Greta Thunberg schürt nur Ängste

Paul Reinbacher6.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Vielerorts wurde und wird darüber spekuliert, wie es mit den wöchentlichen Streiks der Schülerinnen und Schüler mangels eines bestreikbaren Sachverhalts während der Sommerferien und danach weitergehen werde – also ob der im Sommer ohnehin nicht stattfindende Schulunterricht eben fiktiv bestreikt würde, ob man spätestens dann eher „demonstriere“ statt „streike“, oder ob sogar jene hämischen Kritikerinnen und Kritiker recht behalten soll-ten, die von Beginn an ein Versanden der Protestbewegung in der Urlaubs- und Badesaison erwartet hatten.

Jedenfalls wurde mit der (teilweise erzwungenen) sommerlichen Pause leider eine Chance vergeben, das zentrale Motto „Wir streiken bis ihr handelt“ zu überdenken. Denn mit einem Relaunch der Bewegung z.B. unter dem Titel „Wir handeln, während ihr streikt“, ließe sich das Appellative ins Aktive wenden: Statt den Finger auf andere zu richten könnte man sich selbst an der eigenen Nase nehmen, den anderen gleichzeitig einen Wink mit dem Zaunpfahl geben – und so das bei anderen zu recht kritisierte „Outsourcing“ von Verantwortung als Prinzip überwinden.

Handlungslogiken

Unabhängig davon, dass der Streik selbst als eine Form des Handelns zu verstehen ist oder dass Politikerinnen und Politiker wesentlich für die Durchsetzung kollektiv bindender Ziele einer Gesellschaft (inklusive der Klimaziele) verantwortlich gemacht werden, sollte klar sein: Im Kern ist die aktuelle Protestbewegung irgendwie ein Ausdruck unseres Zeitgeistes – wenngleich mit eher moderaten moralischen Mitteln. Gelegenheiten, um die Glaubwürdigkeit der Proteste zu erhöhen gibt es ja sogar nur in den Sommerferien (Motto: „Freibad statt Flugreise“) genug.

Nicht das Schulsystem, sondern Fastfood-Ketten, Shopping-Portale, Streamingdienste und Mobilfunkanbieter mit ihren Marketingstrategien zu adressieren könnte die Bewegung einerseits bereits jetzt glaubwürdiger machen (weil z.B. die Informationsökonomik gezeigt hat, dass es dazu kostspielige Signale braucht – was für Fernbleiben vom Unterricht nicht zwingend gilt). Andererseits ließe sich so das Gesetz des Handelns neu ausgestalten (weil das konkrete eigene Tun meist mehr überzeugt als die abstrakte, an andere gerichtete moralische Forderung).

Es kann zwar nicht bestritten werden, dass es bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern (wohl auch im Zuge der Streiks) zu entsprechenden Verhaltensänderungen im Alltag gekommen ist – breitenwirksam sind diese allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit bis heute noch nicht. Und selbst wenn sie es wären: Allein wären sie, bloß Ausdruck einer unzureichenden und wenig erfolgversprechenden Individualisierung der durch noch so gut gemeintes individuelles Handeln unmöglichen Lösung komplexer Problemlagen in der „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck).

Resonanzbeziehungen

Das weitaus größere Problem dürfte nämlich ohnedies ein anderes sein: Weder die (moralischen) Appelle noch die (ökonomische) Askese sprechen unmittelbar die „Sprache“ der Politik: Diese reagiert gemäß ihrer Systemlogik vorrangig auf die Stimmen der Wählerinnen und Wähler. Es geht daher bei Fragen der „Illiberalität“ (Fred Luks) und der „Zivilisationsfeindschaft“ (Nico Hoppe), die an sich schon schlimm genug sind, immer um kommunikative Übersetzungsleistungen bzw. um die Grenzen der Gestaltung von Gesellschaft mit demokratischen Mehrheiten.

Deshalb sind die Protestierenden darauf angewiesen, dass die von ihnen erzeugte öffentliche Aufmerksamkeit von einem maßgeblichen Anteil der Wahlberechtigten (nicht nur von ihnen selbst und ihren Eltern) in die Sprache der Politik übersetzt wird: Hier muss Handeln ebenso ansetzen wie bei der Übersetzung in die Sprache der Wirtschaft durch verändertes Konsumverhalten eines relevanten Anteils der Bevölkerung. Hinzu kommen Wechselwirkungen zwischen den Systemen (also z.B. politischer Druck auf die Wirtschaft und ökonomischer Druck auf die Politik).

Stets geht es darum, mit dem Streik bzw. dem Boykott als Interventionsform die spezifische Logik eines Systems zu treffen, um dieses dabei – so die Hoffnung – mit konstruktiven Mitteln der Kommunikation statt mit destruktiven Mitteln der Gewalt mehr zu irritieren als sich selbst (was beim Schulstreik eher fraglich ist). Diesen Sachverhalt hat der prominente Soziologe Niklas Luhmann auf den Begriff der „Resonanz“ gebracht, als er sich in den 1980er-Jahren die Frage stellte: „Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?“

Steuerungsdefizite

Die Tragödie dabei ist vor allem, dass dies zu innergesellschaftlichen Konflikten führt: „Die Umwelt rächt sich an der Gesellschaft in der Gesellschaft“, wie Niklas Luhmann es formuliert hat: „Man greift zu einer Moralisierung des Problems“ Dies lenkt von der (unangenehmen?) Tatsache ab, dass heute eine direkte Steuerung der Gesellschaft durch die Religion, die Politik, das Recht oder einen anderen Funktionsbereich ebenso wenig möglich ist wie ein direkter Zugriff auf das politische und ökonomische Handeln der an dieser Gesellschaft beteiligten Menschen.

„Die Konsequenz aus diesen Überlegungen ist, dass die Resonanz des Gesellschaftssystems auf ökologische Gefährdungen über die einzelnen Funktionssysteme der Gesellschaft läuft und nicht zentral gesteuert werden kann.“ Zwar wird der Politik noch immer die Letztverantwortung zugeschrieben – so auch von „Fridays for Future“. Doch sind Enttäuschungen vorprogrammiert: Denn ob bzw. wie die Erkenntnisse der Wissenschaft in der Politik oder die Maßnahmen der Politik in der Wirtschaft aufgenommen werden, entzieht sich dem unmittelbaren Zugriff.

Insofern scheint Greta Thunberg mit ihrer Gefolgschaft ja auf Luhmann’scher Linie unterwegs zu sein, wenn diese sagt: „Alle sollen die Angst spüren, die ich selbst jeden Tag spüre“. Denn die Kommunikation von Angst ist jenem zufolge ein probater Ausweg: Sie hat den Vorzug der Authentizität, kann also von anderen nicht bestritten werden, sie lässt sich sogar stellvertretend für andere formulieren, und sie wird durch ihre moralische Imprägnierung zum Immunsystem der Gesellschaft, das auf Probleme hinweist, ohne deren Ursachen direkt bekämpfen zu können.

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