Die humane Gesellschaft

von Paulus Terwitte21.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wie wir bessere Menschen werden.

Unfehlbar ist wahr: Menschen sind fehlbar. Wir können die besten Absichten haben: Wenn Ort, Zeit oder anderes nicht passen, reitet uns ein Teufel. Und wir tun, was wir eigentlich nicht wollten oder beabsichtigten. Selig, wer sich und anderen das eingestehen kann. Schuld ist kein Modewort. Und wenn sich einer mal entschuldigt, klingt es wie bei der Deutschen Bahn: Die entschuldigt sich auch für unverschuldete Unannehmlichkeiten. Reine Vorsorge und Appell ans Gutmenschentum. Echt ist das dann nicht mehr. Schuld zu gestehen lässt eine Schwäche aufblitzen, die jeder hat. Und jeder kennt. Trotzdem: Keiner darf davon sprechen. Als Politikerin oder Politiker sitzt man zwischen Menschen, die man braucht und die einen auch brauchen: Da hat man zu funktionieren. Einen Fehler machen? Das bringt alles durcheinander. Einzugestehen, dass man versagt hat, ist schwer. Aus Angst, bestraft zu werden. Aus Angst, nicht mehr respektiert zu werden. Oder: aus Angst, nicht mehr gewählt zu werden. Auch deswegen, weil bevorzugt die Scheinwerfer eingeschaltet werden, wenn von einem Fehler zu berichten ist. Das Versagen hat eine größere öffentliche Lobby als die Versöhnung und der Neubeginn. Fehler bringen Quoten. Psychologisch verständlich. Die Öffentlichkeit will von der Unfehlbarkeit ihrer Repräsentanten ausgehen, als handle es sich um Vater oder Mutter, um ihnen dann ihre Fehler vorwerfen zu können. Es ist beste Methode, von der eigenen Fehlbarkeit abzulenken. Man fühlt sich erinnert an pubertäres Gehabe der Heranwachsenden, die den Eltern ständig vorwerfen, sie würden sich selber nicht an das halten, was sie von ihren Sprösslingen erwarten.

Das Tüpfelchen auf dem i

Wir müssen in unserer Gesellschaft einen Reifeprozess einleiten, der uns von der emotionalen Verführbarkeit emanzipiert. Die Boulevardisierung seriöser Nachrichtenmagazine wird mit Recht in den letzten Wochen ungewöhnlich heftig beklagt. Das sogenannte Kunstwerk am Redaktionsgebäude der Taz in Berlin ist da nur ein Tüpfelchen auf dem i einer Medienlage, die Informationen immer mehr nur noch weiterzugeben vermag, wenn damit auch ein Entertainment verbunden ist. Der erste Reifungsschritt: Die Unfehlbarkeit der Wahrheit anerkennen, dass jeder Mensch fehlbar ist. So wie jeder Mensch erkranken kann. Und jeder Mensch seinem Leben ein Ende setzen kann. Diese Widersprüchlichkeit zu unserer Sehnsucht nach Leben kommt vor. Wir müssen darüber sprechen, dass wir uns selber oft im Wege stehen und nicht erreichen können, was wir wollen: Sei es, weil unser Körper uns Grenzen setzt oder unsere Seele oder unser Geist oder einfach eine bestimmte Konstellation im Miteinander. Eine humane Gesellschaft tritt diese konstitutive Behinderung des Menschen nicht mit Füßen und will sich nicht daran weiden. Sie muss wachsam sein, wo diese Einschränkung ihrerseits missbraucht und ins Kalkül gezogen wird. Menschlich wird es da, wo man Fehler eingestehen darf und wo Menschen sich einander die Hand zur Versöhnung reichen. In kleinen Gesprächen und manchmal auch großen Gesten müssten wir von politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich Verantwortlichen öfter hören können: Da habe ich mich geirrt! Da habe ich diesen Wert aus den Augen verloren! Hier wollte ich tatsächlich nur mir was Gutes tun! Bessere Menschen werden wir, wenn wir im Gespräch bleiben über das, was nicht gut war. Wie entspannt könnten wir neue Taten ersinnen, wenn wir voneinander wieder neu annähmen, wir müssten das nicht gleich vollkommen tun. Die Erfahrung lehrt: Wenn wir unfehlbar für wahr halten, dass wir Fehler machen können, entsteht eine Atmosphäre des Vertrauens. Keiner muss mehr fürchten, er könne etwas falsch machen. Deutschland braucht diesen Freiraum.

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