Die Kriminalisierung des Drogenkonsums hat weder Angebot noch Nachfrage grundlegend verändert. Wolfgang Nešković

Stadt, Land, Fluss

Megacitys werden immer wichtiger. Mit Größe und Wirtschaftskraft wächst auch die politische Macht. Das 21. Jahrhundert wird nicht von Nationalstaaten dominiert werden, sondern von wichtigen urbanen Zentren. Statt Landesparlamenten regieren uns zukünftig Stadträte.

Das 21. Jahrhundert wird nicht von den Nationalstaaten USA, China, Brasilien oder Indien dominiert werden, sondern von Städten. Angesichts wachsender Komplexität werden sie und nicht Staaten immer mehr zu Knotenpunkten und Ankern einer neuen Weltordnung. Die Zukunft liegt nicht im globalen Dorf, sondern in globalen Netzwerken von Dörfern.

Zeit, Technologie und Bevölkerungswachstum haben diese Urbanisierung massiv beschleunigt. Schon heute leben 50 Prozent der Menschen in Städten, und diese Zahl nimmt weiter zu. 30 Prozent der Weltwirtschaft und ein Großteil der Innovationen werden von den 100 wirtschaftskräftigsten Städten beigetragen. New York City hat eine stärkere Wirtschaft als alle 46 afrikanischen Staaten südlich der Sahara zusammen. Hongkong wird jedes Jahr von mehr Touristen besucht als ganz Indien. Diese Städte sind Motoren der Globalisierung. Ihre langfristige Stärke beruht auf Geld, Wissen und Stabilität.

Gleichzeitig können wir jedoch beobachten, dass sich eine neue Art der Megacity herausbildet. Sie stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Globale Migrationsbewegungen haben nicht nur für schnelles Wachstum bestehender Städte gesorgt, sondern auch neue Ballungszentren aus dem Boden gestampft. Die Größenordnung dieser Bevölkerungsverschiebungen ist enorm, von den Fabrikstädten in der Guangdong-Provinz in China bis zu den künstlichen “Wissenszentren” in der arabischen Halbwüste. Das sind die Städte, die das neue urbane Zeitalter definieren werden. Ihre Bevölkerung muss in Zehnmillionen gemessen werden, ihre Skyline erstreckt sich gen Horizont, soweit das Auge reicht.

Viele dieser Städte werden die Länder, in denen sie liegen, vor große Herausforderungen stellen. Kein Staat kann ohne einen urbanen Anker überleben – das gilt sogar für Kabul oder Sarajewo –, und gleichzeitig wachsen mit den Städten auch die Konkurrenten für Nationalstaatlichkeit. Die Einkommensschere zwischen Stadt und Land ist heute schon enorm, vor allem in Schwellenländern wie Brasilien, Indien, China oder der Türkei.

Weder die Modelle des 19. Jahrhunderts – das Bismarck’sche Allianzgebilde –, noch die Blockpolitik des 20. Jahrhunderts sind hilfreich, wenn es darum geht, diese neue Weltordnung zu verstehen. Wir sollten uns stattdessen eher ein Jahrtausend zurück besinnen: Kairo oder Hangzhou waren damals globale Handels- und Kulturzentren inmitten einer grenzenlosen, weiten Welt. Auf seinem Weg nach China zahlte Marco Polo Zollgebühren nicht an Staats-, sondern an Stadtgrenzen. Der Reichtum und die Macht der Städte waren so berauschend, dass viele Europäer den Beschreibungen Marco Polos nicht recht trauen mochten. Doch das Mittelalter war nur in Europa eine dunkle Epoche – anderswo florierten die ersten Metropolen.

Damals wie heute sind Städte die wahren Magneten der Wirtschaft, die Motoren der Politik und, immer mehr, die Lenker der Diplomatie. Sogar Städte, die kein Regierungssitz sind, agieren doch in ähnlicher Art und Weise. New York ist das beste Beispiel, Schanghai ebenso. Außenpolitik scheint sich sogar zwischen den Städten eines Landes abzuspielen. New York und Washington streiten über die Regulierung der Finanzmärkte, Dubai und Abu Dhabi ringen um die Vormachtstellung in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Weltordnung der Städte folgt nicht mehr den Richtlinien des nationalstaatlichen Systems. Städte setzen sich ihre eigenen, opportunistischen Handlungsmaximen. Es geht um Effizienz, Netzwerke und – vor allem – um Sicherheit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Saskia Sassen, Alexander J. Schmidt, Ross von Burg.

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