Wie wichtig ist das Emotionale im Wahlkampf

von Paul Reinbacher9.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wissenschaft

Die Gestaltung des staatlichen Gemeinwesens folgt einer anderen Logik als das Leben in der Familie und im Freundeskreis. Eine Verwechslung der Ebenen bringt daher Probleme mit sich – nicht nur in Österreich.

In der Politik sind „Appelle ans Emotionale“ (Josef Oberneder) keine Seltenheit. Ganz besonders trifft dies auf Zeiten des Wahlkampfs (wie derzeit beispielsweise in Österreich) zu: Wähler sind auf der Mikro-Ebene besonders wirkungsvoll über Emotionalisierung und damit einhergehende Polarisierung zu mobilisieren. Zwar ist das nicht ganz neu, denn mit Ernesto Laclau („On Populist Reason“) lässt sich vermuten, dass so gut wie jede politische Position den Keim dieses Phänomens in sich trägt, doch dürfte nun insgesamt ein neues Niveau erreicht sein.

Erkennbar ist dies am inflationär verwendeten Begriff „Populismus“ sowie damit zusammenhängend am europaweit erstarkenden „Personenkult“, der wohl kaum ein Alleinstellungsmerkmal der „türkisen Massenbegeisterung“ (Josef Oberneder) ist. Für diesen Kult stand in Österreich vor kurzem Christian Kern (SPÖ) mit seinem „Plan A“, steht nun Sebastian Kurz (ÖVP) mit seiner „Bewegung“ und steht vielleicht bald Werner Kogler (Grüne) mit dem „größten Comeback seit Lazarus“. Stets mobilisieren emotionale Appelle sowohl Befürworter als auch Gegner.

Ersichtlich wird des Weiteren, dass diese Strategie der emotionalen Personalisierung nicht nur in der direkt an das Wahlvolk gerichteten Kommunikation wirkungsvoll zum Einsatz kommt. Sie ist seit dem erfolgreich eingebrachten Misstrauensantrag gegen Sebastian Kurz, dem „Kurzsturz“ (Kurt Remele), auch auf der parlamentarischen Meso-Ebene das Verbindende zwischen zuvor verfeindeten Parteien und ihren Vertretern, deren Strategien im „freien Spiel der Kräfte“ oft auf wechselnde emotionale Koalitionen der „einen“ gegen die „anderen“ zu gründen scheinen.

Extrapolation

Parallel dazu ist bereits seit längerer Zeit der Wunsch nach mehr Emotionen auf der Makro-Ebene politischer Steuerung zu beobachten – man erinnere sich hier nur an die „Soziale Kälte“ und ähnliche Slogans (einst) „linker“ Kritik an „rechter“ Politik. Hinter diesen Parolen verbirgt sich der populäre Wunsch, die Gestaltung des staatlichen Gemeinwesens an jenem Zusammenleben in Familien, Freundeskreisen etc. zu orientieren, das man aus dem Alltag kennt (und zugleich romantisch verklärt, indem man Nachteile wie einen „Satz heiße Ohren“ ausblendet).

Eine derartige Verwechselung der Ebenen, die versucht, zwischenmenschliche emotionale Erfahrungen der Mikro-Ebene auf die Makro-Ebene zu „extrapolieren“ und so als Grundlage für die gesamtgesellschaftliche Gestaltung zu nehmen, führt jedoch zu weiteren Problemen. Nicht zufällig sind soziale Koordinationsmechanismen, allen voran die „bürokratische Herrschaft“ als Klassiker, aber auch kompliziertere Systeme der „checks und balances“ über weite Strecken affektneutral gebaut (wie jüngst von Jan-Werner Müller in „Was ist Populismus?“ beschrieben).

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht angebracht, wenn – hart am Wind des Populismus segelnd – die „soziale Kälte“ angeprangert und demgegenüber „soziale Wärme“ gefordert wird. „Populisten nehmen den Staatsapparat in Besitz und platzieren ihre Partei- und Gefolgsleute in Positionen, die normalerweise neutrale Beamte innehaben sollten“, schreibt Jan-Werner Müller. Der „soziale Klimawandel“ ist in dieser Hinsicht also nicht unbedingt die beste politische Kategorie zur Orientierung bei der zeitgemäßen Gestaltung des staatlichen Gemeinwesens.

