Erst die Arbeit, nie das Vergnügen

Patrick Spät27.08.2014Gesellschaft & Kultur

Heutzutage braucht der Chef seine Lohnsklaven nicht mehr zu disziplinieren, denn sie kontrollieren sich selbst.

Sind Sie manchmal gerne faul? Früher hätte das ungemütliche Konsequenzen haben können: 1589 wurde in Amsterdam eines der ersten sogenannten „Arbeitshäuser“ eröffnet, um die „Abneigung gegen Arbeit zu kurieren“. Die Heilmethoden waren alles andere als homöopathisch: Die Müßiggänger sperrte man in ein Verlies, in das man nach und nach Wasser füllte. Die im Wasser stehenden Gefangenen mussten ununterbrochen eine Pumpe betätigen, um sich vor dem Ertrinken zu retten. Mit dieser perversen Folter wollte man den Arbeitsunwilligen ihre Faulheit austreiben und ihnen hautnah demonstrieren, dass emsiges Arbeiten überlebensnotwendig sei.

Wenn es heute hier und da etwas lockerer zugeht, dann auch nur deshalb, weil der militärische Drill nicht zum erwünschten Ergebnis geführt hat. Die Methoden ändern sich, die Ziele nicht. Etwas feinfühliger wurden die Methoden mit dem 1925 gegründeten “Deutschen Institut für technische Arbeitsschulung (DINTA)”:http://de.wikipedia.org/wiki/DINTA, auf dessen Empfehlung hin die Betriebe Kindergärten, Beratungsstellen und Sportangebote bereitstellten. Selbsterklärtes Ziel war der „Kampf um die Seele des Arbeiters“. Gemäß dem Motto der DINTA – „Erziehung des Menschen für die Wirtschaft“ – sollte der Betrieb zur „Heimat“ werden. Da wäre man doch lieber heimatlos.

Chef als Pseudo-Kumpel

Manch einer wünscht sich vielleicht schon die alten, mürrischen Chefs zurück, die in der Old Economy mit autoritärem Gehabe das Zepter geschwungen haben. Denn in der heutigen New Economy sind solche Zigarren-Ledersessel-Choleriker passé. Der Chef ist immer öfter ein Pseudo-Kumpel, er stellt für seine Angestellten einen Kickertisch hin, kommt mit Flip-Flops ins Büro und trommelt nach Feierabend alle zum After-Work-Bierchen zusammen. Okay, hier und da mag das ja nett sein. Das Problem liegt in der häufig bloß gespielten Lockerheit: Denn hier herrscht nicht nur der altbekannte Leistungszwang, hinzu kommen nun auch noch Gruppenzwang, Fröhlichkeitszwang, Optimismuszwang. So muss man sich beispielsweise am „Pyjama-Working-Day“ lächerlich machen und im Schlafanzug bei der Arbeit aufkreuzen. Wer da nicht mitmischt, ist bestenfalls ein Spielverderber und schlimmstenfalls heißer Anwärter für die nächste Kündigungswelle.

Wo der Chef als Puffer wegfällt, lastet der Leistungsdruck umso stärker auf den Schultern der Angestellten: Persönliche Kennziffern und Leistungsbarometer – oft werden sie öffentlich im Büro ausgehangen – ersetzen den früheren Befehlshaber: „Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen“, bemerkte dazu der Philosoph Gilles Deleuze. Wo früher der Chef seine Untergebenen herumkommandierte, um ihnen Disziplin einzutrichtern, kontrollieren sich die Untergebenen heute selbst.

Es ist das Panoptikum in Perfektion: Es braucht nur einen einzigen abstrakten Aufseher, nämlich den Arbeitszwang, um die Lohnsklaven im Zaum zu halten: „Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung“, wie der Philosoph Michel Foucault treffend feststellte.

Eiserne Machtverhältnisse mit hippem Anstrich

Die heutigen Lohnsklaven leiden am Stockholm-Syndrom, bei dem die Opfer von Geiselnahmen nach und nach ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen: Wir kuscheln mit unseren Chefs. Wir glauben ihnen, wenn sie von „Wachstum“, „Wettbewerb“ und „Standortsicherheit“ faseln und uns im gleichen Atemzug unser Gehalt kürzen, weil nur so „sichere Jobs“ möglich seien. All diese Dinge werden Konsens – sogar bei den Lohnsklaven selbst.

Die eisernen Machtverhältnisse haben lediglich einen hippen Anstrich erhalten. Nicht nur, dass wir seit jeher drangsaliert werden – heute müssen wir auch noch fröhliche Miene zum bösen Spiel machen. Und solange Manager wie Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, 8.055 Euro Stundenlohn bekommen, während gleichzeitig die Massen mit läppischen 8,50 Euro Mindestlohn abgespeist werden sollen, solange bleibt es ein böses Spiel.

Innerlich gekündigt

Vielleicht haben wir innerlich die Kündigung schon längst unterschrieben – was rund 24 Prozent der Beschäftigten in Deutschland bereits gemacht haben; weitere 61 Prozent machen Dienst nach Vorschrift, “so eine Gallup-Studie”:www.gallup.com/file/strategicconsulting/160901/Presse-mitteilung%20zum%20Engagement%20Index%202012_ –, doch äußerlich bleiben wir trotzdem Gefangene, unfähig, wir selbst zu sein oder „authentisch“ – jenes Zauberwörtchen, dessen Quintessenz wir mit jeder werbegeschwängerten Lifestyle-Limo zu uns nehmen. Die Botschaft der New Economy ist klar: „Hier herrscht der totale Spaß. Nicht dein Arbeitsplatz ist das Problem, nicht die kapitalistische Welt, nicht der unentwegte Leistungsdruck, sondern du bist das Problem! Du leistest zu wenig, du musst fitter und schneller werden, du musst dich optimieren.“ Wer diesen Irrsinn auch nur halbwegs zu kritisieren wagt, gilt als „Minderleister“.

Klar, wer immer in der glücklichen Lage ist, mehr als zwei Synapsen zu haben, der durchschaut das Kasperletheater. Dennoch versetzt uns das noch lange nicht in die Lage auszubrechen, wie Theodor W. Adorno in seiner Minima Moralia erkannt hat: „Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft.“

Schöne neue Arbeitswelt.

_Auszug aus dem neuen Buch: “Und, was machst du so?, Zürich: Rotpunktverlag, 2014, 168 S., 9,90 €”:http://www.rotpunktverlag.ch/cgibib/germinal_shop.exe/VOLL?session_id=35797&titel_nummer=63872&titel_id=63872&caller=rotpunkt_

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