Mario Draghi auf Alan Greenspans Spuren

von Oswald Metzger25.08.2017Europa, Innenpolitik, Wirtschaft

Alan Greenspans ultralockere Geldpolitik befeuerte im letzten Jahrzehnt die US-Immobilienpreisblase, deren Platzen eine globale Finanzkrise auslöste. Mario Draghi stellt seiner Nullzinspolitik ein erstklassiges Zeugnis aus. Dass er auf Alan Greenspans gefährlichen Pfaden wandelt, scheint er zu verdrängen. Und die Politik goutiert die Zinsersparnisse und meidet unpopuläre Reformen.

Mario Draghi stilisiert sich gern als Retter des Euro. Beifall gibt es dafür regelmäßig aus Südeuropa und der angelsächsischen Ökonomenzunft. Bei der Nobelpreisträgertagung in Lindau nannte er am Mittwoch die unkonventionelle Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) einen „vollen Erfolg“. Sein Eigenlob ist ein Seitenhieb an die Adresse des Bundes-verfassungsgerichts in Karlsruhe, das Mitte August deutliche Vorbehalte gegen die Staatsan-leihenkäufe der EZB formuliert und in dieser Frage den Europäischen Gerichtshof (EuGH) einschaltet hat.

Auch nach Jackson Hole keine Exit-Strategie

Nach Draghis Auftritt am Bodensee war kaum zu erwarten, dass beim Notenbank-Treffen im amerikanischen Jackson Hole am Wochenende deutliche Signale in Richtung Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik zu hören sind – jedenfalls nicht von ihm. Womöglich verlangsamt selbst die US-Notenbank (Fed) ihren Zinserhöhungspfad, weil die chaotische Trump-Administration und die jüngsten US-Konjunkturdaten zur Vorsicht mahnen.

Alan Greenspans Zinspolitik befeuerte die Immobilienblase

Die Risiken einer ultralockeren Geldpolitik sind nicht nur theoretischer Natur. Sie waren der Auslöser der verheerenden Immobilienpreiskrise, die ausgehend vom kollabierenden US-Häusermarkt vor neun Jahren Schockwellen auf den globalen Finanzmärkten auslöste. Dafür stand der langjährige Fed-Chef Alan Greenspan, lange verehrt, aber schlussendlich mit seiner Niedrigzinspolitik verantwortlich für eine Vermögenspreisblase ungeahnten Ausmaßes. Dass die US-Finanzindustrie mit einer geschickten „Verpackungsstrategie“ wertlose Immobi-lienpakete schnürte und sie an gierige Banken rund um den Globus hochpreisig verscherbel-te, erhöhte das Infektionsrisiko bekanntlich dramatisch. Die Auswirkungen auf die Realwirt-schaft waren gewaltig. In Deutschland führten die Folgen im Jahr 2009 zur schärfsten Rezes-sion seit dem II. Weltkrieg.

Die Abschaffung des Zinses befördert die Spekulation

Wer den Zins als Risikoprämie abschafft, erntet gewaltige Risiken und Nebenwirkungen. Die Vermögenspreise – Aktien und Immobilien – haussieren. Die Finanzmärkte hängen wie Jun-kies an der Nadel der Notenbanken. Die Werthaltigkeit von Vermögensanlagen steht weniger im Fokus als die supergünstigen Finanzierungsbedingungen. Es wird allenthalben wieder Schrott gekauft, weil hohe Renditen dazu verführen. Klassische Sparanlagen versprechen keine Rendite mehr – trotz relativ niedriger Inflation. Also treiben die Notenbanken die Märkte in spekulative Anlagen, die Verbraucher in den Konsum. Dabei verlangte die Alterung der Gesellschaft dringend nach mehr solider Vorsorge.

Politischer Reformelan wird vom Niedrigzins erstickt

Auch die Politik wird ins Risiko getrieben. Im Monatsbericht der Bundesbank vom Juli 2017 ist akribisch aufgelistet, wie hoch die Zinsausgabenersparnisse der Euroraum-Länder wegen der Nullzinspolitik im Vergleich der Jahre 2007 (Vorkrisenjahr) und 2016 ausfallen. Obwohl (bis auf Malta) alle anderen 18 Euro-Länder ihre Staatsschulden in diesen neun Jahren massiv ausgeweitet haben, sanken die kumulierten Zinsausgaben um fast 1 Billion Euro, wenn man die damaligen Refinanzierungskosten mit den aktuellen vergleicht. Allein für Deutschland errechnet die Bundesbank eine gesamtstaatliche Zinsersparnis von knapp 250 Milliarden Euro in neun Jahren. Ohne diesen Effekt wäre Wolfgang Schäuble nicht Herr der schwarzen Null. Die dramatischste Konsequenz dieser Wind-Fall-Profite: Die Politik verzichtet europaweit auf eine Konsolidierung der Staatsbudgets. Doch die Zinswende kommt ebenso sicher wie die nächste Rezession. Die mangelnde Vorsorge wird sich bitter rächen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Frau Weidel: Was hat es zu bedeuten, dass ich per Google nur Schweigen der AfD zu dieser Frage vorfinde?

Nach dem Attentat in Halle hat Boris Palmer (Die Grünen) an Alice Weidel (AfD) einen Offenen Brief geschrieben und fragt: "Wäre es nicht notwendig, dass Sie zu dieser Tatsache eine politische Bewertung abgeben? Wie stehen Sie dazu, dass Rassismus und Antisemitismus in Deutschland wieder zu Morden

Erdogan will die Tore bis Wien öffnen

Trumps wilder Rückzug aus Syrien macht Erdogan den Weg frei für seinen historischen Masterplan: Ein Eroberungsfeldzug zur Wiederherstellung des Osmanischen Reiches. Nicht nur die Kurden sind in Gefahr. Auch Europa droht gewaltiges Ungemach.

„Das Volk gegen seine Vertreter“ lautet Johnsons Devise

Der Mann hat keine Skrupel. Er agiert in einem bemerkenswert polemischen Wahlkampfmodus. Da wird das Florett der Rhetorik beiseitegelegt und zum rostigen Beil gegriffen. Boris Ziel sind Neuwahlen, weil er hofft, dass ihm die Wähler Recht geben und sich gegen ihre Vertreter im Unterhaus wenden werde

Fünf Gründe warum die Linkspartei an Geltungskraft verliert

Einst regierte die LINKE den Osten unisono und war als Kümmererpartei allgegenwärtig. Der deutsche Osten der Puls und die Partei seine Herzkammer. Doch die Windrichtung hat sich geändert, die Herzen auch: Die LINKE ist im Abschwung und verliert an Atem, ihr droht der Infarkt, wenn nicht gleich de

"Sag' mir, wo du stehst!"

Kann man den Klimawandel als ernstes Problem betrachten und trotzdem genervt sein von der allgegenwärtigen Klimapropaganda?

Die Menschen werden sich nach Angela Merkel später sehnen

In Thüringen wird Ende Oktober ein neuer Landtag gewählt. Schafft es die CDU mit Mike Mohring das linksgrüne Bündnis von Bodo Ramelow abzulösen? "The European" hat den Preisträger des "SignsAwards“ getroffen und sprach mit ihm über das System Volkspartei, über die Zukunft Europas und über

Mobile Sliding Menu