Redlich kann nur forschen, wer den Überblick behält

von Paulus Terwitte23.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Unsere Gesellschaft braucht den Religionsunterricht in der Schule und die Theologie in den Thinktanks. Sonst wissen Schüler und Erwachsene am Ende nicht mehr, wozu es die wunderbaren Dinge gibt, über die man im Einzelnen so wunderbar viel weiß.

Die religiöse Intelligenz muss gefördert werden. Ohne sie erscheint sich der Mensch mit seinem 95% Wasseranteil nicht viel wert. Die Bilanz wird auch nicht besser mit der Menge von chemischen Elementen und Verbindungen in seinem Körper. Alles kaum der Rede wert. Solcher Art Selbstverachtung wächst mit dem Grad religiöser Verdummung. Der Markt mit DVDs und Klappbüchern zum menschlichen Körper boomt. Immerhin bringt das den Menschen wieder zum Staunen über sich selber: Aus den Bausteinen der Natur bilden sich Synapsen im Gehirn, Beine, Arme und unzählige andere Funktionsträger des Körpers. Sie arbeiten in einem Team zusammen, dessen workflow noch längst nicht entschlüsselt ist. So geschmeidig und komplex kann sich kein Roboter bewegen. Ingenieure wären froh, wenn sie nur einen Bruchteil dieser komplexen Vorgänge nachbauen könnten. Sie versuchen es. Ich bin gespannt. Religiöse Intelligenz bewahrt die Forschung davor, sich in den Einzelvorgängen zu verlieren. Bei aller Notwendigkeit der Konzentration auf die eigene Aufgabe: Redlich kann nur forschen, wer den Überblick behält. Sonst könnte ihm entgehen, dass er vielleicht nur deswegen nicht weiterkommt, weil etwas an anderer Stelle nicht vorankommt. Zum Beispiel die Medizin. Sie begann am Ende des 19. Jahrhunderts ihre Erfolge zu feiern, als sie den Menschen aus dem Auge verlor und sich Organe und vieles mehr einzeln vornahm. Das war jene Zeit, als die Mediziner und die Theologen aufhörten, in den ersten vier Semestern gemeinsam zu studieren. Wenn Krankenhäuser heute zertifiziert werden, gehen die Zertifizierer in den Team-Gesprächen zu diesem Moment der Wissenschaftsgeschichte zurück. Sie erinnern an die alte Erkenntnis, dass die Niere von Zimmer 113 nicht gesund werden kann, wenn ihr Eigentümer nicht geliebt wird. Nun, sie werden nicht von „Liebe“ direkt sprechen. Im Zusammenhang von wissenschaftlich fundierter Forschung und Behandlung würde da auch so mancher – wenig intelligent – die Nase rümpfen. Da wird dann eher von multikausalen Faktoren gesprochen, die den Heilungsprozess voranbringen. Oder es wird der Teamgeist der Disziplinen beschworen. Gemeint ist damit aber nichts anderes als der Standpunkt der religiösen Intelligenz. Sie bringt uns auf die richtige Distanz zu den Dingen. Auf das wir noch wissen, wozu wir uns im Detail engagieren. Und wie wir mit den anderen zusammenspielen können.

Mehrwert des Menschen

Noch einmal ein Blick in die Gesundheits-Wiederherstellungsmaschinerie. Nach allen Regeln der Rechen- und Forschungskunst, sprich: Vom Standpunkt der Effizienz aus betrachtet erscheint es logisch, alle „Nieren“ zusammen auf eine Station zu legen. Liebevoll ist das nicht. Das wird sofort deutlich, wenn – wie rührend – etwa ein Ehepaar mit unterschiedlichen Krankheiten im Krankenhaus behandelt werden muss. Dann kommen beide „trotzdem“ auf die gleiche Station. Und alle finden es plötzlich vernünftig. Die religiöse Intelligenz lässt uns unmittelbar einsehen, dass der Mehrwert des Menschen ganze Systeme durcheinanderbringen können muss. Allen logischen Bauprinzipien zum Trotz gibt es Zusammenhänge, Wirklichkeiten und Wirksamkeiten, die unermesslich im wahrsten Sinne des Wortes sind. Alle Formeln, die wir finden, beschreiben die Haltekraft nur unzureichend, die die Bausteine der Welt zusammenfügt, ja, zusammenhält. Schon deswegen braucht es den Religionsunterricht in der Schule und die Theologie in den Thinktanks unserer Gesellschaft. Sonst wissen Schüler und Erwachsene am Ende nicht mehr, wozu es die wunderbaren Dinge gibt, über die man im Einzelnen so wunderbar viel weiß. Und sie mangels Überblick am Ende doch zerstört. Zum Beispiel der sogenannte Bologna-Prozess. Er glänzt durch die Abwesenheit religiöser Intelligenz. Er schafft eine Universität, die diesen Namen nicht mehr verdient. Er vollstreckt die unheilvolle Fraktionierung des Wissens vollends und erhebt sie sogar zur Methode. Er tötet die Universität, die Alma Mater. Am Ende laufen an ihr lauter Waisenkinder herum, die viel wissen, aber nicht wissen, was es wert ist. Albert Einstein meinte, man müsse Respekt vor dem lieben Gott haben, auch wenn es keinen gebe. Sein Diktum ist ein Beispiel jener religiösen Intelligenz, die geschult gehört.

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