Kampfarena „Politische Korrektheit“

Paul Reinbacher22.02.2020Medien, Politik, Wissenschaft

Verbreitet gilt heute pöbelhafter Populismus als zentrale Bedrohung des Pluralismus in unseren liberalen, westlichen Gesellschaften. Nicht selten ist diese Warnung jedoch eher Ausdruck eines wohlmeinenden paternalistischen Gehabes. Dieses übersieht gerne, wie sehr auch der elitäre, politisch korrekte Paternalismus zum Entstehen populistischer Strömungen beiträgt – und selbst anti-pluralistisch wirkt.

Die Diagnosen vom um sich greifenden, vor allem: rechten Populismus sind mittlerweile ebenso allgegenwärtig wie die dafür ins Treffen geführten Ursachen: Allen voran die Pathologisierung individueller Ängste und Sorgen in immer breiteren Bevölkerungsschichten (den „Globalisierungsverlierern“) angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen, die mit Finanz- und Flüchtlingskrise einen (vorläufigen) Höhepunkt erreicht haben. Aber auch die soziale Funktion des Populismus ist in diesem Zusammenhang meist rasch identifiziert: Das Zurückdrängen des liberalen gesellschaftlichen Pluralismus durch diverse anti-pluralistische Strategien der Polarisierung und Popularisierung, die letztlich in einer pöbelhaften Ablehnung des „Establishment“ bzw. der „Eliten“ gipfeln.

Wunsch und Wirklichkeit

Zwar stimmt es, dass unsere Welt immer unübersichtlicher wird, dass unsere (westlichen) Gesellschaften mit fortschreitender Entwicklung komplexer werden, dass all dies bisweilen als beunruhigend und mitunter als angsteinflößend erlebt wird. Doch ist diese Angst kein Privileg „bildungsferner“ bzw. „benachteiligter“ Schichten, weshalb sich ihr mit wohlmeinender Bevormundung kaum beikommen lässt. Außerdem provoziert beispielsweise gerade elitäres paternalistisches Gehabe von links die von rechten Populisten dann weidlich ausgenützte Abwehrhaltung gegenüber „abgehobenen Eliten“ (© Michael Hartmann), die man – wohl nicht nur zu Unrecht – für tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen verantwortlich macht.

So werden dann „im Namen des Volkes“ (und mit Moral unterfüttert, wie Jan-Werner Müller in seinem Buch „Was ist Populismus?“ ausführt) von rechter Seite vorrangig Attacken gegen politische Eliten (und deren ökonomische Bestechlichkeit), von linker Seite hingegen Attacken gegen ökonomische Eliten (und deren politische Bevorzugung) geritten. Aber wenngleich extreme, eben: „populistische“ Vorgehensweisen sich selbst disqualifizieren, so geht es in der Politik noch immer darum, mit Nachdruck eine Position zu vertreten, ohne diese im Sinne eines falsch verstandenen Pluralismus gleichzeitig zu relativieren oder zur Disposition zu stellen, indem man pseudo-liberal sagt: „Wir fordern dies, aber wenn andere jenes fordern, ist uns das genauso recht.“

So biedern sich dann vor allem rechte Populisten mit ihren stark vereinfachenden Strategien an „das Volk“ an, indem sie behaupten, dieses Volk zu repräsentieren bzw. zu wissen, was dieses Volk sich wünsche – allen voran die Ablehnung der Eliten (im Namen des Volkes). Allerdings verfolgen auch die Vertreter eines wohlmeinenden linken Paternalismus über weite Strecken durchaus vergleichbare Strategien, bloß mit dem Unterschied, dass sie behaupten, besser als das Volk zu wissen, was dieses brauche – insgesamt also eine Anmaßung (im Namen) der Eliten. Damit entpuppen sich (offen illiberaler, rechter) Populismus und (oft nur prima facie liberaler, linker) Paternalismus als Verbündete im Zurückdrängen des Pluralismus durch ihre pädagogischen Projekte.

Parallelen und Paradoxien

Diese Projekte sind in ihrem Kern gar nicht so gegensätzlich und die gut gemeinten paternalistischen Warnungen der Eliten vor populistischen Versuchungen sind selbst eine Form von Populismus. Vor allem aber bringen sowohl Populismus als auch Paternalismus eine „Sehnsucht nach Klarheit“ (© Stefan Giegler) zum Ausdruck, die Alternativen zum anstrengenden Pluralismus sucht. So wird Populisten vorgeworfen, einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu geben, doch lebt das politische Geschäft von Vereinfachungen – paternalistische Warnungen vor Populisten inklusive! Man denke an das Etikett „alternativlos“, das den Kampf gegen Populismus adeln und zugleich die Gegner abwerten soll (wie Astrid Séville in „Der Sound der Macht“ zeigt).

Die pro-elitäre, paternalistische Position mit ihrem selbstlosen Einsatz für liberalen Pluralismus darf dabei nicht so weit gehen, den Populismus zu akzeptieren, während die anti-elitäre, populistische Position in ihrem illiberalen Anti-Pluralismus akzeptieren muss, dass sie nur in der Auseinandersetzung mit ihren Gegnern (allen vorn mit dem „Establishment“) Bestand hat – unabhängig davon, ob sie diese anderen als moralisch legitimiert betrachtet, oder nicht. Paternalismus gibt sich liberal und zieht Toleranzgrenzen gegenüber dem Populismus (woraus man ihm nicht selten Erklärungsnöte zimmern will). Populismus hingegen gibt sich anti-pluralistisch, fordert für sich selbst aber sehr wohl vehement jene liberale Toleranz ein, die er den anderen vorenthält.

