„Am Ende bleiben die Briten vielleicht sogar in der EU – nicht mal das ist ausgeschlossen.“

Patrick Bernau18.12.2018Wirtschaft

Patrick Bernau zählt zu den erfolgreichsten Journalisten Deutschlands. Der Leiter des Wirtschaftressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärt im Interview den neuen Aufschwung der Kulturelite, die Folgen der Finanzkrise und warum die Briten vielleicht am Ende doch in der EU bleiben könnten.

_Sehr geehrter Herr Bernau, Sie sind Nachfolger von Rainer Hank als Leiter des Wirtschaftsteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Zuvor studierten Sie Volkswirtschaft und sind darüber hinaus Mitglied des Kuratoriums im Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Inwieweit haben Hirnforschung und Ökonomie miteinander zu tun?_

Das ist etwas ganz anderes und deshalb für mich auch sehr spannend. Das Max-Planck-Institut beschäftigt sich vor allem mit der Frage, wie Nervenzellen und Gehirn funktionieren. Als Volkswirt hätte ich da erst mal wenig beizutragen, freue mich aber über kostenlose Vorlesungen, die wir bekommen. Am Schluss ist aber auch ein Max-Planck-Institut in gewisser Weise ein Unternehmen und hat Themen, wie sie sich auch anderen Organisationen stellen. Darüber kann man sich austauschen, was auch mein Job als Kurator ist.

_An der Freien Universität Berlin habe ich mich vor drei Jahren mit dem dortigen Professor für Neuroökonomik unterhalten, die man ja als Schnittstelle von Hirnforschung und Ökonomie verstehen kann. Sein Ansatz war das sogenannte Nudging. Es geht dabei um ein sanftes Stupsen, um Menschen einen Anreiz zu geben, ihr Verhalten zu ändern, sich zu disziplinieren und Regeln zu befolgen. Spielt das am Max-Planck-Institut vielleicht eine Rolle?_

Nudging ist ein sehr aktuelles Thema, spielt aber dort am Max-Planck-Institut eher keine Rolle. Da geht es eher darum, beispielsweise Netzwerke von Nervenzellen zu kartographieren. Einer der Direktoren hat zum Beispiel die Netzhaut einer Maus analysiert, auch das ist Nervengewebe. Es geht auch um die Art und Weise, wie beispielsweise Tiere lernen. Da findet in der Tat eher Grundlagenforschung statt, um anwendungsorientiertes Nudging geht es nicht. Es ist von der praktischen Anwendung weit entfernt, aber genau für diese Grundlagenforschung leisten wir uns ja die Max-Planck-Institute: Damit man Fragen untersucht, von denen noch nicht klar ist, was sie bringen – aber die vielleicht ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

_Um jetzt zur F.A.Z. zu kommen. Sie ist ja sowohl im Print- als auch im Online-Auftritt das große Leitmedium. Um eine These des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz aufzugreifen, muss ja nicht zwangsläufig eine Kannibalisierung zulasten der Printmedien durch Onlineauftritte stattfinden, sie könnten sich demgemäß ergänzen und gar positiv befruchten._

Wir verstehen uns schon lang bei der F.A.Z. als Gemeinschaft, die unter einer Marke gut zusammenarbeitet. So kommen wir heute auf eine Anzahl an Lesern, die wir uns vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht einmal hätten träumen lassen. Heute erreichen die Produkte der F.A.Z. crossmedial mehr Entscheider als jemals zuvor. Das greift alles sehr gut ineinander.

_Fast jede große Zeitung – ob die FAZ oder die Süddeutsche – hat ja neben Internetauftritt und täglicher Printausgabe noch Hochglanzmagazine, die etwas seltener erscheinen, so zum Beispiel bei der F.A.Z. Quarterly. Offenbar läuft der Printmarkt doch recht gut._

Da würde ich Ihnen nicht widersprechen.

