Der Kapitalismus hat ziemlich verschissen

Oswald Metzger30.10.2016Außenpolitik, Innenpolitik, Wirtschaft

Der Kapitalismus ist besser als sein aktueller Ruf. Weil ihm das sozialistische Gegenmodell abhandengekommen ist, das in der Praxis mehr schlecht als recht reüssierte, wird er heute aber schärfer denn je kritisiert – nicht immer zu Unrecht.

Ich weiß, Fäkalsprache als Aufmacher eines Worts zum Sonntag wirkt deplatziert. Doch die drastische Wortwahl passt zu einem Zeitgeist, der unsere Wirtschaftsordnung, ihre globalen Verstrickungen und merkantilen Obszönitäten fundamental kritisiert. Unternehmerische Freiheit, die in einer Marktwirtschaft (angelsächsisch: im Kapitalismus) auf der Garantie von Privateigentum und Vertragsfreiheit beruht, ist längst diskreditiert. Wesentlichen Anteil an dieser massiven Rufschädigung haben Akteure in der Finanzbranche, die in gnadenloser Gier und ohne Rücksicht auf Verluste das genaue Gegenteil des nicht nur in Deutschland geschätzten Bilds vom ehrbaren Kaufmann verkörpern.

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren!

Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren! Diese Erfahrung machte die Welt in allen großen Finanzkrisen, weil riskantes Spekulantentum eben nicht mit der schärfsten Waffe im Kapitalismus bestraft wird: dem Totalverlust. Der Steuerzahler zahlt im Zweifel immer die Zeche. Und damit ist das Haftungsprinzip für „systemrelevante“ Finanzunternehmen und ihre Eigentümer faktisch außer Kraft gesetzt. Eine Todsünde wider eines der bewährtesten marktwirtschaftlichen Sanktionsprinzipien!

Der Freihandel, der Gütern, Dienstleistungen und Kapital möglichst unbehindert von Zollschranken und anderen Handelshemmnissen Zugang zu den Märkten dieser Welt gewährt, ist schwer in der Bredouille. Der Widerstand gegen Freihandelsabkommen nimmt teilweise paranoide Züge an. TTIP und CETA sind zu Metaphern für den Gottseibeiuns unserer Tage geworden.

Deutschland ist größter Globalisierungsgewinner

Dass der Widerstand in Deutschland so stark geworden ist, macht fassungslos. Denn gerade unser Land ist der größte Globalisierungsgewinner der Welt. Deutschland hat seinen Wohlstand ganz wesentlich der Exportleistung seiner Wirtschaft zu verdanken, die ohne den ungehinderten Zugang zu vielen Märkten der Welt unmöglich wäre. Südamerika und Afrika, aber auch Teile Asiens könnten sich mit viel mehr Recht gegen die systematische Ausbeutung durch den „Raubtierkapitalismus“ auflehnen. Denn dort beuten internationale Großkonzerne Bodenschätze aus, ohne dass die Wertschöpfung zur Wohlstandsmehrung in den Ländern beiträgt. Dort wird von ausländischen Nahrungsmittelkonzernen landwirtschaftliche Monokultur im großindustriellen Maßstab auf Millionen von Quadratkilometern betrieben – ohne Rücksicht auf Böden und Grundwasser.

Hunderte Millionen Menschen schaffen Aufstieg aus absoluter Armut

Komplett untergegangen im politischen Narrativ der Globalisierungskritiker ist freilich, dass sich Hunderte Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten auf diesem Globus aus absoluter Armut zu bescheidenen Wohlstand hocharbeiten konnten. In Asien vor allem glang ein Aufstieg, der eine leistungs- und konsumbewusste obere Mittelschicht aufwachsen ließ, die sich etwa teure Autos „Made in Germany“ kauft. Das garantiert schon viele Jahre deutschen IG-Metallern in den hiesigen Fabriken mehr als ordentliche Facharbeiterlöhne. Im Umkehrschluss bedeuteten abgeschottete Märkte und protektionistische Handelsbarrieren, dass der internationale Handel schrumpfen und Einkommen, wenn nicht gar Arbeitsplätze zuhauf in der deutschen Exportwirtschaft kosten würde.

Die Weltwirtschaft ist keine Einbahnstraße

Die reifen Volkswirtschaften, ihre Bürger und Politiker, scheinen die Weltwirtschaft lange als Einbahnstraße verstanden zu haben. Man freute sich anfangs über wachsende internationale Absatzmärkte. Als aber der Konkurrenzdruck durch „hungrige junge Volkswirtschaften“ immer größer wurde und sich Amerika schleichend deindustrialisierte, besannen sich selbst die kapitalistischen USA auf ihre protektionistische Ader. In jedem US-Wahlkampf ist seit vielen Jahren eine einfache Losung zu hören. Donald Trump ist nur ein besonders lauter Lautsprecher des „Buy American“ geworden.
Die Formulierung geht zurück auf ein entsprechendes Gesetz, den „Buy American Act“, das 1933 als Folge der großen Depression 1929 und Folgejahre vom US-Kongress beschlossen wurde. Es verpflichtete die US-Regierung, inländische Produkte bei ihren Einkäufen zu bevorzugen. Weil sich viele Handelsnationen als Folge der damaligen Weltwirtschaftskrise ähnlicher Verhaltensmuster bedienten, Zollschranken und andere Restriktionen für den internationalen Handel aufbauten, brach der Welthandel auf Jahrzehnte ein. Die ökonomische Ab-schottung führte rund um den Globus zu einer langandauernden Rezession mit Massenarbeitslosigkeit und Armut. Radikale politische Kräfte gewannen Einfluss und Macht, nicht nur in Deutschland, wo der Aufstieg der NSDAP schließlich in Holocaust und II. Weltkrieg mündeten.

Die Moral aus dieser Sonntagskolumne:

1. Der Kapitalismus ist besser als sein Ruf. Weil ihm das sozialistische Gegenmodell abhandengekommen ist, das in der Praxis mehr schlecht als recht reüssierte, wird er heute aber aber schärfer denn je kritisiert – nicht immer zu Unrecht!.

2. Wer den Welthandel durch Zollschranken und andere Handelsbarrieren zurückdrängen will, riskiert nicht nur einen Handelskrieg, wie uns das letzte Jahrhundert bewiesen hat. Er erntet Nationalismus, Rassismus und – Gott bewahre! – Krieg.

3. Eine funktionierende Marktwirtschaft basiert auf ordnungspolitischen Grundprinzipien. Dazu gehört nicht zuletzt das Haftungsprinzip. Wo das konsequent angewandt wird, da wird Fehlspekulation zu Lasten Dritter wirkungsvoll verhindert.

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