Was meiner Meinung nach kulturell immer gut ist: Barrieren niederreißen und Klischees widerlegen. Cameron Carpenter

Alle gegen alle

Die deutschen Bildungsdebatten gehen am Kern vorbei. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen fit fürs Leben machen – das ständige Misstrauen zwischen Bund und Ländern behindert uns bei dieser Aufgabe nur.

Wir führen in Deutschland abgehobene Bildungsdebatten, die weit weg von der Realität der Menschen sind. Es werden ideologische Schlachten geschlagen – um Einheitsschulen und gegliedertes Schulsystem, um Bundeszuständigkeiten und Länderhoheiten, um Breitenförderung gegen Begabtenförderung.

Schüler, Eltern und Lehrer haben allzu häufig das Gefühl, nur Spielball irgendwelcher Parteiprogramme, neuer Projekte oder einer fernen Kultusbürokratie zu sein.

Schluss mit dem Misstrauen

Der Grundfehler in unserem Denken ist: Der Bund misstraut den Ländern in Sachen Bildung, die Länder misstrauen den Städten und Gemeinden, diese wieder misstrauen den Schulen. Damit muss Schluss sein. Nicht in irgendwelchen Hinterzimmern von Amtsstuben wird die beste Bildungsförderung für den Einzelnen entschieden, sondern vor Ort in den Schulen und Klassen.

Eine zentrale liberale Bildungsforderung ist deswegen: Gebt den Schulen endlich Gestaltungsfreiheit – bei allen wichtigen Entscheidungen. Nur so bekommen wir auch die beste Förderung der Talente jedes Einzelnen. Und das heißt: Die beste Förderung für unsere schwachen Schüler und die beste Förderung für unsere starken Schüler.

Ich erlaube mir eine zweite These aufzustellen: Nicht die Schulform ist entscheidend, sondern wer unterrichtet. Wir brauchen Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, die für ihre Aufgabe brennen und darin gesellschaftliche Wertschätzung erfahren. Die beste Bildung steht und fällt damit, ob wir die Besten der Besten dazu animieren, Pädagogen zu werden. Ich ärgere mich ständig darüber, wie mit unseren 750.000 Hauptschülern in Deutschland umgegangen wird. Sie werden als Restschüler abgestempelt – und das soll es sein?

Und deswegen meine dritte These: Wir müssen in Deutschland endlich einmal wieder eine Diskussion darüber führen, was in der Schule unterrichtet wird, welche Werte und Grundhaltungen vermittelt werden und mit welcher Lebenstauglichkeit junge Menschen eine Schule verlassen. Die Schule darf nicht zum Wissensvermittler verkommen, sondern hat auch einen Erziehungsauftrag – nicht anstelle der Eltern, sondern in Ergänzung. Es gilt: Schule muss aufs Leben, auf den Alltag, auf die Welt um uns vorbereiten. Sonst versagt sie.

Fit fürs Leben

Ein Schüler, der seine Schule mit einem Abschluss verlässt, sollte sein Leben meistern können. Es geht um so bodenständige Dinge wie richtig lesen und schreiben, Bewerbungen verfassen, mit seinem Geld haushalten, für sein eigenes Leben vorsorgen, sich richtig benehmen, sich organisieren können – kurz und bündig: Fit fürs Leben sein.

Das muss Aufgabe von Schule in jedem Unterrichtsfach sein – in Deutsch genauso wie in Gemeinschaftskunde, in Religion und Ethik genauso wie in einem lebensnahen Fremdsprachenunterricht. Dies ist Auftrag einer Schulgemeinschaft insgesamt – im engen Kontakt von Schülern, Eltern und Lehrern.

Das heißt aber auch, genau hinzusehen, sich um andere zu kümmern und Signale zu erkennen. Solange wir in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten haben, läuft auch in unseren Schulen etwas böse schief.

Selbstverständlich brauchen wir im Rahmen von Ganztagsschulangeboten praxisnahe Kurse. Denn genau das ist das Ziel zusätzlicher Angebote in Ganztagsschulen. Aufs Leben vorbereiten.

Und ich rate dringend dazu, den Kontakt zu Betrieben und Firmen über Praktika deutlich auszubauen. Je mehr Kontakte ein junger Mensch in die ganz „normale“ Arbeitswelt hat, desto besser ist er für seinen Alltag geschult. Und je mehr wir Praktiker in die Schule holen, umso lebensnaher gestaltet sich auch der Schulalltag. Dafür muss genügend Raum in den Lehrplänen sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sandra Scheeres, Kaija Landsberg, Kai Gehring.

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