Nur Staaten erzeugen die notwendige Stabilität. Gleichzeitig können sie der Quell allen Übels sein. Francis Fukuyama

Zweifel am Leitmotiv

Die europäische Finanzkrise ist schlimm genug. Schlimmer aber: Die Finanzkrise ist zu einer Krise der Moral und Solidarität geworden. Und deren Folgen sind für das Projekt Europa unabsehbar.

Viele sind überwältigt von der europäischen Finanzkrise. Aber nur wenige bedenken, dass eine europäische Moralkrise mit ihr einhergeht. Als sich Korruption breitmachte, Gelder veruntreut, und verantwortungslose Fehler in der Marktwirtschaft gemacht wurden, waren dies die Vorzeichen einer drohenden Währungskrise. Und: Es waren Zeichen, die niemand ernst genommen hatte. Dabei wurde, anstatt eine Moralkrise abzuwenden, diese umso mehr durch die gesellschaftlichen Folgeschäden der Krise begünstigt: in vielen europäischen Ländern wächst die Armut und mit ihr die Selbstmordrate; Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit sind an der Tagesordnung.

Ohne Solidarität kein Frieden

Solidarität beruht auf dem Freiheitswillen des Einzelnen, auf dem Willen nach Gleichheit und Gerechtigkeit zwischen den Völkern – gegen die Erniedrigung des anderen. Solidarität ist ein Bekenntnis zur Empathie, bei der der andere von gleichem Wert ist wie man selbst. Nicht zuletzt ist es diese Form der Solidarität, die als unentbehrlich gilt für den Frieden in der Welt. Die Verfassung der UNESCO von 1945 erklärt: „Ein Frieden, der ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen zwischen Regierungen beruht, wird kein Friede sein, der die einhellige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt findet. […] Wenn er nicht scheitern möchte, muss der Friede auf der geistigen und moralischen Solidarität der Menschen gegründet sein.“ Dieses Paradigma spiegelt sich auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 oder im Vertrag von Lissabon wider. Solidarität ist gleichermaßen mit Freiheit und Menschenwürde verbunden wie mit der Erkenntnis, dass der Mensch endlich ist. Ob die Verwundbarkeit des Menschen bei Naturkatastrophen, Elend und Folter, ob die Misshandlungen von Frauen und Versklavung von Kindern – all dies ruft nach Gerechtigkeit und gegenseitiger Solidarität, wie sie Jürgen Habermas in „Gerechtigkeit und Solidarität“ (1986) gefordert hat. Unbestritten bleibt die Forderung der globalen Interdependenz nach universeller Solidarität, die es durchweg zu bewachen gilt.

Europa untergräbt sein Überleben

Eine weitere Dimension von Solidarität ist die menschliche Identität zwischen gestern und morgen: Indem wir uns unserer Geschichte und Tradition gleichermaßen wie unserer Verantwortung für die zukünftigen Generationen bewusst werden, relativieren wir unsere Probleme wie nationale Grenzen. Und indem wir uns für solidarische Empathie entscheiden, überwinden wir nationale Grenzen. Von eben dieser grenzenlosen Solidarität spricht auch Terenz, wenn er schreibt: „Ich bin ein Mensch, ich glaube, mir ist nichts Menschliches fremd.“

Zurück zu Europa: Es ist schmerzhaft, zu sehen, dass ein so geistig wie wirtschaftlich starkes Europa an seinem Leitmotiv zweifelt – der Solidarität. Es ist ein trauriges Bild, das man derzeit von Europa bekommt: Verwirrt und ängstlich gehorcht es den Gesetzen des Finanzmarktes, verliert seine Identität und untergräbt sein Überleben. Traurig aber wahr – es ist ein Europa, das angesichts der derzeitigen Krise die Worte Titus Maccius Plautus’ Realität werden lassen könnte: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Volker Bouffier, Detlev von Larcher, Markus Meckel.

Leserbriefe

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