Je öfter sich ein Politiker widerspricht, desto größer ist er. Friedrich Dürrenmatt

Bitte richtig liberal sein

Wohl noch nie ist vor einer Wahl in Deutschland so oft von Freiheit die Rede gewesen. Quer durch alle Parteien. Und danach? Da heißt es sogar: Deutschland sei nun wirklich liberaler geworden. Hört sich an wie: Erwachsener geworden.

Libertas. Freiheit. Unter Liberalität stellt sich so mancher vor, man solle den Fluss doch fließen lassen. Die eigenen Gefühle kommen zu lassen. Und sich ihnen überlassen. Oder: Sich selber überall hin entfalten. Und dabei nicht am anderen anstoßen, selbstverständlich. Und natürlich dem freien Markt mit seinen wunderbaren Gesetzen alles überlassen. Und wer da nicht mitkommt? Nun ja.

Was da liberal heißt, ist in Wirklichkeit mechanistischer Irrglaube. Richtig liberal, das wäre doch, sich von der Weltmechanik losmachen. Der Logik des Marktes etwas Kreatives beizufügen. Die Gesetze der Natur berücksichtigen. Doch sich Ihnen unterwerfen? Nein, eher: Sie zu nutzen. Und sich seiner Gefühle erfreuen, ihnen jedoch nicht erlauben, den klaren Verstand zu rauben.

Den Läuften der Natur und der Wirtschaft möchte ich mich nicht unterwerfen. Da sei Gott vor. Die Übernatur ist es, die uns Menschen ausmacht. Freiheit, oder, was libertas auch besagt: Freiheitsliebe – das steckt eben nur im Menschen drin. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Aber es sie das Heilmittel, ohne das wir nicht wären was wird sind: Soziale Wesen.

Geschaffen in Freiheit. Geschaffen zur Freiheit. Gott hasst es, wenn wir uns den Gesetzmäßigkeiten von Natur und Markt einfach nur unterwerfen. Die Rede davon, dass wir Kinder Gottes sind, enthält den wirklich liberalen Gedanken: Dass wir Menschen gestalten sollen.

Der Fluss etwa. Er muss reguliert werden. Sonst reißt er Ufer und Brücken schnell wieder ein. Er muss regelrecht gezähmt werden. Er kann, ja, soll uns dienen. Dafür müssen wir ihm aber Grenzen setzten. Staustufen errichtet. Ufer befestigen. So kommt seine Kraft erst richtig zur Geltung – und nützt allen.

Verantwortlich handeln

Wir müssen uns den Sinn vor Augen führen, was liberal meint: Der Mensch lässt sich nicht von der faszinierenden Kraft der Natur- und Marktgesetze mitreißen. Er schaut auf Gott. Lässt sich ihm in eine übergeordnete Perspektive bringen. Sieht mit ihm auf die Mitmenschen. Denkt an die Folgen seines Tuns. Mit einem Wort: Er handelt verantwortlich mit den Kräften von Natur und Markt.

Mich stört schon länger, dass eine Haltung liberal genannt wird, die einen der schönsten Begriffe missbraucht, die das Menschsein beschreiben. Den Begriff der Freiheit. Liberal in diesem verfälschten Sinn gleicht eher einem hilflosen Achselzucken: Laissez faire. Lass sie nur machen. Die Gefühle. Die Kräfte. Und schließlich auch: Die anderen.

Die Folge: Gleichgültigkeit und Mangel an Zivilcourage. Die sind einem liberalen Menschen im richtigen Sinn fremd. Der widersagt den Fesseln der Gesetze von Fressen und Gefressen werden, von Harmoniesucht und Bequemlichkeit. Wer sich scheinheilig liberal nennt und dabei vor allem im Sinn hat, alles zulassen zu wollen, was höchstens dem anderen nicht schadet, sitzt in Wahrheit im Gefängnis einer Selbstgefälligkeit, die der Hölle nicht unähnlich ist: Mit einem solchen Menschen kann man nicht reden. Für ihn ist alles schön, was er selber schön findet. Richtig, was er selbst richtig findet. Und natürlich lässt er auch dem anderen die „Freiheit“, das alles nicht richtig oder schön zu finden. Auch wenn es noch so falsch oder hässlich ist. Da kann man dann eben nichts machen. Aus.

Liberal möge wieder heißen der, welcher sich in Frage stellen lässt. Den Schalter zum Dialog einschaltet. Sich den Gesetzmäßigkeiten einer Wirtschaftsdynamik ebenso lustvoll widersetzt wie denen der Gruppendynamik etwa in den Parteien. Wir werden sehen, ob deren Verantwortliche so liberal sind, Gott und die Armen unserer Gesellschaft als wichtige Koalitionspartner für eine liberale Gesellschaft, die diesen Namen verdient, mit an den Verhandlungstisch zu lassen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Paulus Terwitte: Auch mal eine Pause machen

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