Emanzipation

Während zwischenmenschliche Beziehungen auf der Mikro-Ebene in hohem Maße auf subjektiven Gefühlslagen beruhen und wir Abweichungen davon eher skeptisch beurteilen (z.B. wenn eine familiäre oder freundschaftliche Beziehung auf Basis objektiver Nutzenerwägungen beurteilt und damit deren Fortsetzung oder Abbruch begründet werden soll), so sind wir auf der Makro-Ebene nicht mehr ohne weiteres bereit, Gefühle als Grund für politische Interventionen oder Gerichtsurteile zu akzeptieren. Vielmehr sind wir bei mangelnder Gefühlsneutralität skeptisch.

Daraus entstehen Schwierigkeiten, unter anderem in moralischen Kontexten. Zum Beispiel, wenn in Berichten über die Vorgänge im Mittelmeer vor Ort an Bord eines Seerettungsschiffes zu treffende Entscheidungen auf das situative sittliche Handeln einzelner Akteure reduziert werden. Damit werden dann gesellschaftspolitische Fragen auf das subjektive moralische (Mit-)Gefühl bzw. die Intuition des individuellen Gewissens zurückgeführt – was für kleinräumige, soziale Zusammenhängen zwar angemessen, für globale Strategien jedoch problematisch scheint.

Entsprechende Vorgänge stehen heute zurecht im Verdacht, „heißes Sozialkapital“ (Robert D. Putnam), also: Ausdruck geringer Objektivität, hoher Bestechlichkeit etc. zu sein. Demgegenüber war bekanntlich gerade die Einhegung von Gefühlen auf der Ebene des Gemeinwesens ein beabsichtigtes Ergebnis, das einst Max Weber mit seinem idealtypischen Modell der „Bürokratie“ verfolgt hat. Sein Ziel war es ja nicht zuletzt, dem vorherrschenden Gesellschaftsmodell auf Basis eines subjektiven, feudalistischen Gutdünkens „bürokratisch“ Einhalt zu gebieten.

Evolution

Demnach ist die Abkühlung des staatlichen Gemeinwesens und seiner Gestaltungsprinzipien historisch gesehen ein emanzipatorischer Akt durch „die Herrschaft der formalistischen Unpersönlichkeit: sine ira et studio, ohne Haß und Leidenschaft, daher ohne Liebe und Enthusiasmus, unter dem Druck schlichter Pflichtbegriffe; ohne Ansehen der Person, formal gleich für jedermann, d.h. jeden in gleicher faktischer Lage befindlichen Interessenten, waltet der ideale Beamte seines Amtes“, wie Max Weber es 1922 selbst in „Wirtschaft und Gesellschaft“ formuliert hat.

Nichtsdestotrotz gehen evolutionäre Entwicklungen – Fortschritt hin oder her – stets mit Nebenwirkungen einher. Im Fall der Europäischen Union ist dies bestens zu beobachten: Nach den emotionalen Wirrungen der Weltkriege ist diese (zunächst noch als „Gemeinschaft“!) in bester Absicht als das Projekt einer kühlen Beamtenherrschaft konzipiert worden. Und bis heute krankt die EU am Übermaß bürokratischen Tradition, nicht zuletzt aufgrund mangelnder emotionaler Integration sowie aufgrund des daraus resultierenden „affective gap“ (Reinbacher 2006).

Demnach spielen also auf jeder der Ebenen (also auf der Mikro-Ebene zwischenmenschlicher Beziehungen, auf der Meso-Ebene organisierter Kontexte sowie auf der Makro-Ebene des staatlichen Gemeinwesens) Gefühle zwar immer eine Rolle, jedoch bedeutet dies nicht, dass die sich jeweils in derselben Erscheinungsform zeigen. Eher ist davon auszugehen, dass die vorschnelle Übertragung von Gestaltungsprinzipien zu Problemen führt, weil sich damit kaum den Spezifika der unterschiedlichen Systemebenen gerecht werden lässt.

 

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