Jungen Leuten etwas zutrauen

von Paulus Terwitte26.12.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Ein 16-Jähriger fragte mich neulich, wie man denn sein ganzes Leben für Gott geben könne, wenn es doch gar nicht sicher sei, dass es ihn gebe? Ihn hatte es offensichtlich angekratzt, dass ich mich mit 19 entschieden habe, in einen Orden einzutreten.

Inmitten der großen Gruppe klang diese Frage auch richtig schön angriffslustig. Der Blondschopf hatte selber Freude daran, dass ich einen Moment schlucken musste. Er hatte damit ein Fass aufgemacht mit den Urfragen, die irgendwann jeden jungen Menschen mit aller Wucht treffen und nach Klärung verlangen: Gibt es so etwas wie “Mein ganzes Leben” überhaupt? Hat meine Existenz von Anfang bis Ende einen unlösbaren Zusammenhang? Steht wirklich über dem Leben e i n bunter Regenbogen mit der Verheißung: Deine Sehnsucht wird erfüllt werden? Oder noch mal anders gefragt: Ruht das eigene Leben in einer schöpferischen Hand, die einem Halt gibt, wenn man sich selber grad nicht mehr halten kann? Solche Fragen werden selten offen gestellt. Ich höre eher andere. Erstens: ob man aus dem Kloster wieder rauskönne – interessant, auch hier klingt der Zweifel an, ob man ein ganzes Leben da leben könnte. Zweitens: ob man noch Kontakt mit den Eltern hatte nach dem Eintritt. Drittens: Warum man nicht heiraten wolle. Und wie man das aushalte. Diese Frage jetzt aber war anders. Es klang durch sie hindurch, was viel zu viele junge Menschen heute quält, sei es aus eigener Erfahrung, sei es aus den Berichten aus dem Freundeskreis: Ein Elternteil hat sich eben nicht ganz für den Ehemann als Papa oder für die Ehefrau als Mama und damit auch nicht ganz für das Kind selbst entschieden. In der Frage des jungen Mannes kommt der Zeitgeist zu Wort, der allenorts verkündet wird: Das Leben ist viel zu lang, als dass man sich festlegen könne. Erfinde dich neu. Gib deiner alten Haut ein junges Aussehen. Wechsle den Partner, und das Leben bleibt interessant. Ertrage dich nicht länger im alten Gleis. Mach es dir leicht. Versuchs mal mit was Neuem. Vielleicht fängt dort dann das Leben erst richtig für dich an. Ich sehe den jungen Mann mit seiner Frage von diesem Zeitgeist umwölkt. Die anderen Jugendlichen schauen auf, schauen auf mich und sind unwillkürlich gespannt auf meine Antwort. Seine Eltern, so beginne ich, hätten auch nicht gewusst, wie das ist, Vater oder Mutter zu sein. Mit seiner Geburt jedoch seien sie es geworden, und zwar für ein ganzes Leben lang. Nie würde dies von ihnen weichen. Sie konnten es vorher nicht einmal ausprobieren, Eltern dieses ganz bestimmten Kindes zu sein. Sie haben dich – füge ich hinzu: hoffentlich! – ganz gewollt, ohne zu wissen, ob es dich so geben wird, wie sie sich das vorgestellt haben. Ohne zu wissen, ob es das wirklich gibt, die Liebe von Eltern zu Kindern, die alles daran setzt, dass aus den Kindern selbstständige Persönlichkeiten werden. Daran, so schloss ich meine kurze Antwort, könne man zumindest sehen, dass es etwas sehr Menschliches ist, sich für etwas ganz und gar zu entscheiden, nur wissend, dass man das nie mehr los wird. Wir könnten uns auf Zukunft hin entwerfen und auch auf einen Menschen hin, obwohl wir nie sicher sein könnten, was wir wirklich dann mit ihm erfahren würden. Am Anfang stehe der feste Glaube, dass die Hoffnung und die Liebe einen zu etwas Großem berufen. Und das finde sich vor allem in einer Herzensentscheidung für diese Sache, für diesen Menschen. Und auch für jenen Gott, an den in der Menschheitsgeschichte Generationen geglaubt hätten. Ich glaube, dass der junge Mann und nicht nur er das begriffen hat. Ich spürte das an der Stille, die sich meiner Antwort anschloss. Sie brauchen solche Lehrer, die ihnen von der Größe und Schönheit eines Lebensentwurfes verkünden, die alles übersteigen, was es sonst noch geben könnte im Leben. Es kann nicht angehen, dass junge Menschen ihre Lebenszeit damit verplempern, auf den großen Tag X zu warten, bis man sich “ganz total” sicher ist, dass es nun der, die oder das Richtige ist, was zu einem passt. Vielmehr gilt umgekehrt: Du wirst wirklich ganz und glücklich, wenn du aus einer Herzensahnung heraus und mit einer realistischen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten im Hier und Heute dein Ja sprichst. Ausbildung, Studium, ein Mensch oder eine Lebensform wollen gewählt sein. Ganz. Alles andere wird sich darin enthüllen. Wer den Glauben an Gott übt, setzt auf die Größe der immateriellen Werte und auf Gott als eine Person, die einen herausfordert, sein Leben zu wagen. Am Anfang eines Weges – auch in ein neues Jahr – gibt es nur Samen. Und den Segen Gottes auf unsere kleinen Möglichkeiten in einem ganzen Jahr und mehr. Unsere Zeitaufgabe lautet: Aus dem Wenigen, was wir haben und wählen können, das eigene Leben heranwachsen zu lassen, dessen vollendete Gestalt wir wohl erst ganz am Ende sehen können.

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