Der Knackpunkt des ökumenischen Gesprächs

von Paulus Terwitte30.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Zum Reformationsfest heute als Katholik die Feststellung: Die Reformation muss weitergehen. Die Zeichen stehen auf Weiterfahrt.

Allerdings muss der gesamte Fahrplan im Blick sein. Erster Punkt: Jesus kann aus der Herrlichkeit des Vaters heute Signale geben und wirksam handeln. Kirche ist nicht ein Weltanschauungsverein, nicht ein Rat und kein Verein. Jesus lebt, heißt es unter den Christen. Er will sichtbar werden. Darin sind sich alle einig. Und auch: Dass er von Gott kam, geboren von der Jungfrau Maria, und als wahrer Gott und wahrer Mensch für die Sünde der Welt starb und dann auferweckt wurde vom Vater. Diese Formel birgt das Kernstück des christlichen Glaubens, formuliert im Einigungstext der Christenheit, das Glaubensbekenntnis der frühen Kirche. Es soll unter anderem sagen: Mit dem einen neuen Menschen Jesus hat Gott der ganzen Welt einen neuen Weg eröffnet. Zu sehen ist von dem einen Jesus nicht viel. Denn die Christen haben ihr schönstes Pfand verloren: Die Einheit derer, die sich um Jesus zu einer einzigen neuen Gemeinschaft verbunden glauben. Die Einheit wäre der schönste Beweis, wie folgenreich diese rettende Tat Jesu in der Welt ist. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es wächst viel zu schleppend zusammen, was zusammengehört. Selbst innerhalb der evangelischen Christen herrscht Trennung. Da kann Frau Käßmann noch so sehr Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland genannt werden: Es gibt sie nicht, die Evangelische Kirche. Man schaue nur in die Städte und Dörfer unseres Landes. Baptisten, Landeskirchliche Gemeinschaften und Bibelchristen, die Sieben-Tags-Adventisten und die Gemeinde der Heiligen der Letzten Tage: Alle nennen sich irgendwie evangelisch. Evangelische Kirche sind sie nicht. Trotzdem ist Jesus in ihrer Mitte. Niemand kann ihm befehlen, abwesend zu bleiben, wo sich Menschen in seinem Namen versammeln. Er ist tatsächlich ein Mensch der Gnade. Er entzieht sich unserem weltlichen Ordnungsdenken. Sein Wirken ist ohne Grenzen. In aller Freiheit will er die Menschen um sich sehen, die Seine Jünger sind.

Der neue Weg

Soweit, so evangelisch in der Urbedeutung des Wortes: nämlich evangeliumsgemäß. Doch die ersten Christen nannten sich die Brüder und Schwestern vom Neuen Weg. Sie waren nicht für sich evangelisch. Vielmehr entfaltete sich der Neue Weg ausgehend von Jerusalem bis an die Grenzen der Erde. Heute müssen wir sagen: Er wurde Grundlage eines globalen Netzwerkes. Darum heißt es im Ur-Glaubensbekenntnis: Wir bekennen, dass Jesus lebt und seinen Geist sendet, der eine weltumfassende Gemeinschaft bildet. Obwohl Jesus sich unserem Ordnungsdenken entzieht, erschafft er sich eine weltliche Ordnung eigener Art, die ihn als den Einen Herrn zeigen soll. “Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ Leider haben die liturgischen Bücher der evangelischen Gemeinschaften das Wort “katholisch“ aus dem alten Einigungstext gestrichen. Sie sagen jetzt: christliche Kirche. Das ist ein Fehler. Die selbstmächtige Änderung des alten Einigungstextes kommt nicht von ungefähr. Hier liegt der Knackpunkt im ökumenischen Gespräch. Als Katholik bin ich davon überzeugt, dass Jesus nicht einen Vorsitzenden oder eine Vorsitzende eines Weltanschauungsvereins wollte. Wie er seine Gemeinden heiligt, so heiligt er auch jene, die sie führen. Von Anfang an hat sich die Gemeinschaft der Glaubenden in der heiligen Gemeinschaft ihrer Vorsteher aufgehoben gewusst. So fehlerhaft die auch sein mögen: Jesus will unter uns sein, gebunden an die Seinen.

Das Heilige und das Weltliche

Dass eine sichtbare Gemeinschaft von Jesus geschaffen und in seiner Wahrheit erhalten wird, setzt voraus: Das Heilige ist dem Weltlichen aufs Engste verbunden. Jesus bleibt als Auferstandener wirklich und dauerhaft in der Mitte seiner Gläubigen. Er gibt ihnen eine Struktur, die dauerhaft vereint und verpflichtet. Er ist so sehr daran interessiert, dass er selbst in der Eucharistiefeier aller, die sich zu Seiner Struktur hinzuzählen, das Brot bricht und dort dauerhaft gegenwärtig werden lässt, was er am Kreuz für die Menschheit tat. Logische Konsequenz: Wer nicht zu dieser sichtbaren Struktur zählen will, möge ihm außerhalb auf der Spur bleiben und dort sein Brot essen. Das können jene, die nicht römisch-katholisch oder orthodox christlich sind, unmöglich annehmen. Damit missverstehen sie Jesus. Wie sie von uns sagen, wir würden Jesus missverstehen. Womit die Schärfe des Themas, um das es geht, offenliegt. Diese Wahrhaftigkeit muss ins ökumenische Gespräch einziehen. Ich bin es leid, als Katholik ständig für einen Spielverderber gehalten zu werden. Manche tun so, als müssten die Katholiken nur ein bisschen verständnisvoller werden und offener. Wie die Evangelischen, wird dann gern hinterher geschoben. Verständnis und Offenheit dürfen Jesu Wesen und Macht nicht verbiegen. Die Zeichen, die er gibt, sind maßgeblich. Er war eine Reformation wert, weil man mit Verständnis und Offenheit nicht mehr weiterkam. Er ist auch heute eine Reformation wert. Kommen wir in Fahrt!

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