_Wachstum, das wissen Sie als Ökonom, funktioniert ja nicht als Nullsummenspiel nach dem Motto „was einer verliert, gewinnt der andere“, sondern eher wie ein Fraktal, das sich entblättert. Sie erwähnten vor dem Interview als Beispiel, dass Zinsen durchaus naturalistisch begründet wurden in antiken Zeiten am Beispiel einer verliehenen Kuh, die während der Leihe kalben wird und allein daher einen natürlichen Mehrwert repräsentiert. Wie kann ein Wirtschaftsredakteur komplexe Phänomene der Wirtschaft herunterbrechen und veranschaulichen, wie Sie dies mit der Kuh taten? Wie erklärt man beispielsweise Digitalisierung?_

Das ist ja gerade ein wichtiges Thema, wenn es um Fragen der Digitalisierung geht. Wir versuchen immer wieder zu zeigen, wo neue Unternehmen und Arbeitsplätze entstehen. Gerade erst hat meine Kollegin Corinna Budras ein Künstliche-Intelligenz-Start-Up aus Köln vorgestellt, das ziemlich gute Übersetzungen schafft. Es ist natürlich eine ur-journalistische Aufgabe, solche neuen Unternehmen vorzustellen. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie die Digitalisierung neue Unternehmen und neue Arbeitsplätze bringt. Das heißt andererseits nicht, dass alles gut wäre. Auch auf die Probleme müssen wir immer wieder schauen.

_Haben es wirtschaftlich versierte Politiker wie Friedrich Merz schwer im Lande? Es scheint ja so zu sein, dass gutverdienende Menschen, wenn sie denn in die Politik gehen und dann noch – wie Merz – den Kauf von Aktien für die Altersvorsorge propagieren, kritisch beäugt werden? Ist das ein Mentalitätsproblem in Kontinentaleuropa, das es so in England und den USA nicht gibt? Und woher kommt es?_

Es wäre ja mal ein Dissertationsprojekt, nach den Gründen zu suchen. Mein Halbwissen sagt: Es scheint so etwas wie eine historische Kränkung der Kulturelite in Deutschland gegeben zu haben. Einst waren Unternehmer oft auch Universalgelehrte, aber das hat sich irgendwann aufgespalten: Die Wirtschaftselite war nicht immer kultiviert, gleichzeitig war die kulturelle Elite nicht immer wirtschaftlich erfolgreich. Dies führte zu einer tiefen Kränkung aufseiten der Bildungselite. Warum das in Kontinentaleuropa heute stärker ausgeprägt ist, bedarf einer genaueren Forschung. Vielleicht hat es mit der Geschichte zu tun: In den USA benötigte man den alerten Unternehmer, um den Kontinent überhaupt zu bewirtschaften. Außerdem sind wahrscheinlich vor allem risikofreudige Europäer in die USA ausgewandert, was den Effekt noch verstärkte. Hätten Sie eine Antwort?

_Das ist ein schwieriges Thema. Möglicherweise liegt es an der unterschiedlichen Ausprägung, wie eine Kultur auf das Verhältnis von Interesse und Gemeinwohl reagiert. Hierzulande scheint Interessenvertretung grundsätzlich etwas Unanständiges beigemessen zu werden._

Damit wäre nicht beantwortet, warum zwischen Kontinentaleuropa und anglo-amerikanischer Mentalität so ein Unterschied besteht.

_Ablösesummen und Gehälter für Fußballer haben hierzulande ab einer gewissen Höhe ja auch einen Beigeschmack, ganz im Unterschied zu England, die zahlen „whatever it takes“, weshalb sie ja auch die besseren Spieler bekommen. Nicht Moral, sondern Pragmatismus entscheidet hier._

Bei DAX-Konzernen ist es ja auch so. Oberhalb von zehn Millionen Euro im Jahr wird es schwierig, das zu vermitteln.

_So gibt es ja auch bei Wirtschaftsethikern Maßzahlen: die Schule von St.Gallen besagt, dass Faktor 25 also das Maximale sei, was ein Vorstand im Vergleich zu den einfachen Angestellten verdienen dürfe._

Wenn der Staat jetzt aber so einen Faktor zum Gesetz macht, setzt er falsche Anreize: Einige Unternehmen werden schlecht bezahlte Tätigkeiten an einen spezialisierten Dienstleister outsourcen und so ihre Durchschnittslöhne erhöhen.

