Wenn ich in den Spiegel schaue, bin ich stolz. George W. Bush

Kein Scheiß

Politisch korrekte Sprache wird oft als Eingriff in die Meinungsfreiheit interpretiert. Dabei ist sie nur der Versuch, Ordnung in den Irrungen des postmodernen Bedeutungschaos herzustellen.

Politische Korrektheit polarisiert als Kampfbegriff und sieht sich pausenlos der Kritik ausgesetzt: Naivität und Gutmenschentum zählen dabei zu den harmloseren, Denk- und Redeverbote bzw. „Sprachpolizei“ zu den heftigeren Vorwürfen. Die mitunter hitzigen Wortgefechte und Shitstorms haben allerdings insofern einen blinden Fleck, als sie nicht sehen, dass es sich bei Politischer Korrektheit um Kitsch handelt. Dies ist keineswegs despektierlich gemeint, sondern bezieht sich auf ihre Versuche, den in der Postmoderne verlorenen Glauben an Erwartbarkeit und Eindeutigkeit zu rehabilitieren, mit einfachen Formeln und mechanistischen Prinzipien wieder für Planbarkeit und Sicherheit zu sorgen:

„Kitsch involves the easy satisfaction of expectations, the harmonic fusion of the image with reality itself and the elision of tensions without placing demands on its audience. It takes the disturbing and makes it comforting.“ (Clement Greenberg)

In diesem Sinne erschafft Kitsch eine Insel beruhigender Einfachheit und Eindeutigkeit im Meer beunruhigender gesellschaftlicher Komplexität und Kontingenz. Egal ob Waldmüller’sche Kunst, Taylor’sche Produktion oder politisch korrekte Sprach- und Verhaltensregelungen – sie alle erzeugen (vermeintliche) Klarheit, vermeiden Irritation, verzichten auf Kontextualisierung und darauf, (sich selbst) infrage zu stellen: „Im Reich des totalitären Kitsches sind die Antworten von vornherein gegeben und schließen jede Frage aus.“ (Milan Kundera) Wer sich dem Bild vom „Mutterglück“ hingibt, der Fließbandlogik unterordnet oder den Vorgaben des angemessenen Vokabulars unterwirft, ist kurzerhand von den Widersprüchlichkeiten der Realität entlastet.

Kitsch als „Verneinung der Scheiße“

Kitsch ermöglicht, erlaubt, ja erwartet von uns, dass wir uns ungestörten Affekten hingeben, ohne uns irritieren zu lassen. Dabei unterstützt uns Kitsch mit Strategien übermäßiger und ungebrochener Wiederholung zur Bestätigung unserer Erwartungen. Er betreibt eine stetige und bestätigende Neuauflage des bereits Bekannten, führt in vorhersehbare Übersteigerung und bewahrt damit gleichzeitig vor unangenehmen Überraschungen, zum Beispiel in Form hinterfragender Kritik: Kitsch ist als „Verneinung der Scheiße“ (Milan Kundera) die künstliche „Abwesenheit von Widerspruch“ (Günter Kunert) und damit vergleichbar jener Art und Weise, mit der uns „Politische Korrektheit suggeriert, es gäbe einen Konsens über gute, ja sogar über optimal korrigierte bzw. endgültig korrekte Politik“ (Matthias Dusini & Thomas Edlinger).

Angesichts dessen erscheint zeitgenössische Politische und Sprachliche Korrektheit als Kitsch-Phänomen: Ihre Basis ist mechanistisches Funktionieren nach festen Formeln, und so leitet sie aus der Beobachtung, dass bestimmte Begriffe etc. (Verhaltensweisen, Objekte …) mit problematischen, irritierenden Bedeutungen operieren, kurzerhand die Forderung ab, auf diese Begriffe etc. überhaupt, also zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Kontexten zu verzichten, mithin sie generell durch andere, (noch) unproblematische, (noch) nicht irritierende, eben: politisch und sprachlich korrekte Begriffe etc. zu ersetzen, oder mit anderen Worten: die Scheiße zu leugnen. Diesem Verständnis zufolge sind die Begriffe etc. selbst das Problem, da ihnen problematische Bedeutungen anhaften, nicht deren Verwendung in spezifischen Zusammenhängen, aus denen ihre (potenziell) problematische Bedeutung resultiert.

Ironie und Satire als Alternativen zur Politischen Korrektheit

Allerdings sind Bedeutungen in der Realität nicht eindeutig und statisch festgeschrieben, sondern durch ihre Relation zum jeweiligen Kontext situativ konstruiert. Man muss jetzt nicht gleich différance! rufen – aber man könnte wohl. An ihr scheitert nämlich Politische Korrektheit beim Versuch, Eindeutigkeit herzustellen (obwohl sie eigentlich nicht zu haben ist und ihre Illusion des Angenehmen stets in Gefahr ist), indem sie uns durch generelle Regeln von anstrengendem Entscheiden im Einzelfall entlastet. So ist Politische Korrektheit Kitsch durch ihre Bedienung der Massen mit vorgefertigten Mustern, durch ihre Beglückung der Menschen mit Wohlfühlarrangements, durch ihre Komplexitätsreduktion in kitschigen Komfortzonen:

Das postmoderne Leben ist schließlich unübersichtlich genug, und so sollten wir eigentlich dankbar sein für die politisch korrekte, kitschige „Sicherheit der Ordnung fixer Denkschemata und Sprachformeln“ (Klaus Zeyringer) – oder etwa doch nicht? Ist das gesamtgesellschaftliche Kitsch-Projekt Politische Korrektheit nur ein verzweifelter Versuch, die von der Postmoderne kultivierte Vielsinnigkeit der Sprache wie der Welt insgesamt in den Griff zu bekommen? Und falls dem so ist: Sind Alternativen in Sicht?

Ja, beispielsweise Ironie und Satire. Die beiden verzichten bekanntlich mit ihrer absichtlichen Ambiguierung durch De- und Re-Kontextualisierungen auf kitschige Convenience. Auf dieses Spiel mit Mehrdeutigkeit reagieren Politische Korrektheit und Kitsch so allergisch, weil es ihre Bemühungen um Disambiguierung und Eindeutigkeit zunichte macht: Während Politische Korrektheit und Kitsch einfache, eindeutige Antworten geben (wollen), sind Ironie und Satire sich der damit verbundenen Gefahren bewusst, weshalb sie Ambivalenzen lieber gleich offensiv beim Schopf packen. Die dadurch ausgelöste Irritation und Verstörung ist zwar nicht nur belebend und bereichernd, sondern mitunter anstrengend und ärgerlich – aber so ist eben der Ausgang des Menschen aus seiner (selbst verschuldeten) korrekten, komfortablen und kitschigen Eindeutigkeit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lothar Wieland, Omid Nouripour, Peter Hoeres.

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