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Warum Silvio Berlusconi tatsächlich Italiens neuer Präsident werden könnte

Paul Emtsev22.01.2022Europa, Medien

Silvio Berlusconi als neuer italienischer Staatspräsident? Das klingt für viele verrückt. Immerhin ist er bekannt als verurteilter Steuerbetrüger und Gastgeber von Bunga-Bunga Sexparties mit Zutrittsverbot ins italienische Parlament. Überhaupt fällt es schwer, sich einen taktvollen Auftritt Berlusconis in der Öffentlichkeit vorzustellen. Mario Draghi, der große Favorit für das Amt, ist dagegen der Staatsmann schlechthin. Und doch gibt es ein paar Gründe, warum Berlusconi noch im Rennen ist. Von Paul Emtsev.

Silvio Berlusconi (85) will wieder an die Macht, Foto: picture alliance / ROPI | Cozzoli/Fotogramma

85 Jahre Style-Erfahrung

Für Berlusconi spricht zunächst mal das optische Argument. Schauen Sie sich diesen Mann doch einmal an! Mit 85 Jahren sieht er einfach fabelhaft aus. Diese Haare, diese glatte Haut, es ist der Wahnsinn. Dagegen wirkt Mario Draghi mit seinen 74 Jahren fast schon alt. Aber es ist auch nachvollziehbar: Während Draghi sich als Präsident der Europäischen Zentralbank abgearbeitet hat, wurde Berlusconi ein generelles Verbot zur Ausführung öffentlicher Ämter auferlegt. Von dieser Auszeit profitiert er nun ganz offensichtlich.

Zweiter Punkt: Berlusconis Anzüge. Sie sitzen immer perfekt. Man fragt sich auch, wer ihm so gut die Hemden bügelt. Und dazu die stylischen Krawatten, das wirkt einfach eine Nummer bosshafter als Draghis Bürokratenlook. Wer aus der Medienwelt kommt, der weiß, was auf den Bildschirmen gut rüberkommt. Auch hier wird Draghis politisches Engagement zum Nachteil. Wer so viel arbeitet, hat natürlich weniger Zeit für die ganzen Stilfragen. Ein großer strategischer Fehler – und das als Italiener!

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Silvio Berlusconi hat mal eine interessante Geschichte erzählt. Er war bei seiner Mutter zuhause zu Besuch, und die Mama sagte: Silvio, alle lieben dich! Silvio antwortete: Aber nein, nicht alle. Schau, vorhin erst hat mir jemand im Vorbeigehen den Mittelfinger gezeigt. Doch Silvio’s Mama war überzeugt: Der wollte sagen, dass du die Nummer 1 bist! Berlusconi erzählt solche Dinge als Scherz, aber er scheint damit auch einverstanden. Und seine Mama hat wohl ganze Arbeit geleistet, denn Selbstvertrauen hat ihr Sohn mehr als genug. Politische Beobachter in Italien sagen: Berlusconi glaubt tatsächlich, dass er die wichtigste historische Figur Italiens ist.

Ein weiterer, paradoxer Pluspunkt ist gerade die Art und Weise, wie er mit seinen eigenen Skandalen umgeht. Also nicht die Skandale selbst, sondern die Tatsache, dass Berlusconi trotz all dieser Skandale noch da ist. Egal welche Fehler er gemacht hat, muss man ihm einfach mal zugestehen: All diese Skandale zu überleben, das zeugt doch von wahrer Stärke! Wenn Berlusconi fällt, steht er immer wieder auf. Nach einer Rede ist er beim Verlassen der Bühne einmal ziemlich peinlich über einen kleinen Schemel gestolpert. Berlusconi hat sich wieder aufgerappelt, hat den Schemel aufgehoben, in die Höhe gestreckt und gerufen: Den haben die Linken da hingestellt!

Mit dem Volk per du

Berlusconi betont gerne seine Volksnähe. Und er ist stolz darauf, dass seine Landsleute ihn einfach „Silvio“ nennen. Auch hier profitiert er natürlich wieder von seiner Medienpräsenz. Ob schlechte Presse oder gute Presse – er ist die Presse! Wenn man jemanden tagtäglich sieht, fühlt es sich irgendwann vielleicht wirklich so an, als gehöre die Person irgendwie zum erweiterten Familienkreis. Und Berlusconi weiß die öffentliche Bühne mit seiner volksnahen Art zu nutzen. In einer Talkshow vor vielen Jahren sagte er einmal live, er flirte mit allen Frauen, weil seine eigene Ehefrau gerade in New York sei – und die Sendung nicht sehen könne. Silvio, du kleiner Teufel! Aber wir verzeihen dir, immerhin bist du ehrlich.

Sein Repertoire begrenzt sich aber nicht nur auf Machosprüche. Silvio Berlusconi kann auch ziemlich gut singen. Jetzt mal ernsthaft – welcher andere Spitzenpolitiker kann das von sich behaupten? Und er führt sein Talent auch immer wieder vor. Eines muss man ihm schon lassen: Er hat eine Stimme, die gut ins Ohr geht. Begleitet von einer lässigen Körpersprache und einfachen Erklärungen wirken seine Shows immer absolut harmonisch. Berlusconi fand bereits in früheren Wahlkämpfen die richtige Sprachmelodie, um sein Publikum zu überzeugen. Damals prophezeite er, er würde gewinnen, weil es nicht so viele Arschlöcher geben könne, die gegen ihre eigenen Interessen stimmen würden. Wahnsinn? Das ist Silvio!

Silvio oder Silvio?

Berlusconis politische Rhetorik folgt mehr den Instinkten des Flirting als den Regeln logischer Argumentation. Und beim Dating hat er ja einiges an Erfahrung vorzuweisen. Sein Tipp: Frage eine Frau nicht, ob sie an einem Samstag mit dir ausgehen will. Frage nur, ob Freitag oder Samstag. Dann gibt es in ihrem Kopf keine Möglichkeit mehr, nein zu sagen. Also: Wer auch immer die Präsidentschaftskandidaten am 24. Januar sind, in Silvios Welt gibt es nur eine Wahl.

Wenn Silvio Berlusconi es jetzt noch rechtzeitig schafft, ein paar süße Pudelfotos zu veröffentlichen, wer weiß? Vielleicht kann sein charmantes Lächeln das gebrochene Herz der italienischen Politik doch noch einmal für sich gewinnen. Solange er nicht zu viel über Politik spricht.

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