_Erleben wir zurzeit einen Paradigmenwechsel in der Politik zugunsten eines Überbietungswettbewerbs der Parteien in der Sozialpolitik als Kehrtwende weg von der Agenda 2010 (SPD) und dem Leipziger Parteitag (CDU)?_

Ja. Ich sehe sogar zwei ziemlich deutliche Gründe. Der erste ist die Finanzkrise, die liefert die intellektuelle Begründung: Ökonomen haben Fehler gemacht, der Kapitalismus ist in Verruf geraten. In vielen Ländern bleibt das Wachstum nach einer Finanzkrise lange schwach. Das liegt nicht an den Spätfolgen der Krise, sondern vor allem an der neuen Regulierung und zusätzlicher Sozialpolitik. Der zweite Grund ist, dass Arbeitsplätze zurzeit nicht das Hauptproblem der Wähler sind. Dabei sind die Probleme wahlentscheidend, Angst ist ein starker Treiber. Deshalb vernachlässigen wir gerade, dass man den Wohlstand erarbeiten muss, bevor man ihn verteilen kann. Aber ans Erwirtschaften zu denken, gilt zurzeit a) als anrüchig und b) als unnötig.

_Verbesserung der Wirtschaftsstruktur als Luxusproblem?_

Ja, das kann man so sagen. 2003 hatte jeder Angst vor Arbeitslosigkeit. Heute ist das anders. Heute heißt es: Lieber gar keinen Job als einen schlecht bezahlten.

Jeder könnte als Student heute gar bummeln, da es ja einen Fachkräftemangel gibt…

Das bleibt vielleicht sogar in der nächsten Rezession so. Natürlich haben Konjunktur und Hartz-Reformen den Arbeitsmarkt deutlich verbessert, aber er wurde auch von demographischer Seite entlastet. Das wurde mir schon 2004 prophezeit: 2008 sei die Ausbildungslücke geschlossen, weil es dann weniger Schulabgänger gebe – schließlich gingen in Ostdeutschland 1990 die Geburten zurück. Wir haben das dann gar nicht bemerkt, weil alles von den Hartz-Reformen und dem allgemeinen Aufschwung überlagert wurde.

_Themenwechsel: im kommenden Jahr wird der Posten des Präsidenten der EZB neu besetzt. Wer sind die möglichen Kandidaten zur Nachfolge Draghis?_

Dafür gibt es so viele Kandidaten, dass man die nicht mehr einzeln durchgehen kann. Auch ob Bundesbank-Präsident Jens Weidmann komplett aus dem Rennen ist, kann man nicht sagen. Vielleicht wird auch in einer Nachtsitzung ein Kandidat aus dem Hut gezaubert, den niemand vorher auf der Rechnung hatte. Das hängt auch davon ab, welche Personalpakete geschnürt werden. Ich gebe ein Beispiel: Vor sechs Wochen hätte jeder einen Iren als EZB-Präsident ausgeschlossen, schließlich war eine Irin die aussichtsreichste Kandidatin für den Chefposten der EZB-Bankenaufsicht. Jetzt aber hat diesen Job ein Italiener bekommen. Also sind auch Iren wieder für die EZB-Präsidentschaft im Rennen.

_Wird die EZB weiterhin die eine Niedrigzinspolitik verfolgen? Sind wir in einer Falle wie zum Beispiel auch Japan, das seit einer Generation praktisch eine 0-Zins-Politik verfolgt?_

Ja, wir sind da ein Stück weit in der Falle. Wer immer nächster EZB-Präsident wird, wird die Zinsen kaum erhöhen können – eben aus den genannten Gründen. Staaten und Unternehmen kämen in Schwierigkeiten. Und dann stößt Draghis Nachfolger noch auf andere Hürden, die Zinserhöhungen erschweren: zum Beispiel Trends in der Notenbank-Ökonomik, gegen die man sich im EZB-Rat als Notenbankpräsident auch erst einmal durchsetzen müsste. Und einige fundamentalwirtschaftliche Trends. Zinsen haben ja auch immer mit Geburtenraten zu tun.