Beide Positionen müssen ihre im Kern paradoxe Anlage ignorieren bzw. „invisibilisieren“ (© Niklas Luhmann), um einen Ausgangspunkt für ihr Handeln gewinnen zu können: Nicht nur der Populismus ist, wie Jan-Werner Müller schreibt, ein „Schatten der repräsentativen Demokratie“, sondern auch der Paternalismus. Zwar wird die Reduktion von Komplexität durch populistische Vereinfachung der Realität nicht gerecht (weshalb jene an dieser scheitert). Doch ist auch die (pseudo-)liberale, auf den ersten Blick einleuchtende paternalistische Empfehlung, sich auf die Komplexität des gesellschaftlichen Pluralismus einzulassen, als zu stark vereinfachende Floskel für eine Orientierung im Alltag kaum geeignet (weshalb sie uns letztlich eher ratlos zurücklässt).

Paternalismus und Populismus als Anti-Pluralismus

Es wäre demnach zu eindimensional gedacht, den Pluralismus in liberalen, westlichen Gesellschaften einfach durch das „Gespenst des Populismus“ (Bernd Stegemann) bedroht zu sehen. Zwar sind viele der vereinfachenden populistischen Strömungen eine Antwort auf die Kontingenzen der komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse. Gleichzeitig sind sie jedoch nicht selten eine Abwehrreaktion gegenüber paternalistischen Tendenzen, die ebenfalls eine stark vereinfachende Form der Komplexitätsreduktion (und damit gleichzeitig eine Beschränkung des Pluralismus) darstellen. Daher ist dem Verstehen dieser zusammenhängenden Phänomene eher ein Denken in mehrdimensionalen Wechselwirkungsbeziehungen und zirkulären Kausalitäten angemessen.

Damit läuft es in der Populismus-Diskussion (auf geradezu „postmoderne“ Art und Weise) auf das hinaus, was bereits Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen ließ: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Mit anderen Worten: Weder die populistische noch die paternalistische Position sind ohne einander und ohne den Pluralismus als ihr Gegenüber denkbar! Zwar lässt sich stets streiten, welche davon die Licht- und welche die Schattenseite ist, doch entstehen durch Kombination der verschiedenen Seiten (Populismus, Paternalismus, Pluralismus) gewissermaßen „systemische“ Denkfiguren, die stets sowohl aus einer Vorder- als auch aus einer Rückseite bzw. sowohl aus einer Licht- als auch aus einer Schattenseite bestehen. Und ganz gleich ob Henne oder Ei:

Keine der beiden Seiten lässt sich von der anderen trennen. Die Vorder- und die Rückseite kann man nur gleichzeitig vergrößern oder verkleinern. Der Schatten verringert sich nicht ohne den Verzicht auf Licht. Elite und Volk finden nicht ohneeinander das Auslangen: „Eine Gesellschaft ist immer eine dynamische Einheit zweiter Faktoren, der Eliten und der Massen“, wie schon José Ortega y Gasset es in „Der Aufstand der Massen“ formuliert hat. Problematisch wird es immer dann, wenn eine solche Trennung versucht wird, beispielsweise um das Licht der liberalen Demokratie zu stärken und gleichzeitig die dabei entstehenden Schatten zu eliminieren – vor allem wenn all dies mit einem „moralischen Alleinvertretungsanspruch“ (Jan-Werner Müller) einhergeht.

Kampfarena „Politische Korrektheit“

Sichtbar werden diese Zusammenhänge zum Beispiel an der ausufernden „Politischen Korrektheit“. Ihre im Kern zweifellos wünschenswerte Absicht, dem gesellschaftlichen Pluralismus nicht mit Unterdrückung, sondern mit Anerkennung vielfältiger Bedürfnislagen zu begegnen, treibt heute immer buntere Blüten in Gestalt einer paternalistischen Bevormundung, die sich zusehends von der ursprünglichen Idee entfernt. Immer schneller dreht sich die „Euphemismus-Tretmühle“ (© Steven Pinker), deren Sprachregelungen die „Erwachsenensprache“ (© Robert Pfaller) verdrängen, was wiederum – wenig überraschend – populistische Parolen zur Verteidigung jener Gruppen, die ihre eigenen Bedürfnisse durch die Bedürfnisse anderer bedroht sehen (sollen), provoziert.

Dies verstärkt den Eindruck, dass „Die Abgehobenen“ (so der Titel des jüngsten Buches von Elitenforscher Michael Hartmann) den „Normalbürgern“ mehr Toleranz abverlangen als sie selbst aufbringen. Und es nährt den Verdacht, dass Eliten ihre pluralistischen Auffassungen nur vortäuschen bzw. dass ihre Toleranz enge Grenzen hat: Wer sich ihrem Sturmwagen entgegenstellt, „wird mit zertrümmerten Gliedern am Boden liegenbleiben“, um Rosa Luxemburg zu paraphrasieren. Damit aber wird „Politische Korrektheit“ zur Immunisierungsstrategie eines elitären Paternalismus, der sich den Populismus vom Hals halten möchte, statt sich mit Kritik auseinanderzusetzen – und der damit jenen Pluralismus bedroht, den er zu verteidigen vorgibt.

Kurz: Bezogen auf die verbreitete „Sehnsucht nach Klarheit“ sind Populismus und Paternalismus vielleicht nicht Brüder im Geiste, doch bezogen auf ihre Wirkung in vielerlei Hinsicht vergleichbar bzw. funktional äquivalent.

 

■ Prof. Dr. Paul Reinbacher, Fachbereich Bildungswissenschaften, Pädagogische Hochschule Oberösterreich in Linz/Donau.

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