Post-Privacy bedeutet, sich nackt zu machen. Christian Heller

Gʼsund samma!

Wir Bayern leben in Gottes eigenem Land, haben das schwerste Abitur und besitzen die meisten Schlösser. Fehlt nur noch eine Prise Mao Zedong.

Wenn früher jemand auf die Idee gekommen wäre, Bayern als „Kleinod der Schöpfung“ zu bezeichnen, hätte er sich eine Reaktion eingeheimst, die man in Bayern a Fotz’n (vulgo Watsch’n) nennt. Was uns sagt: Der Bayer ist nicht zu fassen! Gilt doch der bajuwarische Erdling im Universum als mit der höchsten Identität gesegnet. Dieser Wahn ist ansteckend, das wissen wir spätestens, seit der Tegernsee besiedelt ist: ganzjährlicher Almabtrieb, unautorisierte Zeitgeisttrachtenträger sowie Berufsbayern in real existierenden, gau-typischen, echt bayerischen Loden- und Leinen-Machwerken aus der Dritten Welt.

Wird einer des Nachts in Bayern ausgesetzt, weiß er am Morgen schnell, wo er ist. Denn blickt er über sich, steht da ein in Lodensack gekleideter Vollbart, ein jägergleicher Lederhosenträger mit Rasierpinsel auf dem Hut, und wirft ihm vor, Preuße zu sein. Und hoffentlich einer mit viel Heimweh. Da, wo der Lederhosenlatz sein sollte, ist ein Notebook angebracht. Auf dem Bildschirm erklärt dem Preußen ein abgehalfterter Ministerpräsident, wie man die ganze Stadt München zehn Minuten näher an den Hauptbahnhof bringt. Überall gilt nur die Messlatte des Herrn, kein Relativismus! Oder auf bayerisch: Habemus Papam. „Ach du liebe Zeit, ich bin in Bayern“, denkt schockiert der preußische Alien.

Mia san mia

Warum der Bayer so sehr auf das Modell Extrawurst setzt? Unterbewusst meint er, minderwertig zu sein, der Depp der anderen. Hinzu kommt mürrische Unzufriedenheit und Zerrissenheit plus Minderwertigkeitskomplexe und natürlich der Twist des Ganzen: ein übersteigertes „Mia-san-mia-Gefühl“. Und das nur, weil ganz Bayern – beziehungsweise das dominante München – keine Eingeborenen kennt, sondern nur Zuagroaste! Dadurch entsteht der weltbekannte bayerische Grantler.

Und das schmiert ihm der eigene Sender, der Bayerische Rundfunk, auch noch ständig mit Heimatkampagnen aufʼ s Butterbrot. Da half auch das Pontifikat des gebürtigen Marktlers nicht, wenn auch der Freistaat durch Benedikt XVI. zu Gottes eigenem Land geworden war. Und das ohne Relativismus. Es galt nur noch die Messlatte des Herrn, meinte zumindest der Papst a.D. Und da freut sich dann das katholische Schaf in typisch bayerischer Oberhäupterverehrung: „A Hund issa scho, unser Beni, logisch, ois is relativ.“

Und mit dem Tod, da kennt er sich aus, der Bayer, notorisch gefährdeter Edelweißpflücker, der eine Todesangst nicht kennt: „Gʼsund samma!“. Lieber macht er einen Witz über seinen soeben verstorbenen Großvater: „Gʼwachsen wär’ er eh nimma!“ Und so schleppt er den „preußischen Alien“ auf eine katholisch-bayerische Beerdigung. Dort kann es passieren, dass neben dir ausgerechnet der lange Hagere dem kleinen Dicken in christlicher Anmutung bescheidet: „Bei dir wird’s einmal schwierig bei der Beerdigung mit den Sargträgern, weil für vier Träger bist du zu schwer und für sechs zu kurz.“

Diesseits wie jenseits. Der Bayer stellt sich die Frage, so dass die Luft scheppert: „Ja, sind denn wir alle deppad?“ und antwortet: „Ja!“. Dann folgt die Vertiefung dieser Erkenntnis seiner selbst – Erleuchtung: „Wahrscheinlich denken wir Bayern alle so“. Deswegen muss man allen anderen wieder mal zeigen, wo der Bartl den Most holt – also wo der Hammer hängt.

Das schöne Bayernland und die CSU

Wahlen finden in Bayern früher statt und wenn wir es für richtig halten, weil wir damit wieder weit vorn sind. Das schöne Bayernland verdankt der Bayer allein der CSU. Immerhin sind wir führend in der ewigen Tabelle des Schlösserbauens. Wir haben das schwerste Abitur. Bei uns spielt die tollste Fußballmannschaft. Wichtig wirkst du nur, wenn die anderen es merken: Von wegen geheime Wahl, das gilt nicht für die Terminwahl der Wahl, die ist nicht wirklich geheim. Was meinen Sie denn, wo sonst immer diese Traumergebnisse herkommen?

Zur Zeit ist leider das Stimmvieh der Christenpartei auf der Pensionsweide der Freien Wähler. Außerdem sind auch noch alle politischen Kameras auf Massenfreilassungen aus den Gefängnissen und vor allem den psychiatrischen Anstalten gerichtet. Und beim showträchtigen Gnadenakt der Haderthauer-Amnestie jubeln dann alle. Wenn’s zeitlich nicht passen sollte, gibt’s stattdessen die Übertragung eines Preisschafkopfens aus Passau.

Zur bayerischen Außenpolitik: Bei der Geburtstagsfeier eines Löwenpräsidenten wurde Theo Waigel gefragt, wo denn der Edmund Stoiber sei, der – wie wir sowieso alle wussten – in einem Anflug bayerischer, selbst verordneter Außenpolitik gerade Moskau anflog. Waigel antwortete: „In Moskau, Frieden schaffen ohne Waffen!“ Man erkennt schon an dieser launigen, leicht rivalisierenden Wendung: Eine vernünftige Politik des Äußeren kann so nicht zustande kommen. Es fehlen Tito, Mao Zedong und ein bisschen Nelson Mandela. In einem Wort: der heilige Franz Josef. Denn Franz Josef Strauß wusste, dass Bayern nur mit einer starken CSU funktioniert. Und die wiederum gibtʼs nur, wenn die Maxime lautet: Rechts und links von der CSU darf es keine demokratische Partei geben. Regiert wird in Kreuth nach der Sonthofener Saustall-Strategie!

Das wären dann endlich wieder die glücklichen Zeiten, in denen FJS nur niesen musste und nicht nur die CDU sofort einen Schnupfen bekam.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Hausmann, Christian Lindner, Gunter Weißgerber.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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