Ghani geht aufs Ganze | The European

Ashraf Ghani: Der lebende Märtyrer

Paul Emtsev27.01.2022Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Am 15. August 2021 floh Afghanistans Ex-Präsident Ashraf Ghani aus Kabul in die Vereinigten Arabischen Emirate, am gleichen Tag eroberten die Taliban die Hauptstadt. Nun hat sich Ghani in einem BBC-Interview erstmals zu seiner Flucht geäußert. Wie überzeugend sind seine Argumente? Von Paul Emtsev.

Früherer Präsident von Afghanistan: Ashraf Ghani, Foto: picture alliance / abaca | Balkis Press/ABACA

Ein ehemaliger Präsident, der sein Land auf dem Höhepunkt einer Krise verlässt, hat es im Nachhinein nicht leicht, bei seinen Landsleuten Sympathiepunkte zu sammeln. Ashraf Ghani hat es einige Monate nach seiner Flucht in einem Radiointerview trotzdem probiert. Seine Argumentation ist menschlich verständlich. Das öffentliche Bild eines Deserteurs kann er mit diesem Medienauftritt aber nicht gerade rücken. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die Mitleidskarte gegen Empathie

Im Radio erklärt Ashraf Ghani, er habe sich selbst opfern müssen, um Kabul zu retten. Doch was genau hat er geopfert? Sein „Lebenswerk“ sei zerstört worden, bedauert Ghani. Dasselbe gilt aber auch für seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, die durch die Rückkehr der Taliban ihr altes Leben verloren haben. Mit dem Unterschied, dass die allermeisten von ihnen weiterhin im Land sind.

Ghani sagt, er habe das Land verlassen, um die Bevölkerung der Stadt vor einem Blutvergießen zu schützen. Als amtierender Präsident in einem Krisenfall ist dies allerdings ein schwaches Verständnis von Verantwortung. Genauso könnte ein Kapitän, der bei einem sinkenden Schiff als Erster von Bord geht, argumentieren, er wolle dadurch Ballast reduzieren. Auch viele Experten sind sich einig: Gerade Ghanis weitere Präsenz in Afghanistan wäre für eine geordnete Machtübergabe wichtig gewesen.

Von einem Staatschef wird erwartet, im Sinne seines Landes zu entscheiden. Aus dem sicheren Ausland nun die Mitleidskarte zu spielen, dürfte bei seinen Landsleuten vor Ort auf wenig Empathie stoßen. In vielen Ohren kommt das Argument eher andersherum an: Nämlich dass Ghani Kabul geopfert hat, um sich selbst zu retten.

Gebundene Hände, verbundene Augen

Auch Ghanis konkrete Schilderungen seiner Flucht sprechen nicht gerade für ihn. Sein nationaler Sicherheitsberater sei voller Angst gewesen und habe ihm nur zwei Minuten Bedenkzeit gegeben. Ja, Ghani befand sich in einer gefährlichen Situation. Ein Präsident kann seine Entscheidungen aber nicht mit der Angst seiner Berater begründen. Denn Berater sind eben keine Entscheider.

Die Sicherheitskräfte seien nicht mehr in der Lage gewesen, ihn zu verteidigen, fügt Ghani hinzu. Ehrlicherweise hätten in einer solch extremen Lage wohl nur wenige Menschen heldenhaft gehandelt. Doch für Afghaninnen und Afghanen, die selbst in Lebensgefahr schweben, ist die persönliche Bedrohungslage Ghanis nur ein schwaches Motiv.

Schließlich sagt Ghani, er habe bis zum letzten Moment nicht gewusst, dass er das Land verlasse. Erst beim Abflug des Flugzeugs sei ihm das bewusst geworden, die Flucht sei nicht geplant gewesen. Gleichzeitig betont er im Interview, seine plötzliche Abreise sei die härteste aller Entscheidungen für ihn gewesen. Das passt irgendwie nicht zusammen: Wie kann man sich mit einer Entscheidung schwer tun, von der man nichts weiß?

Zu einfache Antworten auf schwere Fragen

Wenige Staatschefs auf der Welt mussten jemals in einer so extremen Situation so persönliche Entscheidungen treffen wie Ashraf Ghani. Ein eindeutiges moralisches Urteil über seine Flucht fällt schwer. Doch eines steht fest: Seine öffentlichen Erklärungen im Nachhinein überzeugen nicht. Hätte er geschwiegen, wäre er zwar auch nicht Präsident geblieben. Seinem öffentlichen Image hat er mit dem Interview aber keinen Gefallen getan.

Hier kommen Sie zum BBC-Interview

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