Persönliche Daten sind das neue Öl. Andrew Keen

Die Wut wächst mit ihren Aufgaben

Die Berichterstattung zur #Occupy-Bewegung verkennt das Wesentliche: Die Protestierenden wollen den politischen Raum nicht umdekorieren, sondern kernsanieren.

Occupy Wall Street, Massenproteste in Israel, Generalstreiks in Griechenland, abgefackelte Autos in Europas Städten … Protestbewegungen weltweit. So unterschiedlich sie auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Die „da unten“ wollen denen „da oben“ zeigen, wo der Hammer hängt. Ja, es gibt sie – die Protestler zwischen Latte Macchiato und Kinder-Yoga.

So gerecht wie Dagobert und Donald Duck

Es gibt aber auch echte „Krisenkinder“, die trotz Studium, vier Fremdsprachen und vierhundert Bewerbungen keinen Job finden. Es gibt sie, die Reinigungskräfte, Friseure und Krankenpfleger ohne eigene Krankenversicherung, die ein Promille dessen verdienen, was ein Top-Manager einsackt. Es gibt sie, die Jugendarbeitslosigkeit, die in Griechenland (43 Prozent) und Spanien (45 Prozent) unerträgliche Ausmaße angenommen hat. Und es gibt sie, die oberen ein Prozent der US-Amerikaner, die ein Viertel des gesamten Einkommens verdienen und die die Hälfte aller Wertpapiere und des nationalen Vermögens besitzen.

Die gegenwärtige Verteilung des Geldes in der westlichen Welt ist so gerecht wie die Vermögensverhältnisse zwischen Dagobert und Donald Duck – von den Entwicklungsländern ganz zu schweigen. Die Protestierenden hegen keinen Futterneid, sie traumtänzeln (meist) auch nicht in sozialistischen Allmachtsfantasien, sie wollen schlichtweg ihren gerechten Teil vom Kuchen und nicht mehr mit Krümeln abgespeist werden. Das „System“ muss kernsaniert werden; der Politikwissenschaftler Bernard E. Harcourt spricht treffend von einem Politischen Ungehorsam.

Wir alle ahnen, dass eine neue „Stunde null“ naht: Das Finanzsystem röchelt nach Atem – und wird bald an seiner eigenen Ungerechtigkeit ersticken. Selbst die Reichsten der Welt haben das erkannt: Wenn Warren Buffett und gleich gesinnte Milliardäre eine Reichensteuer fordern, dann machen sie das nicht nur aus Barmherzigkeit. Vielmehr wissen sie, dass das heutige System zwangsläufig die Finanzsysteme und damit auch ihre eigenen Vermögen und Firmen ins Straucheln bringt. Die westlichen Regierungen – zumal unsere lethargische Bundesregierung – haben dieses Angebot freundlich-liberal ausgeschlagen … und jammern uns allabendlich in den Nachrichten vor, dass kein Geld zur Verfügung stehe.

Die Chance ist vertan

Vielleicht wird es noch ein paar Jahre dauern, bis die Damen und Herren Volksvertreter kapiert haben, welche Chance ihnen da entgangen ist. Diejenigen, die von der politischen Klasse „vertreten“ werden sollen, haben viel schneller geschaltet: Auf der Straße weiß man, dass das Geld da ist. Es ist bei all den Top-Managern, Börsenhaien und Promis, die man nur aus dem Fernsehen kennt, während das eigene Konto schneller an Wert verliert als die HRE-Bank – nur dass es für Otto Normalverbraucher keinen Rettungsschirm gibt. Er droht ins Bodenlose zu fallen. Ergebnis: Die Wut wächst mit ihren Aufgaben. Protestbewegungen von ungeahnten Ausmaßen stehen ins Haus – bleibt abzuwarten, ob Occupy und Co bloß eine Übungs- oder schon die Aufwärmphase sind.

Unter den Hunderten Plakaten der Occupy-Proteste gibt es eines, das wahrscheinlich mehr aussagt als dieser und alle anderen Artikel zum Thema. Es stammt vom Bürgerrechtler und Princeton-Professor Cornel West und bringt jenen Gedanken zum Ausdruck, der die Proteste eint: „Wenn doch nur der Krieg gegen die Armut ein echter Krieg wäre, dann würden wir auch wirklich Geld reinstecken.“ Wie simpel. Wie wahr!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Franz Sommerfeld, Dietmar Bartsch.

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