_Inwieweit haben Zinsen etwas mit Geburtenraten zu tun? Könnten Sie diesen Punkt genauer erläutern?_

Je höher in einer Volkswirtschaft die Geburtenraten sind, umso höher sind die langfristigen Zinsen – ceteris paribus. In einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung gibt es relativ viele alte Menschen mit Ersparnissen und wenige junge, die mit einem Kredit ein Haus bauen oder eine Existenz gründen wollen. Ich vereinfache hier. In meinem Studium habe ich wohl fünf Dutzend makroökonomischer Modelle durchgerechnet und stets war der Zins proportional zum Bevölkerungswachstum.

_Sie sagen es: Japan ist ja sehr überaltert, hat die weltweit älteste Bevölkerung, soweit ich mich erinnere. Das würde ja einige Aspekte durchaus erklären, wohingegen die USA stabile Geburtenraten von rund 2,00 Kindern pro Mutter haben. Sie können es sich trotz hoher Staatsschulden also leisten, Zinsen nach oben hin anzupassen._

Natürlich haben die Geburtenraten am Ende nur indirekt mit den Zinsentscheidungen der Notenbank zu tun. Die Notenbank richtet sich mehr nach kurzfristigen Kriterien. Und die hohen Schulden sind tatsächlich ein Problem.

_Ein EZB-Präsident könnte also sehr wenig ändern, selbst wenn er wollte._

Ja. Die Inflation ist auch nach wie vor niedriger, als man erwarten würde – zumindest die Inflation der Güterpreise. Warum das so ist, hat noch niemand verstanden. Am Ende würde vielleicht auch Weidmann die Zinsen nicht weit erhöhen. Man weiß ja nicht mal, ob er dann mehr das Amt prägen würde oder mehr das Amt ihn. Als Bundesbankpräsident hat er zum Beispiel eine viel härtere Linie vertreten als vorher. Wie Person und Institution einander verändern, ist eine interessante Frage.

_Der Standard, der vorgibt, was und wie ein EZB-Präsident zu sein hat, wurde vorgeprägt durch die Amtsvorgänger Duisenberg, Trichet und Draghi. Sie geben der jungen Institution sozusagen eine Form, der sich eine Einzelperson in puncto „Beinfreiheit“ unterzuordnen hat. Wer es nun auch wird, kann nicht 1:1 das tun, was ihm vorschwebt. Sehe ich das richtig?_

Das bei der EZB zu beobachten, wird spannend. Ich weiß nicht, ob die Draghi-Prägung bleibt. DIW-Präsident Marcel Fratzscher zum Beispiel stammt aus der EZB und argumentiert ganz anders, als das Weidmann täte. Andererseits war die EZB zu Zeiten von Jean-Claude Trichet und Otmar Issing deutlich härter. Ich weiß nicht, wie fest die Tradition der EZB schon ist.

_Man könnte ja argumentieren, Fratzscher habe jetzt, da er DIW-Chef ist, eine andere Rolle. So wie Götz George auch schauspielerisch verschiedene Rollen einnahm, ist die eines Notenbankers anders als die eines DIW-Leiters… Zu Fratzscher: über beinahe zwei Jahrzehnte war Hans Werner Sinn der unumstrittene Meinungsführer in ökonomischen Fragen. Wer ist es heute? Fratzscher, Fuest, Sinn oder Christoph Schmidt?_

Das ist einfach. Wir rechnen für die F.A.Z. jedes Jahr in einem Ranking aus, welcher Ökonom die stärkste Wirkung entfaltet. Jetzt muss ich nur in die Tabelle schauen. Auf Platz 1 liegt seit derzeit Ernst Fehr, einfach weil wir auch den wissenschaftlichen Einfluss hoch gewichten. Dahinter kommt Clemens Fuest, dann Fratzscher und dann schon Sinn, der für einen Emeritus noch unglaublich einflussreich bleibt. Dahinter kommt dann eine Gruppe von Ökonomen, zu der auch Christoph Schmidt zählt. Diese sind einigermaßen einflussreich, aber aus dieser Gruppe hinter den Top 4 ragt keiner an Einfluss heraus. Fuests Rang ist schon herausragend. Auch in Gesprächen mit Politikern und Regierungsbeamten festigt sich mein Eindruck, dass Clemens Fuest heute vorn liegt.

