen so zu achten, dass sich eine ganze Welt auf ihn einzustellen hat. Wir müssen verlernen, davon zu sprechen, dass “jemand ins Team passen” muss. Nein, das Team muss mit dem Neuen, der aufgenommen wird, bereit sein, sich zu verändern. Die Studierenden haben recht, wenn sie sich dagegen wehren, nur noch zugerichtet zu werden für Aufgaben in Wirtschaft und Gesellschaft. Nein, Wirtschaft und Gesellschaft müssen jungen Menschen ermöglichen, sich umfassend und mit Muße zu bilden, damit sie neue Impulse geben können und Wirtschaft und Gesellschaft vom Wiederkäuen der alten Parolen erlösen können. Für eine Partnerschaft gilt: Man sollte einander nicht in die Bilder und Formen zwängen, die man sich von einem Idealmann oder einer Idealfrau gemacht hat. Der Ausstieg ist sonst schon vorprogrammiert. Wir müssen Treue und Beständigkeit wieder hervorholen ins kollektive Bewusstsein als Werte, an denen der Mensch wachsen kann zu einer Größe, für die es kein vorgefertigtes Kleid gibt. Wir brauchen keine einheitlichen Menschen, sondern Menschen, die mit sich eins sind. Solche, die zu nichts zu gebrauchen sind, die aber gern alles gebrauchen, was ihnen das Leben bietet, um Persönlichkeit zu entwickeln, die das Festgewand einer reifenden Existenz niemals abzustreifen bereit ist.

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