Weltmaßstab des Bevorstehenden

Paul Sailer-Wlasits16.03.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Zwischen rhetorischem Effekt, allgegenwärtiger Lüge und Hassrede wird die Wahrheit zerrieben. Weshalb uns das in Zeiten der Uneigentlichkeit stärker betreffen und erschüttern wird.

In Zeiten zunehmender Erosion von Bedeutung und vermehrtem rhetorischem Austausch des Inhalts durch die Form wird das Wahrsprechen wieder überlebenswichtig. Parrhesie [das „Wahrsprechen“] ist ein vielgestaltiger Begriff, der an kulturellen Sprachgrenzen beheimatet ist, zwischen free speech und franc-parler, zwischen ungezügelter Redefreiheit und der Begnügungstendenz respektvollen Insinuierens.

Parrhesía repräsentiert das offen ausgesprochene Wort, jenes, das Redner aller Epochen als Sprachhandelnde oftmals in erhebliche Gefahr gebracht hat. Die eingegangenen Risiken und die mit diesen verbundene leibliche Gefahr, in die sich ein parrhesiastēs [ein „Wahrsprechender“] durch die Freiheit seines Wahrsprechens bringen konnte, lagen in der Antike auf der Hand.

Im Unterschied zu gegenwärtigen Demokratien konnten sich Redner nur allzu leicht gegenüber politischen Akteuren und Machthabern in prekäre Situationen bringen, sobald sie in unverblümter, offener Weise gesellschaftliche Missstände aufzeigten und sich selbst, im Zuge des verbalen Anprangerns, an ihr Deklarieren von Wahrheit banden.

Sichtbarmachen des Verborgenen

Wahr zu sagen enthielt in den Jahrtausenden der Antike zunächst sprachliche Aspekte des Visuellen, jene des Blickes und der Schau. Lange bevor das augustinische Diktum, dass jener, der nicht auf den Anfang zurückblicke, auch das Ende nicht erkennen könne, zu seiner metaphorischen Form fand, wurde Sehern die Fähigkeit zugesprochen, die Zukunft und auch den Weg zu dieser schauen zu können. Das Wahrsagen war häufig von machtpolitischer Relevanz und führte vielfach zu Entscheidungen mit teils erheblichen politisch-militärischen Folgewirkungen.

Als ob ein Aspekt des wahr-Sagens in die Literatur diffundiert wäre, taucht parrhesía, entmythologisiert als Wahrsprechen, in der griechischen und später auch in der römischen Literatur auf.

Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklungen wurde auch der Bedeutungsraum der Bezeichnung parrhesía allmählich ausgeweitet und erstreckte sich schließlich auf das gesamte Spektrum des offenen, freien und zwanglosen, bisweilen kritischen und sogar unerschrocken-respektlosen Redens.

Free Speech oder die Abwesenheit sprachlicher Zügel

Auch für die Gegenwart bietet die Parrhesie eine Grundlage dafür, dass in einem gesellschaftlichen Klima des Vertrauens theoretisch jegliche Form der Gewaltherrschaft verhindert werden kann. Mit diesem Ansatz gerät das offene Wort des Wahrsprechens jedoch auf Kollisionskurs mit der uneigentlichen Redeweise. Die Parrhesie befindet sich auf sprachlichem Kampfboden, in offener Gegnerschaft zur Rhetorik und deren sprachlicher Macht.

Die am Beginn der demokratischen Gehversuche aufkeimende Freiheit der Redeweise entspricht keinesfalls dem heutigen Grundsatz von free speech, der weit über jene hinausreicht und auf einer Vielzahl miteinander verbundener Rechtsnormen, Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit sowie handelnder Rechtssubjekte beruht.

Das offene Wort war ein von Rhetorik entkleidetes Sagen, eine Mitteilung von Eindeutigkeit und Unverborgenheit, die in einem Bereich angesiedelt war, in dem die dialogischen Grenzen zum Anderen vielfach berührt, übertreten und oftmals auch eingerissen wurden.

Parrhesie steht auf organische Weise mit dem Begriff von Freiheit in Verbindung: das offene Wort, die ungezügelte Ausdrucksweise, weist bereits metaphorisch auf die Abwesenheit sprachlicher Zügel hin. Der sich durch die Kulturgeschichte ziehende Wunsch nach unzensiertem Reden und Schreiben war und ist hinsichtlich seiner Dringlichkeit direkt proportional zum Streben nach Freiheit.

Mit der Bezeichnung parrhesía wird erstmals eine kulturhistorische Konstante auf den Begriff gebracht, die zudem eine Anfängnis markiert: jene des Ursprungs des freien Wortes, der um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends erprobt und als wertvoll erachtet wurde. Trotz schwerer Rückschläge im Laufe des Zivilisationsprozesses halten sich Redefreiheit und offenes Wahrsprechen nach wie vor in der gleichen geistesgeschichtlichen Spur.

Wahrsprechen, das offene, unverborgene, klare und unzweideutige Wort stellte niemals den kerygmatischen Anspruch „Wahres zu reden“, sondern stets jenen, gegen das uneigentliche Reden und das Ersetzen des Inhalts durch die Form aufzutreten.

 

Der Text ist ein stark gekürzter Auszug aus dem neuen philosophischen Essay „Uneigentlichkeit“ von Paul Sailer-Wlasits

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