Im Zeitalter der neuen Milliardärs-Könige

von Paul Sailer-Wlasits23.01.2017Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Aus Spaß wurde Ernst. Die Angelobung des 45. Präsidenten der USA macht acht Milliarden zu Zuschauern eines achtfachen Milliardärs.

Von den knapp 200 Staaten weltweit weist etwa ein Drittel monarchische Strukturen auf. Die meisten von diesen sind konstitutionelle Monarchien, deren Monarchen von einstmaligen Magnaten auf die Rolle von touristischen Magneten reduziert wurden. Einige der Monarchien sind jedoch nach wie vor Diktaturen, polizeistaatliche Gewaltherrschaften, militärisch abgesicherte Erbregime oder solche, die unter theokratischen Vorspiegelungen die Macht zu erhalten suchen. Scheinparlamente prägen vielerorts die politische Realität.

Doch Demokratiedefizite bestehen nicht nur in Entwicklungs- und Schwellenländern, sondern auch in der industrialisierten Welt, in der sich nach dem Fall des Kommunismus allmählich ein neues, postmodernes Königtum etabliert hat: das Königtum der Milliardäre.

Politische Soziopathen

Aus den ölreichen arabischen Staaten Nordafrikas und der Region Middle East ist man an die Klasse der Emporkömmlinge und rohstoffbedingten Nouveaux-Riches seit Jahrzehnten gewöhnt. Doch das neue Königtum der Milliardäre, welche schamlos auftrumpfen und nach der Macht greifen, hat bereits weitere Staaten erfasst: in Italien, Russland, einigen sowjetischen Nachfolgestaaten, in der sich von Europa entfernenden Türkei und auch in den USA existieren politische Soziopathen, die über genügend Mittel und den Willen verfügen, die Staatsmacht an sich zu reißen. Sie besitzen selbst Medien oder ausreichenden Einfluss, um diese zu ihren Gunsten zu steuern und damit die öffentliche Meinung analog bzw. digital zu manipulieren.

Politik und Lüge sind eine seit Jahrtausenden währende Mesalliance eingegangen. Die gesellschaftlichen Kollateralschäden der politischen Lügen, Vorurteile und Hassreden sind gewaltig. Bewusste Übertretungen des Bedeutungshorizontes haben verbale Sprengkraft, da sie die bestehende Ordnung des Diskurses wie ein irritierender, verzerrender Kommunikationscode stören und untergraben. Brüllend vorgetragene Stereotype und perfide, leise Verbalradikalismen mit umcodierten Wörtern fördern die globale Sprache des Ressentiments.

Herkömmliche Millionäre sind längst nicht mehr Teil dieses Spiels. Sie sind eine Art zahlenmäßig kleiner, neuer Mittelstand; Bauern auf dem Schachbrett der Milliardäre, marginalisierte Figuren.

Die neuen, absonderlichen Monarchen stehen teils über und zum Teil außerhalb der Gesetze von Staaten. Sie können kaum zur Verantwortung gezogen werden. Weder für Kriege, die sie beginnen, noch für Annexionen von Gebieten oder andere völkerrechtliche Übertretungen, schon gar nicht für Rufmorde. Um sich an der Macht halten zu können, sind Milliarden vonnöten. Für die eigene Sicherheit, die Kontrolle der Geheimdienste, für willfährig-loyale Untergebene und opportunistische Mitstreiter, für die Lenkung von Medien, für das sich-über-die-Gesetze-Stellen und letztlich für das Schaffen von Gesetzen, um über selbigen bleiben zu können.

Political Correctness und Gendering waren gestern. Die Milliardärs-Könige benötigen keine Sprachkultur, denn sie stellen sich über diese. Sprachentgleisungen und Feindbildrhetorik mutieren zur Normalsprache, Stereotype und Herabwürdigungen aller Art werden ergriffen (engl. „to grab“), wo immer sich die Gelegenheit bietet. Die Reduktion von Komplexität, der sprachliche Kernbestand des Populismus, könnte als locker room talk mit semantischen Auf- und Überladungen, durchmischt mit erschreckenden Simplifikationen, in Kürze zur US-amerikanischen Leitkultur mit Folgewirkungen erhoben werden.

Marionetten der Postdemokratie

Das postdemokratische Zeitalter, in dem die bedeutsamen Entscheidungen außerhalb der Parlamente fallen, ist weltweit längst Realität. Nur noch die heitersten unter den lokalen Politikern glauben, sogenannte Entscheider zu sein. Dabei vollziehen sie die großen Entscheidungen nur mehr nach und bestimmen in ihren Gremien lediglich über den bedeutungslosen Rest der globalen Agenda. Post festum, nachdem die Party zu Ende ist, bedienen sie sich von dem, was am Büffet übrig gelassen wurde – und fotografieren sich in dieser Erbärmlichkeit vielfach auch noch selbst. Als Verwaltungsbeamte nationaler oder supranationaler Organisationen geben sie sich der Illusion von Wirksamkeit hin, wie Marionetten, die dem Irrtum erliegen, zu eigenem Leben erwacht zu sein.

Nach dem Zeitalter der neuen Milliardärs-Könige könnte – vielleicht im 22. Jahrhundert – eine neue Epoche anbrechen. Nachdem die Industrie 4.0 durch globale Automatisierung weitere Hunderte Millionen an Arbeitslosen erzeugt haben wird, könnten die heutigen Imperatoren ebenso wie ihre arbeitslosen Untertanen sehr viel mehr Zeit haben. Einige werden in dieser Freizeit vielleicht sogar zu analogen wie digitalen Büchern greifen. Und ein neuer Typus könnte die heutigen hyperkapitalistischen Führer wie Retrogestalten hinwegfegen: jener des geistvollen Milliardärs-Königs, eine Art sozialer Monarch der Zukunft mit platonischen Elementen. In einer zukünftigen, marginal besseren „Welt von gestern“.

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