Gott ist egal

Patrick Spät16.07.2013Gesellschaft & Kultur

Was ist der Sinn des Lebens? Gott jedenfalls nicht. Denn es ist vollkommen egal, ob Gott existiert oder nicht.

Warum leben wir? Für die Frage nach dem Sinn des Lebens gibt es kein Backrezept. Gäbe es eine definitive Antwort, so hätte sie sich nach Jahrhunderten der Suche bestimmt herumgesprochen. Jeder müsste sagen können: „Ja, das ist eindeutig der Sinn des Lebens!“ Demzufolge müssten alle Menschen diesen Sinn teilen, erkennen und akzeptieren können – und das ist offensichtlich unmöglich. Atheismus? Religion? Beide Positionen können keine Antwort liefern, denn beide Positionen fragen nach der (unbeantwortbaren) Frage vom Sinn des Lebens.

Es gibt keinen fundamentalen Halt oder Rettungsanker bei dieser Frage. _We’re lost in space._ Jede Antwort wird sofort wieder zur Frage. Und deshalb kann es keine endgültige und allgemeingültige Antwort geben. Wenn einer sagt: „X ist der Sinn des Lebens!“, dann kommt sofort ein Zweiter herbeigeeilt und fragt vollkommen zu Recht: „Und was bitte ist der Sinn von X?“

Die Frage nach dem Sinn

Das Leben hat keinen objektiv gültigen Sinn. Wenn Gott oder der „Heilsplan“ der Sinn sein sollten, wären wir in der Sinnfrage geradezu entmündigt. Wir wären ein bloßes Werkzeug für einen anderen Sinn. Dieser Zustand wäre erbärmlich. Jeder noch so schöne Sinn kann seinerseits keinen Sinn haben. Es gibt keinen Sinn des Sinns. Der nackten Sinnlosigkeit des Lebens können wir schon auf einer rein logischen Ebene kaum entrinnen. Es kann keinen objektiven und allgemeinverbindlichen Sinn geben. Jeder, aber auch jeder postulierte Sinn ist unhaltbar, da er seinerseits sinnlos sein muss.

Jeder dahergelaufene Quacksalber, der behauptet, den Sinn des Lebens gefunden zu haben, sieht sich mit dem sogenannten “„Münchhausen-Trilemma“”:http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchhausen-Trilemma konfrontiert: Nehmen wir eine Behauptung X, die den Sinn des Lebens erklärt und die nun begründet und vor allem bewiesen werden soll. Hierfür haben wir drei Möglichkeiten, die allesamt in Sackgassen führen:
# Unendliche Argumentationskette: Jede Aussage, die X begründet, muss ihrerseits wieder begründet werden. Dies führt zu einer unendlichen Argumentationskette. Beispiel: Der Sinn des Lebens ist das Glück! – Worin liegt der Sinn des Glücks? – Dass wir ein gesundes und schönes Leben führen! – Worin liegt der Sinn eines gesunden und schönen Lebens? – Dass wir keine Schmerzen erleiden und das Leben genießen! – Worin aber liegt der Sinn …?
# Zirkel: Jede Aussage, die X begründen soll, ist identisch mit X oder kommt in der Begründung bereits vor. Beispiel: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst! – Warum das? – Weil unser Leben nur dann einen Sinn haben kann, wenn wir leben!
# Dogma: Die Begründung für X läuft nicht auf eine unendliche Argumentationskette hinaus, sondern bleibt bei einem Dogma stehen. Beispiel: Der Sinn des Lebens ist Gott! – Was ist der Sinn Gottes? – Gott ist Anfang und Ende der Welt, Gottes Wege sind unergründlich, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Antwort auf alles und somit der Sinn des Lebens … basta!

Dem Münchhausen-Trilemma zufolge ist es unmöglich, den Sinn des Lebens dingfest zu machen, ohne sich dabei in einer unendlichen Argumentationskette, einem Zirkel oder einer dogmatischen Behauptung zu verfangen. Beim Sinn des Lebens gibt es nur Fragen, aber niemals eine endgültige Antwort. Es ist auch nicht möglich, dass das Leben einen verborgenen Sinn hat, den wir bloß nicht erkennen können. Nein. Das Leben kann schon rein logisch überhaupt keinen allgemeingültigen, endgültigen Sinn haben. Selbst Gott, der seit Generationen als Lückenbüßer für die Sinnleere herhalten muss, kann uns keine Antworten liefern.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Gott

Es gibt keine zwingenden Argumente für oder gegen die Existenz eines Gottes, eines Schöpfers oder andersartiger überirdischer Wesen. Deshalb laufen sowohl der Atheismus als auch der Gottesglaube in die Leere, sobald sie objektive Aussagen über unsere Welt treffen wollen: Für die Frage nach dem Sinn des Lebens ist es vollkommen egal, ob Gott existiert oder nicht! Gott mag konkret wie ein Apfelbaum oder eine bloße Illusion sein – beide Möglichkeiten haben keinerlei Bedeutung für den Sinn des Lebens. Selbst dann, wenn es einen Gott (oder viele Götter) gäbe, könnte er (oder sie, oder es) nicht der endgültige Sinn des Lebens sein. Wenn Gott der Sinn des Lebens ist, worin liegt dann der Sinn Gottes? Warum gibt es Gott? Wozu ist er da? Und wer oder was hat diesen Schöpfer geschaffen? Gott kann keinen Sinn haben, denn wir können jederzeit den Sinn Gottes infrage stellen.

Wenn es einen Gott gibt, dann wirft er Fragen über Fragen auf. Aber er gibt keine einzige Antwort. Müsste nicht ein allmächtiger, allwissender Gott den Sinn seiner eigenen Existenz kennen? Oder wüsste er – da er alles wüsste – ganz genau um die Absurdität seiner Existenz? Was würde Gott zum Sinn seiner und unserer Existenz sagen? Und stellen Sie sich einmal vor, Sie wären Gott: So allwissend Sie auch sein mögen, Sie könnten immer noch Ihr Handeln und Ihre Existenz infrage stellen. Gott kann also niemals die gesuchte Antwort auf den Sinn des Lebens sein – und für diese These ist es völlig egal, ob er existiert oder nicht. Die radikalste (und stimmigste) Position beim Hickhack um die Gottesfrage lautet einfach: Gott ist egal.

Patrick Späts Buch “„Das Leben – und der Sinn des Ganzen“”:http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-065-X.htm ist im Schmetterling Verlag erschienen.

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