Der Glaube ist kein Menü

von Paul Badde23.12.2012Gesellschaft & Kultur

Offene Streitfragen und kaum mehr eine gemeinsame Sprache – die höchste Priorität eines nächsten Konzils muss darin liegen, den Menschen den Zugang zu Gott wieder zu öffnen.

Kein Handygeklingel störte 1962, als das Zweite Vatikanische Konzil begann. Und während der Predigten rief kein Gottesdienstbesucher noch schnell die letzten E-Mails ab oder warf einen Blick in die sozialen Netzwerke. Fünf Jahre später landeten mit Apollo 11 die ersten Menschen auf dem Mond. Damals war die Sprache der Kirche Latein. „Zu den charakteristischen Aspekten der heutigen Welt“, heißt es deshalb in einem der Schlussdokumente des Konzils noch in der Sprache Ciceros, „gehört die Zunahme der gegenseitigen Verflechtungen unter den Menschen, zu deren Entwicklung der heutige technische Fortschritt ungemein viel beiträgt.“

Heute gibt es eine Fülle offener Streitfragen

Dieser Satz ist rührend in seiner Weitsicht wie in seiner Ahnungslosigkeit, was die Entwicklung der digitalen Revolution betraf, die erst Jahrzehnte später das Informationszeitalter einläutete. Innerkirchlich aber war das Zweite Vatikanum das erste Konzil, das einberufen wurde, ohne eine offene Streitfrage klären zu müssen, die die katholische Kirche auf eine Weise bewegte, dass der Papst sie nicht mehr allein hätte beantworten oder entscheiden können. Das hatte es vorher nie gegeben.

Heute hingegen gibt es eine Fülle offener Streitfragen in der katholischen Kirche. Eine gemeinsame Sprache gibt es so gut wie nicht mehr. An der Basis – bei den Pfarrgemeinderäten, den Religionslehrern, dem Heer jener Frauen, die Jahr für Jahr die Kinder auf ihre Erstkommunion vorbereiten – glaubt nur noch ein Bruchteil an die vollständige Lehre der Kirche. Was das 19. Ökumenische Konzil von Trient 1563 noch verbindlich über das Wunder der Verwandlung von Brot und Wein formulierte (dass Gott sich nämlich in der Hand eines geweihten Priesters wahrhaftig und bleibend in ein Stück Brot verwandelt!) kann einem Großteil der Lehrer an katholischen Hochschulen kaum noch ein Lächeln entlocken. Und der Glaube der Kirche „an einen Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Fleisch geworden ist und Mensch wurde, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden und zum Himmel aufgestiegen ist“, dieses gemeinsame Bekenntnis der Christenheit, wie es auf dem Konzil von Nizäa im Jahr 324 von allen Bischöfen gegen die Irrlehre der Arianer festgelegt wurde, ist heute innerhalb des katholischen Kirchenvolks das Credo einer verschwindenden Minderheit geworden.

Das gilt zumindest für Europa und andere große Teile der westlichen Welt, in der es in den letzten 40 Jahren zu einem dramatischen Zusammenbruch der christlichen Erziehung gekommen ist. Hier ist die überwiegende Mehrheit der Katholiken nicht mehr imstande, das alte Credo der Christenheit noch einmal überzeugend an die nächste Generation weiterzugeben. Denn Konzilien müssen ja immer zusammen verstanden und gelesen werden. Der Glaube ist kein Menü, aus dem man sich für ein Dogma entscheidet und die anderen unberücksichtigt liegen lassen kann. Denn kein Lehrsatz der Kirche ist ja jemals zurückgenommen worden, weder von einem Papst noch einem Konzil. Dennoch ist dieser alte Grundkonsens in den vergangenen Jahrzehnten unter den Gläubigen gleichsam verdunstet, befördert von einem Heer von Theologen, die im alten Haus des Glaubens kaum noch einen Stein auf dem anderen gelassen haben.

„Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es“, sagt deshalb Benedikt XVI., „dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.“ Die Aufgabe des nächsten Konzils wird deshalb keine andere als jene sein, die der Papst schon vor Jahren mit den Worten skizzierte, dass „in unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, die allererste Priorität ist, den Menschen den Zugang zu Gott wieder zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.“ Wie? Das würde und wird ein nächstes Konzil beantworten müssen.

Aufklärung der Aufklärung in der Kirche

Wie nie zuvor wird im Dritten Vatikanum deshalb die Wahrheitsfrage neu gestellt werden müssen, und die Frage nach der Identität dieser Wahrheit innerhalb der katholischen Kirche von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende durch alle Stürme, Revolutionen und jede Konfusion hindurch. Der Meinungsdruck über die digitalen Kanäle gegen die Lehre, Dogmen und Traditionen der Kirche wird bald unvorstellbar zunehmen. Aufgabe des nächsten Konzils wird deshalb auch sein, die ungeheure Kluft wieder zu überbrücken, die sich im vorigen Jahrhundert in der katholischen Kirche zwischen ihren Lehrern und dem Glauben ihrer Heiligen aufgetan hat. Das nächste Konzil wird die Aufklärung der Aufklärung in der Kirche bewältigen müssen. Es ist eine Herkulesaufgabe, in der die Kirche in einer Versöhnung der Theologie mit der Überlieferung ihre katholische und apostolische Identität noch einmal ganz neu wird darlegen müssen.

Wie in den Tagen von Nizäa werden die Bischöfe im nächsten Konzil die katholische Kirche wieder neu als göttlichen Fremdkörper aufleuchten lassen, in einer Gestalt also, die heute und morgen dem himmlischen Jerusalem so fremd entgegenpilgert wie ihr göttlicher Stifter an ihrem Anfang durch Galiläa und Judäa nach Jerusalem hinaufstieg.

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