Die Rückkehr der Fugger

Parag Khanna5.01.2014Politik

Die Frage nach der Macht ist uninteressant. Denn wir befinden uns in einem neuen Mittelalter, in dem Einfluss die wichtigste Größe ist.

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Macht gilt noch immer als Währung der Weltpolitik. Aber ein statisches und unflexibles Verständnis von Macht ist nicht länger in der Lage, die vielschichtige und multipolare Realität abzubilden.­ Was zählt, ist Einfluss, nicht Macht.

Das Militär mag weiterhin die offensichtlichste Machtquelle eines Landes sein, aber wir wissen auch, dass solche Macht und ihr Einsatz nicht zwingend die gewünschten Ergebnisse erzielt. Die Erfahrungen der USA in Afghanistan und Irak haben das schmerzhaft bewiesen. Wir dürfen also nicht länger damit rechnen, dass bloße Machtfülle – ob nun militärisch, politisch oder wirtschaftlich – der entscheidende Faktor auf der internationalen Bühne ist.

Stattdessen sollten wir Einfluss analysieren, die Art und Weise, wie Macht zur Steigerung des eigenen Einflusses eingesetzt wird. Einfluss – anders als Macht – ist keine statische Größe, da er nur im Verhältnis zu etwas anderem existiert. Niemand kann über Einfluss wie über Macht verfügen. Er definiert sich immer nur im Kontext, verändert sich also ständig.

Hongkong ist wichtiger als Mexiko

Nehmen wir als Beispiel den Einfluss der Finanzwirtschaft auf die Regierung. Nach der Finanzkrise, so wurde spekuliert, würde der öffentliche Sektor seinen Einfluss geltend machen und diesen Wirtschaftszweig stark regulieren. Aber das ist ganz offensichtlich nicht geschehen. Die Wirtschaft hat ihren Einfluss clever genutzt und ihre Autonomie bewahrt.

Die Frage nach dem bloßen Besitz von Macht ist also uninteressant. Wir sollten stattdessen fragen, wer heute Einfluss hat. Für den größten Teil des 20. Jahrhunderts waren das Nationalstaaten. Doch sie haben mittlerweile Konkurrenz bekommen: Städte, Unternehmen und Gemeinden – deren wichtigste Werkzeuge sind systemische Faktoren wie Kapital und Technologie. Es ist allerdings ­unklar, welcher dieser vier Akteure den Ton angibt.

Die finanziellen Fähigkeiten vieler Unternehmen oder Städte sind größer als die von Ländern. Ein Blick auf die G20 macht klar, dass von den vermeintlich wichtigsten Ökonomien viele nicht mehr systemrelevant sind, Italien oder Argentinien etwa. Hongkong ist als finanzieller Knotenpunkt und Wirtschaftsstandort viel bedeutender als Mexiko. Würde Mexiko von heute auf morgen von der Weltkarte verschwinden, wären die finanziellen Folgen für den Rest der Welt viel geringer, als wenn Hongkong verschwände. Auch wenn das nur eine hypothetische Überlegung ist, macht sie doch einiges deutlich.

Natürlich sind Staaten wie die USA, China oder Deutschland höchst einflussreich. Aber das liegt daran, dass sie die Akteure mit dem größten Einfluss beheimaten. Nun wäre es allerdings zu kurz gesprungen, die amerikanische Regierung für die einflussreichste der Welt zu halten, nur weil in den Staaten viele einflussreiche Akteure sitzen. Denn nur wenn diese vom Weißen Haus auch effizient koordiniert werden, entsteht wahrer Einfluss.

Das von Staaten dominierte Gleichgewicht der Macht ist gekippt. Wir sind Zeuge einer Epoche, in der Staaten abhängig sind von Städten und Unternehmen – und nicht mehr andersherum. Die meisten Länder haben eine besonders wichtige Stadt, von der ihre Wohlfahrt maßgeblich beeinflusst wird. Würde diese Metropole zusammenbrechen, geschähe das Gleiche mit dem Staat. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und suchen Sie ein erfolgreiches Land, das nicht mindestens eine erfolgreiche Stadt besitzt – Sie suchen vergeblich.

Das Problem mit der Demokratie

Die Auswirkungen dieser Entwicklung werden immer deutlich. Die Londoner diskutieren – wenn auch nicht ganz ernst gemeint – wie sie sich von Großbritannien abspalten könnten. Ihnen ist klar, dass das Verhältnis ihrer Stadt zum Rest des Landes unausgewogen ist. Der Großteil der britischen Steuereinnahmen und des BIP werden in der City erwirtschaftet, um dann gleichmäßig im Land verteilt zu werden. Hätten die Londoner Kontrolle über diese Einnahmen, würde der Rest Großbritanniens verwelken.

Dennoch ist diese Phase globaler Politik, in der verschiedene Akteure um Einfluss ringen, nicht ohne historisches Vorbild. Ich begreife sie als eine Art „neues Mittelalter“, weil dieses Bild eine ­adäquate Umschreibung der Machtverhältnisse liefert. Die ­Periode zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert weist einige erstaunliche Parallelen zur heutigen Welt auf. Das Mittelalter war ein multipolares und multi­zivilisatorisches System. Den modernen Nationalstaat gab es noch nicht und Imperien, religiöse Kräfte, Städte, Unternehmen und Familien rangen um Macht und Einfluss – genau wie heute. Historisch betrachtet, ist die exklusive Macht des Staates also die Ausnahme, nicht die Regel.

Und dennoch wird der Staat für eine besondere Eigenschaft geschätzt: Er ist demokratisch ­legitimiert. Das Problem mit der Demokratie als einziger Quelle von Legitimität ist jedoch, dass sie sich nur bei Staaten finden lässt – und folglich alle ­anderen Akteure außen vor lässt. Wollen wir diese jedoch in das aktuelle System einbetten, sollten wir andere Kriterien anlegen, die auch nicht-staatliche Akteure erfüllen können. Die Überwachung und Kontrolle durch Dritte oder eine steigende oder sinkende Marktreputation verlangen ebenfalls nach Rechenschaft. Demokratische Legitimität ist in diesem neuen System nur eines von mehreren Kriterien. Selbst westliche Demokratien sind nicht vollständig legitimiert, wenn es keine ­Rechenschaftspflicht am Markt gibt. Wer das ignoriert, kann das große Bild nicht erkennen.

Die Angelegenheiten des 21. Jahrhunderts sind zu komplex, als dass ein paar Staaten allein sie in den Griff bekommen könnten. Wer sich auf die ­alleinige Macht des Nationalstaats versteift, übersieht die Komplexität der Realität.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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