_Jetzt zum Thema Brexit, der unmittelbar bevorsteht. Was werden die Folgen sein? Werden die Frankfurter und Wiesbadener Immobilienmakler frohlocken, da die Banker und Broker aus der Londoner City direkt nach Hessen ziehen werden?_

Das hoffen wir natürlich. (Bernau lacht) Das wäre auch für Frankfurt gut.

_Werden wir uns mit einer südeuropäischen Mehrheit auseinandersetzen müssen, was das Verständnis von Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik betrifft?_

Da ist eine Gefahr. Wenn die Briten die EU verlassen, fehlt eine wichtige Stimme für den Wettbewerb. Die hat in Euro-Entscheidungen schon immer gefehlt, künftig fehlt sie auch in EU-Entscheidungen. Aber warten wir mal ab. Im Moment können wir ja gar nichts sagen. Am Ende bleiben die Briten vielleicht sogar in der EU – nicht mal das ist ausgeschlossen.

_Während meines Politikstudiums hatte ich einen Professor für vergleichende Regierungslehre, der die Fähigkeit der Briten hervorhob, durch Umwege Institutionen irgendwie zu bewahren – man denke an das politisch seit schon 200 Jahren bedeutungslos werdende Königshaus, an die roten Doppeldeckerbusse, die Beat-Musik. Die Briten halten stets Institutionen am Leben, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Vielleicht wird ja auch der Brexit so gemanagt…_

Das ist auch gut möglich. Aber es in der Tat eine schöne Beobachtung, wie die Briten ihre Institutionen erhalten und dennoch Fortschritte mitvollziehen.

_Zum Thema Wohneigentum. In Städten wie Frankfurt und München ist Wohnen zunehmend eine Sache für die obere Mittelschicht geworden, um es vorsichtig zu formulieren. Wie kann man dem entgegenwirken, damit nicht gar Londoner oder Pariser Verhältnisse hierzulande entstehen?_

Bauen. Bauen. Bauen. Man könnte fast sagen: „Bau, Baby, bau.“ Die Städte brauchen einfach Wohnungen, weil immer mehr Menschen in die Stadt wollen. Dafür gibt es gute Gründe, nicht nur den Internetanschluss. Es gibt dort spannendere und besser bezahlte Arbeitsplätze, eine größere Auswahl an Lebenspartnern und vieles mehr. Außerdem ist das Leben in der Stadt ökologisch vorteilhaft. Insofern bleibt uns nichts, als Baugebiete auszuweisen und zu bauen. Dann kommen die Detailfragen: Wie viele Sozialwohnungen sind nötig? Braucht man Steuererleichterungen für Bauunternehmen? Aber das alles ist zweitrangig, das Bauen selbst ist ja schon schwer genug. Zu fast jedem neuen Baugebiet gibt es eine Bürgerinitiative, die dagegen kämpft. Und Bauarbeiter findet man auf dem aktuellen Arbeitsmarkt sowieso kaum.

_Frankfurt oder Berlin könnten sich also auf die Peripherie ausdehnen. Was bisher Stadtrand oder gar Ackerland war, wird dann urban?_

