Kinderkriegen wird zur Privatsache gemacht. Malte Welding

Vorwiegend gefürchtet

Die Muslimbrüder sind eine der mächtigsten Organisationen der islamischen Welt. Das macht sie zum gefürchteten Gegner und machtvollen Verbündeten. Sie sind auch in Deutschland aktiv, beobachtet vom Verfassungsschutz.

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März 2003: Der Angriff der USA auf den Irak steht kurz bevor, die ägyptische Regierung will ein Zeichen des Protestes setzen. Die einzige Gruppierung des Landes, die in der Lage ist, innerhalb kurzer Zeit eine Massendemonstration zu organisieren, sind die Muslimbrüder – die verbotene, aber dennoch mächtigste politische Organisation des Landes nach der Nationaldemokratischen Partei von Präsident Hosni Mubarak. Es ist das einzige Mal während der vergangenen Jahrzehnte, dass die Regierung diesen Gegner von der Leine lässt. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes und für den westlichen Fernsehzuschauer zugleich verstörendes Bild: Rund 100.000 Demonstranten, verschleierte Frauen und bärtige Männer mit dem Koran in der Hand, füllen das Fußballstadion in Madinat Nasser, einem Vorort von Kairo.

Offene soziale Ungleichheit

Gründer der Muslimbrüder war im Jahr 1928 Hassan al-Banna, ein Volksschullehrer. Er hatte in Kairo studiert und 1927 seine erste Stelle in Ismailiya angetreten, einer kleinen Stadt am Suez-Kanal. Dieser gehörte damals den Briten und Franzosen. Der Einfluss der europäischen Kultur auf das soziale und kulturelle Leben war in dieser Gegend besonders stark. Eine kleine ägyptische Oberschicht ahmte die Lebensweise der Ausländer nach. Der Großteil der Einwohner von Ismailiya war jedoch zu arm, um an diesem Leben teilzuhaben. Diese offenkundige soziale Ungleichheit wurde zu einer der Motivationen von Al-Bannas Handeln. Zudem sah er seine Religion als bedroht an. Er war der Meinung, die religiösen Autoritäten unternähmen nicht genug, um den Islam zu schützen.

Im Jahr 1928 gründete er gemeinsam mit sechs seiner Anhänger die Muslimbrüder. Al-Banna schrieb, nun solle eine neue Generation von Muslimen erzogen werden, die den Islam korrekt verstehe. Den Staat als solchen lehnte er dabei nicht ab. Er wollte ihn von innen heraus verändern und somit dazu beitragen, dass Ägypten den Einfluss der europäischen Mächte würde abschütteln können. Während der 1930er-Jahre engagierten sich die Muslimbrüder vor allem in der Jugenderziehung, sozialen sowie karitativen Einrichtungen und machten Öffentlichkeitsarbeit. Tätigkeiten, die sie auch heute noch ausüben.

Gewalt nur als letztes Mittel

Ihr erstes politisches Ziel war, alle Gesetze aufzuheben, die dem islamischen Recht, der Scharia, widersprachen. Sie sollte das Fundament des gesellschaftlichen, politischen und sozialen Lebens sein. In einem zweiten Schritt wollten die Muslimbrüder das Mehrparteiensystem abschaffen. Am Ende sollte ein alle islamische Länder umspannendes Weltreich entstehen unter der Führung eines Kalifen.

Gewalt war für Al-Banna dabei nur als letzter Ausweg legitim. Trotzdem wurden einige Teile seiner Organisation militanter: 1948 ermordete ein Muslimbruder den ägyptischen Ministerpräsidenten Mahmud Fahmi an-Nukrashi Pasha. Die Regierung verbot die Organisation. Ein Jahr später wurde Al-Banna erschossen, angeblich vom Geheimdienst. Er befand sich damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität, die Muslimbrüder waren die bedeutendste politische Organisation des Landes. Als 1954 ein Mitglied vergeblich versuchte, den Präsidenten Ägyptens, Gamal Abdel Nasser, zu töten, reichte es dem ägyptischen Staat. Er übte starken Druck auf die Muslimbrüder aus, ließ Mitglieder verhaften und umbringen, so 1965 auch Saiyid Qutb, einen der wichtigsten Vordenker des radikalen politischen Islams.

Hatte sich die Organisation bereits gegen Ende der 1930er-Jahre in die arabischen Nachbarländer ausgebreitet, so zog es sie nun zunehmend nach Europa, besonders nach Deutschland. Nirgendwo anders gelang es der Organisation über die Jahre hinweg so gut, sich auf der politischen Bühne zu etablieren und als seriöser und gemäßigter Gesprächspartner zu präsentieren. Dem Verfassungsschutz zufolge, der die Muslimbrüder beobachtet, leben heutzutage 1.300 seiner Mitglieder und Anhänger in Deutschland unter dem Dach der “Islamischen Gemeinschaft in Deutschland” (IGD).

Großen Einfluss auf deren Verständnis vom Leben hierzulande dürfte eine Schrift des bedeutenden islamischen Gelehrten und Muslimbruders Yusuf al-Qaradawi haben. Dieser veröffentlichte 1990 ein Buch, in dem er schilderte, wie er sich das Leben von Muslimen im Ausland vorstelle. Zunächst warnte er, dass muslimische Minderheiten ihre islamische Identität verlieren könnten. Gleichzeitig seien diese Minderheiten aber auch empfänglich für Propaganda. Er rief dazu auf, muslimische Gettos zu bilden – eine Parallelgesellschaft mit eigenen Einrichtungen für Religion, Bildung und Freizeit. Verschiedene Abteilungen des Verfassungsschutzes stellen immer wieder fest, dass die Muslimbrüder diese Anweisungen offenbar zu befolgen suchen. So machte die IGD deutlich, dass deutsche Muslime sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben könnten, alle Teile des deutschen Rechtssystems anzuerkennen: Für Muslime solle deshalb eine gesonderte Gerichtsbarkeit in Deutschland geschaffen werden. So extrem diese Standpunkte sein mögen, in der Wahl ihrer Mittel sind es die Muslimbrüder nicht – wenn sie Al-Qaradawi folgen. Der empfahl nämlich friedliche Mission und Dialog.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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