Verzicht um der Freiheit willen

von Paulus Terwitte19.12.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Wir brauchen ein fröhliches “Yes, we can’t!” Freiheit verwirklicht sich in der Entsagung. Wer ein gutes Klima in der Welt fördern will, muss ein bekennender Asket werden, meint Bruder Paulus.

Die Menschheit rückt zusammen. Wir wissen, wie es den Mitmenschen auf der anderen Seite der Halbkugel geht. Unser Tun hat Konsequenzen für die ganze Welt. Die Tabellen und Resolutionen, die in Papers und Charts durch das Netz gejagt werden, sind so komplex, dass sie kaum noch wirken. Was wir alles wahrnehmen und bedenken können bezüglich der Folgen unseres Handelns, überfordert uns. Auch ethisch. Denn wir wissen, dass unser Handeln immer auch Nachteile hat – und sei es nur für einen einzigen anderen auf der Welt. Es droht das ethische und kommunikative Burn-out. Auch den Fernsten können wir uns per Mausklick zum Nächsten machen, und das in beliebiger Zahl. Die Nächstenliebe erhält damit zwar eine globale Komponente, wird aber zusehends mit Blindheit geschlagen: Wir sehen vor lauter “Friends” den Kollegen von nebenan nicht mehr. Der Kontakt im Netz fühlt sich an, als sei er unmittelbar. In Wirklichkeit ist er ein Moment-Event, der ebenso schnell weggeklickt werden kann, wie er geknüpft wurde. Selten waren so viele Menschen so einsam wie heute. Um der Einsamkeit zu entfliehen, umgeben sie sich mit immer mehr Kommunikationstechnik. Schon mancher hat sich, am Ende entnervt, dann ganz ausgeloggt. Es setzt sich virtuell fort, was die wachsende Mobilität real schon bewirkt hat. Was uns Auto und Zug an Zeit zu sparen versprachen, verkehrte sich ins Gegenteil: Subjektiv haben wir immer weniger Zeit. Im Kommunikationszeitalter wird dies auf den Raum ausgedehnt: Wir meinen, Zeit zu sparen und unseren Lebensraum zu erweitern, wenn wir uns virtuell vernetzen; stattdessen verbrauchen wir noch mehr Zeit und es wird eng um uns, da uns Menschen und Ereignisse in größten Entfernungen virtuell auf den Leib rücken.

Gottloses Sich-Bereichern

Wir brauchen eine nachhaltige Begründung für eine nachhaltige Pflege von Beziehungen in dieser Welt. Es geht um die Qualität der Freiheit des Menschen. Der Quantitäts-Hype von Klicks und Reichweiten, Bilanzsummen und Verkaufsquoten muss gedeckelt werden von der Frage Wozu. Wer weiß denn noch, wofür er das alles weiß, was er wissen kann? Und: Hat sich schon je einer schuldig bekannt, der versagt hat in den Krisen, die jetzt alle beklagen? Beginnt es nicht so schon wieder, dieses gottlose Sich-Bereichern bei nächster Gelegenheit? Wir brauchen eine Ethik der Zukunft. Sie muss die Menschen dazu bringen, die Vergötzung der Zahlen zu beenden und aus dem Menschheitswissen Tugenden wie Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß auf die Tagesordnung zu heben.

Glaube, Hoffnung, Liebe

Sie wird die Faszination der Freiheit hervorheben, sich zu beschränken. In der Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe wird sie Gründe angeben, Zeiten der Besinnung einzulegen. Nicht der darf weiter im Vorteil bleiben, der keinen Feierabend kennt. Belohnt muss werden, wer nicht alles macht, was er machen könnte. Wir brauchen ein fröhliches “Yes, we can’t!” Freiheit verwirklicht sich in der Entsagung. Wer ein gutes Klima in der Welt fördern will, muss ein bekennender Asket werden. Die Freiheit der Entsagung fördert ein bedächtiges Handeln. Sie ist grundlegend für den nachhaltigen Mehrwert, der entsteht, wenn wir dann uns näher rücken ohne Angst, einander – koste es, was es wolle – auszunutzen.

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