Ja, bleiben wir in Frankfurt: Da gibt es eine große Diskussion um neue Baugebiete, und in der Innenstadt entstehen Wohnhochhäuser. In Berlin wird über die Aufstockung auf eine höhere Traufhöhe gesprochen. Die Wege sind unterschiedlich, wie man zu zusätzlichen Wohnungen kommt. Aber man benötigt einfach einmal Platz für diese Menschen. Den bringt auch die Mietpreisbremse nicht. Der Mangel bleibt ja bestehen. Manchmal denke ich trotzdem: So schlecht geht es den Deutschen noch nicht, sie wohnen ja trotzdem auf immer mehr Fläche. Das liegt auch daran, dass sich das Umziehen nicht lohnt. Wer sein großes Haus nicht mehr braucht und sich stattdessen lieber eine kleinere Wohnung kaufen möchte, der hat mindestens 20.000 Euro Transaktionskosten für Notar, Makler und Steuern. Für Mieter ist es so ähnlich: Die Altmietverträge sind so gut geschützt, dass die Mieten dort oft sehr niedrig sind. Dann wird es sehr teuer, einen neuen Mietvertrag abzuschließen. Der Immobilienmarkt verkrustet. Darunter leiden die jungen Leute und die jungen Familien, die jetzt auf den Immobilienmarkt kommen.

_Vielleicht werden wir bald italienische Verhältnisse haben, wo 35jährige noch bei Mama wohnen…_

Hoffentlich nicht.

_Sie als Volkswirt kennen ja das Problem der Modellierung von Aggregaten. Funktionen bilden den Schwerpunkt ab, setzen auf ein durchschnittliches, normales Verhalten von Akteuren, sie fassen sozusagen die vielen Varianten in einem Schwerpunkt zusammen. Dies tun Modelle ja stets. Wie kann man beispielsweise in wankelmütigen, flatterhaften Zeiten mit vielleicht irrationalen Akteuren wie Donald Trump Aussagen treffen?_

Moment. Die Spieltheorie kann sogar irrationales Verhalten modellieren.

_Aber wenn sich ein Akteur – ob absichtlich oder nicht – mal irrational, mal rational verhält, ist das ja das Gegenteil dessen, was wir in der Politik gern als Stabilitätsgarant oder soliden Partner bezeichnen._

Unberechenbarkeit kann manchmal die beste Strategie sein. In Nordkorea zum Beispiel: Kim hat man alles zugetraut, auch die größten Verrücktheiten. Das war für ihn ein Verhandlungsvorteil, sagt mancher Spieltheoretiker. Also, was taugen Modelle? Mehr, als man denkt. Die Ökonomik betrachtet nicht immer nur den Durchschnitt, sondern immer öfter auch Teilgruppen. Trotzdem wissen wir natürlich alle, dass vor der Finanzkrise einige Modelle nicht richtig funktioniert haben.

_Extrem ausgedrückt: wäre es eine Option, Modellierung ganz bleiben zu lassen? Ich provoziere jetzt etwas mit einer solchen Frage. Man denke an die Prognosen zu Trumps Wahl und dem Brexit._

Auch die Meinungsforscher sind schon besser geworden. Inzwischen treffen sie den Stimmenanteil der AfD recht zuverlässig. Ja, wir brauchen Modelle und Prognosen. Prognosen sind ja sogar dann hilfreich, wenn sie total daneben liegen. Dann hat man hinterher wenigstens einen Vergleichspunkt und kann gucken, wo der Fehler war – schon versteht man neue Phänomene besser. Abgesehen davon benötigen viele Ministerialdirigenten und Angestellte im mittleren Management Modelle, um ihre Planungen aufzustellen. Wie es ohne Prognosen war, das haben wir während der Finanzkrise gesehen. Damals haben viele Unternehmen ihre Prognosen verweigert. Das war auch nicht gut.

_Könnte die Ablehnung des Modells an der Urangst vor Mathematik liegen, die viele Menschen seit ihrer Schulzeit umtreibt? So nach dem Motto: das Rechnen lag mir nie, also freut es mich, wenn der Rechner irrt._

Das klingt einleuchtend. Ich glaube auch, dass Mathematiker weniger Modellschelte betreiben als Ökonomen. Schließlich kommt die Modellierung eher aus der Mathematik als aus der Wirtschaftswissenschaft selbst. Die spektakulär falschesten Modelle waren auch eher solche von Mathematikern. Vielleicht ist auch diese Frage noch mal ein geeignetes Dissertationsthema. Wenn wir dieses Interview durchgehen, finden wir sicher Themen für fünf Doktoranden.

_Ich danke Ihnen für das Interview, Herr Bernau._

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