Das Kreuz im Raum

Paulus Terwitte13.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Wir müssen da, wo wir leben, lernen, spielen und arbeiten, daran erinnert werden, wie zerbrechlich wir sind. Dass wir scheitern können. Wie sehr wir einander brauchen. Und dass wir uns um keinen Reichtum dieser Welt gegenseitig zum Schweigen verurteilen dürfen.

Letzte Woche stand ich im Museum “Reina Sophia” in Madrid vor “La Guernica”. Picassos Monumentalgemälde schreit das Leid des Krieges in die Welt hinaus. Ich wurde unmittelbar an die Kreuzdebatte erinnert. Sie ist trotz Tagesgeschäft der Medienwelt noch nicht verstummt. Picasso bezeugt wie so viele andere seiner Zunft: Das Leid des Menschen muss öffentlich gezeigt werden. Erst dann kann es heilsam wirken. Zu verstecken, was einem das Menschsein an ungelösten Fragen aufgibt, wirkt leidverschärfend. Als in dieser Woche ein dämonisches Verlangen Robert Enke auf die Bahngleise getrieben hatte, war es seine Witwe, die den Hunderttausenden von Trauernden den Weg der Heilung erschloss: Sie öffnete das Versteck, in dem sie sich mit ihrem Mann vor der Öffentlichkeit verborgen hatte. Die wenigen Sätze der Wahrheit über dessen Depression malten das Drama in den Raum, das nur jene wirklich verstehen können, die es selbst ertragen müssen. Die schlichten Worte von Teresa Enke malten das Kreuz in den Raum, das Robert Enke auferlegt war. Sie beschrieb, wie sie hofften, dass die Liebe alles hätte heilen können. Ganz einfach gab sie zu, dass sich beide darin wohl geirrt hatten. Ihre schlichten Worte trösten die über vier Millionen Menschen, die an Depressionen leiden. Sie erleben in ihrem Kopf ungezügelte Gewalten, grausamer und größer, als Picasso sie je hätte malen können. Solche dämonischen Kräfte sind kaum zu bezwingen. Sie gehen bisweilen in die Knie, wenn sie nicht ausgesperrt, sondern angesprochen werden, auch in fachärztlicher Begleitung. Auch davon war zu hören in der Pressekonferenz. Am Ende jedoch bleibt der Betroffene allein. Manchmal lernt er, damit zu leben. Robert Enke konnte es nicht. Die Veröffentlichung des Leides bringt Gespräche zustande und Gefühlsäußerungen, die uns auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Millionengeschäfte im Fußball, Alkoholmissbrauch vor und in den Stadien, Gewaltausschreitungen vor und nach den Spielen sind Kennzeichen einer Entwicklung, die mit Spiel und Sport nur noch wenig zu tun haben. Das alles mag nach der Trauerfeier am Sonntag im Stadion in Hannover wieder vergessen werden. Robert Enke möge in Frieden ruhen in dem Gottesacker, in dem schon seine Tochter ruht. Doch zur Tagesordnung übergehen mag vermutlich doch nicht jeder so leicht.

Das Kreuz als Zeichen der Vergänglichkeit

Deswegen, und genau deswegen, haben Christen das Kreuz in der Wohnung, an ihren Spielstätten, in ihren Musikräumen und Theatern. Damit uns täglich vor Augen steht, wie schnell wir sterben können. Wie fragil unser Leben ist. Wie leicht wir schuldig werden. Wie schmerzlich es ist, wenn uns das Verschulden anderer trifft. Das Kreuz verdichtet diese Erfahrung aller Menschen. Es protestiert gegen jede Form von Leidvergessenheit. Es spricht allen frommen Worten Hohn. Es sagt, wie es ist im Leben. Und im Sterben. Da ist man allein. Da zählen nicht mehr Gefühle. Da hilft keine noch so gute Erinnerung. Da hilft – vielleicht – ein Mensch, der zu mir steht. Und auch der wird dann doch noch zurückgelassen. Das Kreuz steht für einen Gott, dem das Leid nicht fremd ist. Der an uns Menschen leidet. Der uns die Augen öffnet, wie wir sind. Der uns an der Hand hält, selbst wenn wir uns aus der Hand geben. Der in Jesus veröffentlicht hat, wie wir Menschen kämpfen müssen gegen uns selbst, gegen die Sünde, gegen den Krieg, gegen die Dämonen. Das Leben ist kein Spaß. Teresa Enke hat ehrlich bezeugt, was sie mit ihrem Mann gelebt hat. Sie hat gezeigt, wie wir Menschen sein können. Wir können erfüllt leben auch im Tragen des Leides. Dabei können wir auch verlieren. Das Kreuz spricht davon. Und es erzählt vom Glauben der Christen, dass die Kerzen, die wir spontan entzünden im Gedenken an das Schreckliche, viel mehr sind als ein Symbol. Sie lassen das Wissen aufflackern, dass das letzte Wort über das Leid und den Tod noch nicht gesprochen ist. Wir müssen da, wo wir leben, lernen, spielen und arbeiten, daran erinnert werden, wie zerbrechlich wir sind. Dass wir scheitern können. Wie sehr wir einander brauchen. Und dass wir uns um keinen Reichtum dieser Welt gegenseitig zum Schweigen verurteilen dürfen. Picassos Gemälde, die Offenlegung der Teresa Enke – das Kreuz ist der Schlüssel für diese Größe, sich vom Tod nicht den Mund verbieten zu lassen. Unsere Gesellschaft täte gut daran, ihren Mitgliedern an möglichst vielen Stellen das Kreuz zu lassen, damit sie das nie vergisst. P.S.: Hängt ein Kreuz auch in jedes Stadion. Bevor es losgeht, sprecht ein Gebet. Hängt unter die Anzeigetafel ein Kreuz. Werden wir füreinander Spieler und Zuschauer. Seien wir im Verlieren und Gewinnen Freunde der Spielfreude.

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