Das Fenster zur Freiheit schließt sich

Paulus Terwitte5.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Botschaft des Kreuzes ist immer auch die Erkenntnis, dass die menschliche Rationalität nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Vom angeblichen Menschenrecht auf einen kruzifixfreien Unterrichtsraum.

Es ist ein Kreuz. Die Fenster der Freiheit schließen sich. Ausgerechnet im Namen der Freiheit werden grundlegende Freiheitsrechte beschnitten. Diesmal mit dem Kreuz. Mit dem angeblichen Menschenrecht auf einen kruzifixfreien Unterrichtsraum wird die Freiheit des Staates angegriffen, sich ein Warnzeichen gegen jede Ideologie an die Wand zu heften. Dabei gab vor einigen Wochen eine Berliner Oberstufenschülerin der taz zu Protokoll: Beten ist ein Menschenrecht. Ein Mitschüler hatte sich erstritten, in einem Extraraum während der Schulzeit beten zu dürfen. Und das in einem Bundesland, in dem der Religionsunterricht aus dem Fächerkanon der Schule verbannt wurde. Die ideologische Parole von der “Freiheit von Religion” stinkt da gewaltig an gegen die Freiheit, die von der Religion des Kreuzes ins Abendland gebracht wurde. Es ist die Freiheit, die sich aus dem Blick auf die ganz andere Welt Gottes eröffnet. Sie schaut mit den Augen Gottes durch das Fenster aus Gebet und Liebe auf alles, was in dieser Welt ist. Und stellt es infrage. Es mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass muffig anmutendes Gehabe Einzelner im Namen der Freiheit der Identität eines ganzen Volkes an den Kragen gehen kann. Es erinnert mich an Oldenburg. Dort haben vor über 70 Jahren die Bauern in düsterer Vorahnung Mistgabeln ergriffen, um jene zu vertreiben, die die Kreuze aus den Klassenzimmern reißen wollten. Diese Verteidiger des Kreuzes verstanden sich als Verteidiger der Freiheit. Kreuz und Freiheit? Wer vom Kreuz spricht, kommt nicht umhin, von seinem Missbrauch auf dem Weg ins Heute zu sprechen. Keine Diskussion vergeht denn auch, in der einem nicht die Kreuzzüge unter die Nase gerieben werden. Dagegen können Heerscharen von Christen, die im Kreuz den Grund für eine grundlose Liebe zu jedem Mitmenschen sehen, nichts ausrichten. Auch erscheint rückblickend der Siegeszug des Kaisers Konstantin im Zeichen des Kreuzes wenig mit dem Evangelium zu tun zu haben. Immerhin ist es das gleiche Zeichen, das in Albanien, Rumänien, Russland und an vielen anderen Orten Christen über Jahrzehnte unter dem Fußboden versteckten, um es durch die Bretter hindurch anzubeten. Es war eine Kraftquelle gegen besinnungslos wütende Atheisten, die ihrem Volk nur wenig mehr gaben als Mauern, Archipel und Ausrottung.

Das Kreuz wird zum Schlagstock

So gegeneinandergestellt zeigt sich: Wenn das Kreuz in Staatshand gerät, wird es schnell zum Schlagstock. Gut deshalb, dass sich die Gesellschaft gegen jede Vereinnahmung von religiöser Seite erwehrt. Freilich begründet sie das mit ebenjenen Werten, die ihr aus der Botschaft des Kreuzes überkommen sind: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Solidarität, Personenwürde und mehr. Der Erlöser starb am Kreuz, weil die staatlichen und religiösen Kräfte seiner Zeit den Kontakt zu ihrem Sinn und Ursprung verloren hatten. Er wurde dem Glauben nach, der sich mit dem Kreuz verbindet, auferweckt, damit die Menschen niemals mehr Ideologie vor Personenrecht, Religionsvorschriften vor die Barmherzigkeit stellen und Unterdrücker in keiner Religion Namen andere unterdrücken dürfen. Wie wir Menschen uns auch organisieren: Es braucht das Zeichen des Kreuzes, damit es das Fenster anzeigt, das alle geschlossenen Denksysteme brauchen, um menschlich zu bleiben. Ein Staat, der in seine Amtsräume ein Kreuz hängt, macht sich die Demut zu eigen, niemandes Weisheit letzter Schluss sein zu können. Lehrer, die unterm Kreuz unterrichten, bedeuten ihren Schülern, dass es noch andere Sichtweisen gibt auf die Dinge, die sie unterrichten, als jene, die sie bewusst oder unbewusst mitunterrichten. Und der Richter, zu dem der Angeklagte blickt, braucht das Kreuz über sich, da es auf eine Gerechtigkeit verweist, die kein Urteil dieser Welt geben kann. Die Gemeinwesen des Abendlandes haben ihre Werte aus der Botschaft des Kreuzes empfangen. Diese zu verkünden, ist Aufgabe derer, die ihr Glauben schenken. Die Werte, die daraus folgen, sind auch ohne diesen Glauben gültig. Deren Zeichen ist das Kreuz. Wer es verbannen will, sollte gut befragt werden, welche Freiheit er damit in Anspruch nimmt. Es ist jedenfalls nicht jene, die der Staat sich bewahrt, der Respekt vor dem Kreuz hat. Er hilft sich damit, demütig zu bleiben und niemals Gottes Stelle vertreten zu wollen. Er bejaht, dass seinen Bürgern das Fenster zur Welt Gottes offensteht und – das darf er gern – erwartet sie daraus zurück als kritische Helfer am Aufbau einer pluralen, menschwürdigen Gesellschaft, in der es weder Denk- noch Glaubensverbote gibt.

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