Kollektives AfD-Bashing wird zum Rohrkrepierer

von Oswald Metzger22.09.2017Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Wenn einem besonnenen Mann wie Kanzleramtschef Peter Altmaier vier Tage vor einer Bundestagswahl zur AfD nur der undemokratische Appell einfällt, dass Nichtwählen besser sei als AfD zu wählen, dann muss die Not des politischen Establishments groß sein. Dieser Wahlkampf war für mich ein Lehrstück, wie man eine sich selbst zerlegende Partei durch Dämonisierung und Stigmatisierung wieder stark macht.

Dieser Wahlkampf zeigte für mich lehrbuchmäßig, wie eine Partei, die sich durch persönliche Intrigen, öffentlich ausgetragene Machtkämpfe und juristische Scharmützel bei der Aufstellung von Landeslisten selbst aus dem Rennen um Bundestagsmandate zu nehmen schien, fröhliche Wiederauferstehung feiert – dank der Dämonisierung und Stigmatisierung durch die versammelte etablierte Konkurrenz.

Die AfD hat Honig aus der Stigmatisierung gesaugt

Ja, die AfD hat – je länger der Wahlkampf dauerte – immer mehr Honig aus der ihr von allen Seiten zugeschriebenen Rolle als „Tabubrecher“ und „Nazi-Partei“ saugen können. Eine Partei, über die sich alle etablierten politischen Lager und Medien so furchtbar aufregen, ist die ideale Projektionsfläche für von der Politik Frustrierte. Und davon gibt es ja weiß Gott viele – nicht nur im Osten. Wenn dann der Hausmeier der Kanzlerin, Kanzleramtschef Peter Altmaier, vier Tage vor dem Wahlsonntag das Nichtwählen in mißverständlichen Interviews als demokratischer einstuft als das AfD-Wählen, dann mobilisiert er Protestwähler erst recht zur AfD-Wahl. Was hat den besonnenen Altmaier zu diesem undemokratischen Ausfall bewogen? Das Gespür vielleicht, dass die Union am Sonntag prozentuale Verluste mindestens in der Größenordnung der SPD zu erwarten hat?

Kauder: “Mit denen möchte ich nicht in Talkshows sitzen.”

Nur zur Erinnerung: Nach der Abwahl des Parteigründers Bernd Lucke im Juli 2015 und der anschließenden Abspaltung der eurorettungsskeptischen „Professorenriege“ schien das Ende der AfD besiegelt. Abgesänge wurden bereits angestimmt. Doch eine etablierte Allparteien-Willkommenskultur entpuppte sich im Herbst 2015 als Katalysator einer AfD-Wiedergeburt, die zu hohen Wahlergebnissen bei den Landtagswahlen des Jahres 2016 führte. Statt die Sorgen vieler AfD-Wähler vor den Folgen der Masseneinwanderung, der Angst vor dem fundamentalistischen Islam und der Furcht vor zunehmender Kriminalität ernsthaft aufzugreifen, wurde monatelang mediale und politische Ausgrenzung betrieben. Der AfD-Wähler wurde pauschal als intoleranter Rassist geschmäht oder gleich in die Nazi-Schublade gesteckt. Das mochte für eine Reihe von Funktionären der AfD die zutreffende Einordnung sein, aber nicht für Millionen Wähler der neuen Partei. CDU-Fraktionschef Volker Kauder hatte bereits nach dem Einzug der AfD ins Europaparlament im Jahr 2014 die Devise ausgegeben: „Mit denen möchte ich nicht in Talkshows sitzen.” Die AfD nahm die „Märtyrer-Rolle“ dankend an, lebt man damit bekanntlich doch ganz schön bequem und lange.

AfD-Bashing wird zum Rohrkrepierer

Inzwischen kann zwar von medialer Ausgrenzung keine Rede mehr sein. Es gibt kaum ein TV-Format, in dem nicht auch regelmäßig AfD-Vertreter einen Platz haben. Doch das kollektive „AfD-Bashing“ ist ihnen gewiss – von der Konkurrenz und oft auch von der Moderation. Weil am Ende dieses Wahlkampfs entweder die Fortsetzung der ausgelaugten „Großen“ Koalition oder ein Dreierbündnis aus Union, FDP und Grünen stehen dürfte, taten sich die etablierten Akteure bei keinem Thema wirklich weh. Man weiß ja schließlich nie, ob man nach der Wahl nicht mit am Kabinettstisch sitzt. Allein die AfD ist zum gemeinsamen Feindbild erkoren worden, hat diese Rolle auch nur zu gern provoziert und kultiviert. Deshalb wissen die meisten Unzufriedenen am Wahltag, wo sie ihr Kreuz machen müssen, wenn sie das politische Establishment düpieren wollen. So könnte das AfD-Bashing für das Establishment zum Rohrkrepierer werden.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

So läuft das mit den Schleppern wirklich - Ein Migrant packt aus

Die illegalen Schlepperboote stehen mit den Booten der NGOs wie der Sea Watch in direktem Kontakt, sie kommunizieren miteinander und sprechen das Schleppen der Migranten im Mittelmeer untereinander ab, so Petr Bystron.

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu