Die letzte Krise kommt erst noch

von Paul Badde7.01.2010Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur

Jerusalem ist die Hauptstadt zweier Völker. Sie zieht Christen, Juden und Araber magisch an. So schön die Stadt, so groß ihre kulturellen und religiösen Konflikte. Kurz: Jerusalem ist die letzte große Herausforderung an den Verstand und die Fantasie der Menschheit.

Die letzten Jahre habe ich Jerusalem quasi im Zeitraffer erlebt. In raschen Abständen angeschaut, bricht die Stadt jedem, der sie liebt, noch mehr als sonst das Herz. Die Stadt war einmal der kulturelle Polarstern des Abendlands. Nicht der 11. September 2001 hat unser Zeitalter begründet, sondern der 6. April des Jahres 30, als Jesus von Nazareth auf dem Verbrecherhügel vor den Mauern Jerusalems von der römischen Besatzungsmacht als “König der Juden” hingerichtet wurde. Juden und Muslime haben andere Ursprungsorte. Doch was am 6. April in Jerusalem geschah, war der Durchbruch des Christentums in die Geschichte. Erklärt dies aber schon die einzigartige Faszination der Stadt? Ebenso zieht sie ja auch viele Juden selbstverständlich an. Die Zehn Gebote hat Moses zwar auf dem Sinai erhalten. Der Stammvater Abraham trieb seine Herden von Mesopotamien vor die Tore der alten Jebusiter-Stadt, doch unter König David wurde Jerusalem zur einzigen Hauptstadt, die die Judenheit jemals hatte. Im Boden des Tempelbergs ruhen darum noch immer die Fundamente ihres einzigen Tempels. Nur hier haben Juden jemals die Gegenwart Gottes in einem Haus verehrt. Muslime hingegen werden von Al-Kuds, “dem heiligen” Jerusalem, angezogen, weil Mohammed hier in einem Traum in den Himmel aufgefahren ist – wo deshalb schon 60 Jahre nach dem Tod des Propheten das erste Heiligtum des Islam außerhalb Mekkas und Medinas errichtet wurde, doch eben exakt über den Trümmern des alten jüdischen Tempels!

Eine Mauer entpuppt sich als Goldgrube

Von 1948 bis 1967 war die Stadt durch eine Mauer getrennt, die nach dem Sechstage-Krieg mit großem Getöse (und dem Versprechen “Nie mehr eine Mauer!”) gesprengt wurde. Heute zerreißt die Stadt eine neue Mauer, höher und gewaltiger, als die alte es jemals war, nur ein gutes Stück weiter im Osten. “Die Widersprüchlichkeit Jerusalems scheint schon im Namen der Stadt verankert”, hat der kürzlich verstorbene, melancholisch gewordene Schriftsteller Amos Elon dazu schon vor Jahren bemerkt. “Denn das Suffix ‘aim’ in ‘Jeruschalaim’ kennzeichnet im Hebräischen immer den Begriff eines Paares.

Die Welt starrt auf diese Stadt

Stimmt auch, und jetzt ist Jeruschalaim sogar zu ein und derselben Hauptstadt zweier Völker geworden, ob es ihnen gefällt oder nicht. “Israels Hauptstadt für immer” wird für immer auch die Hauptstadt Palästinas bleiben, mit weniger darf sich kein palästinensischer Präsident zufriedengeben, dem sein Leben lieb ist. Die Welt starrt wie gebannt auf die Stadt, die fast jeden Tag in den Abendnachrichten auftaucht, doch die Politik, die hier betrieben wird, bleibt unterirdisch. Jerusalem ist ein Gordischer Knoten. Es ist der wirklich zentrale Konfliktpunkt des nächsten Jahrhunderts als letzte Herausforderung an den Verstand und die Fantasie der Menschheit. Doch es ist leider mehr als das. Es ist der allerletzte Streit, der keine Lösung kennt. Kein Friedensbeschluss, keine Schutztruppe der UNO würde ihn je entschärfen können. “Mitten in Jerusalem”, sagte Meron Benvenisti, der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, schon vor Jahren, “tickt in Gestalt des Tempelberges eine Zeitbombe von apokalyptischer Zerstörungskraft.” Jerusalem ist das Riff, an dem jede billige Hoffnung auf einen endgültigen Frieden zerschellt. In Jerusalem kann jeder die Hand auf die Steine legen und fühlen, dass die Erde und unser Leben in aller Ewigkeit nur endlich ist. Das zieht mich immer wieder nach Jerusalem wie ein Magnet, und viele andere. Hier spürt jeder: Die letzte Krise kommt erst noch – und unser aller Untergang.

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